China macht das Internet dicht

Die Regierung in Peking blockiert heute die letzten Schleichwege ins freie Internet. Das trifft auch westliche Firmen.

Weder Google noch Facebook: Kunden eines Internetcafés. Foto: Jie Zhao (Getty Images)

Weder Google noch Facebook: Kunden eines Internetcafés. Foto: Jie Zhao (Getty Images)

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Vielleicht wird der 31. März der Tag, den Historiker rückblickend als den Zeitpunkt sehen werden, an dem China seine Einwohner per Dekret in die Steinzeit der Informationstechnik versetzt hat. Denn dieses Wochenende will die Regierung in Peking den Hebel umlegen und alle Verbindungen zum freien Internet kappen. Mit unkalkulierbaren Konsequenzen auch für ausländische Unternehmen in China.

In den vergangenen Jahren hat Peking eine digitale Brandschutzmauer zwischen der Volksrepublik und dem Rest der Welt errichtet: die Great Firewall. Tausende Websites stehen auf dem Index. Man kann in China nicht googeln, nicht twittern oder die «New York Times» lesen. Zumindest nicht direkt. Über einen Umweg war es bisher dennoch möglich: Virtual Private Networks – kurz VPN. Das sind Schleichwege auf dem Weg ins unzensierte weltweite Internet. Man lädt sich die Software eines VPN-Betreibers auf das Smartphone oder den Computer und wird ­zunächst mit einem Server ausserhalb Chinas verbunden. Von dort gelangt man auf die gewünschten Websites.

Statt mit einem chinesischen Absender (der sogenannten IP-Adresse des Endgerätes), surft man mit der Landeskennung des Auslandservers. Der digitale Schutzwall lässt den Nutzer passieren. Unternehmen nutzen diese VPN-Schleichwege, im Fachjargon «Tunnel» ­genannt, wenn sie Niederlassungen in China ans firmeneigene Intranet anschliessen möchten, um sensible Dokumente wie Personaldaten, Baupläne, Verträge oder Lohnabrechnungen verschlüsselt zu verschicken.

Zugriff auf alle Daten

Damit wird nun Schluss sein. Das zuständige Ministerium in Peking hat angekündigt, dass nur noch solche VPN-Tunnel erlaubt werden, die über einen der staatlichen Anbieter lizenziert und zugelassen worden sind. VPN wird es also weiterhin geben, mit enormer Rechenpower und Software soll es aber möglich sein, jede einzelne Internetverbindung im Reich zu checken und eine unliebsame VPN-Verbindung sofort zu kappen. Die chinesischen Behörden werden ­jederzeit Zugriff auf die Daten haben.

«Vordergründig geht es darum, dass niemand aus China mehr Google oder Facebook erreichen kann», sagt Sandro Gaycken, Direktor des Berliner Digital Society Institute. «Der durchaus gewünschte Nebeneffekt ist aber ein Zugriff auf sensible Unternehmensdaten. Das ist Wirtschaftsspionage.»

Grundlage ist das sogenannte Cybersicherheitsgesetz, das in China letzten Sommer in Kraft getreten ist. Telekommunikationsfirmen, Energie- und Wasserversorger, Transportfirmen oder Finanzkonzerne dürfen seitdem nur noch IT-Produkte kaufen, die eine staatliche Sicherheitsüberprüfung bestanden haben. Ausserdem sind Firmen in China verpflichtet, ihre Daten den Sicherheitsbehörden auf Anfrage zur Verfügung zu stellen. Unternehmen, die Daten ohne Genehmigung ausserhalb Chinas speichern, können ihre Geschäftslizenz verlieren. Apple zum Beispiel muss deshalb Server in der Volksrepublik betreiben. Im vergangenen Sommer löschte der Konzern bereits mehr als 600 VPN-­Anbieter aus seinem chinesischen App-Store – auf Druck aus Peking.

Cyber-Sicherheitsgesetz erhöht Betriebskosten

Wie wichtig die VPN-Tunnel für ausländische Unternehmen sind, belegt eine Umfrage: Von 216 befragten Unternehmen gaben 83 Prozent an, dass VPN-Lösungen für das Geschäft «unbedingt notwendig» seien. Mehr als 40 Prozent der Firmen befürchten, dass sensible Daten bald nicht mehr sicher sein ­werden. 37 Prozent der Unternehmen erwarten, dass sich die Betriebskosten durch das Cyber-Sicherheitsgesetz ­deutlich erhöhen werden.

«Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen stellt diese Umstellung eine grosse Herausforderung dar», sagt auch Hubert Lienhard, Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. «Zusammen mit der Anforderung, dass Daten lokal in China gespeichert werden müssen, erschwert dies den international operierenden Unternehmen die Geschäftstätigkeiten. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob die Daten weiterhin sicher über­mittelt werden können.»

Zurück zum USB-Stick

Die Umsetzung hängt vor allem davon ab, ob es den chinesischen Behörden technisch gelingt, alle Verbindungen zu kappen. «Die Software dafür wurde geschrieben», sagt Sicherheitsfachmann Gaycken. Jede einzelne Internetverbindung werde künftig geprüft und notfalls getrennt. In Millisekunden. Nur wer eine Lizenz hat, werde durchgewinkt. Das ist ein Verfahren, das viel Rechenleistung braucht. Doch wenn ein Land diese ­Kosten und Mühen nicht scheut, dann China. Seitdem Staats- und Parteichef Xi Jinping an 2012 an die Macht gekommen ist, hat der Sicherheitsapparat deutlich an Einfluss gewonnen. Ökonomische Fragen werden zur Nebensache, wenn es um den vermeintlichen Schutz des Landes geht.

Bei vielen ausländischen Firmen haben in letzter Zeit IT-Experten aus der Heimat die chinesischen Standorte besucht. Mit dem Auftrag, zu klären, wie es weitergehen soll. Staats-VPN? Oder muss eine neue Lösung her? Etliche Manager haben sich auch bei Sicherheitsfachmann Gaycken gemeldet. Sein Ratschlag: «Verlasst China, und wenn das nicht geht, transportiert sensible Daten künftig auf einem verschlüsselten USB-Stick per Kurier. Patente und Betriebs­geheimnisse sind sonst für den chinesischen Staat problemlos einzusehen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2018, 07:38 Uhr

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Zensur

Wenn den Nutzern nichts fehlt

Zensur ist nie perfekt. Es gibt immer Schlupflöcher, Ausrutscher, feine Risse in der Great Firewall, Trotzköpfe und Freigeister, die durch die Löcher und Risse ins Freie spähen. Aber die Erfahrung in China zeigt: Das kann dem Regime egal sein. Zensur funktioniert, und sie funktioniert auch, wenn sie nicht perfekt ist. Hauptsache sie ist einge­bettet in ein System aus lebenslanger ­Gedankenkontrolle und Propaganda. Wenn die überwältigende Mehrzahl der Menschen überhaupt nicht mehr auf die Idee kommt, es könnte sich lohnen, hinter die Mauer zu sehen. Wenn die Leute das Gefühl haben, ihnen fehle nichts.
Das belegt eine Studie, die 1800 Pekinger Studenten von 2015 bis 2017 begleitet und ihre Internetgewohnheiten verfolgt hat.

80 Prozent der Studenten hatten vor Beginn der Studie noch nie versucht, die Great Firewall auszutricksen. Die Forscher stellten den Teilnehmern nun eine Tunnel-Software für 18 Monate kostenlos zur Verfügung. Ergebnis: Auch nach sechsmaliger Erinnerung aktivierten lediglich 53 Prozent der Studenten die Software.

Die Forscher interessierte vor allem, wie viele Studenten am Ende die Chance wahrnehmen, auf in China blockierten ausländischen Nachrichtenwebsites zu surfen. Wer würde zum Beispiel einen Blick werfen auf die chinesischsprachige Ausgabe der «New York Times»? Es waren nicht einmal fünf Prozent derjenigen, die ihren Tunnel aktiviert hatten. Ein erstaunliches Ergebnis. Nicht einmal jeder Vierzigste der Ausgangsgruppe also hatte das Bedürfnis nach Informationen ausserhalb des Propaganda­rasters. Und das bei Studenten, die eine der berühmtesten und liberalsten Hochschulen Chinas besuchte. Die am besten ausgebildeten jungen Menschen, die künftige Elite Chinas.

Zensur, heisst das, funktioniert nicht bloss, weil das Regime den Zugang zu freier Information schwierig macht, «sondern weil sie eine Umgebung schafft, in der die Bürger überhaupt nicht auf die Idee kommen, nach solchen Informationen zu verlangen», schreiben die Autoren der Studie.

Kai Strittmatter, Peking

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