Die chinesische Propaganda rappt längst selbst

Sing doch mal was über die «Leitungsgruppe zur Vertiefung der Reform»: Klar gibt es Hip-Hop in China. Aber nicht jeder Interpret darf auf die Bühne. Zum Schutz von Jugend und Vaterland.

China-Rapper GAI bei einem Auftritt an der Neujahrsgala von Jiangsu Television.

China-Rapper GAI bei einem Auftritt an der Neujahrsgala von Jiangsu Television.

(Bild: Reuters)

Kai Strittmatter

Er hatte sich wirklich Mühe gegeben. Der Rapper GAI, formerly known as «Daddy GAI, den nur die Kohle interessiert», später dann «Super GAI», seit kurzem nur noch: «GAI». Die Mädchen lieben ihn, man kann das sehen im Video vom 30. Dezember; da durfte er noch ins Staatsfernsehen. Vorsingen vor Juroren und vor vorwiegend weiblichem Publikum, dessen Kreischen den Moderator übertönte. Die Sieger der Show sollten die Chance bekommen, bei der Frühlingsfestgala des Staatssenders CCTV aufzutreten, der grössten TV-Show der Welt.

Es sah nicht schlecht aus für GAI. Goldener Blouson, braves Lächeln, noch braveres Lied: «Feuertopf! Wir essen alle Feuertopf». Begleitet von Suonas, den krächzenden traditionellen Blasinstrumenten. Stubenrein der Auftritt. Kein Schmutz, keine Schimpfwörter. Am Ende brachte GAI seine Fans noch dazu, mit ihm zusammen mehrfach im Chor zu rufen: «Unser Vaterland – es lebe hoch!» Sicher ist sicher. «Umwerfend!», urteilte danach Juror Zhu Jun. Der CCTV-Moderatorenveteran, fast doppelt so alt wie der 29-jährige GAI, kriegte sich kaum ein vor Begeisterung: «Das ist unsere moderne chinesische Jugend!» Als der Moderator in den Saal rief: «Soll er in die Gala?», kreischte die Menge: «Jaaa!»

Nun, da wird erst einmal nichts draus. Hinter den Kulissen hatten andere längst den Daumen gesenkt. Nicht nur über GAI. Über eine ganze Subkultur. Vorgeblich aus Sorge um Jugend und Vaterland. Die staatliche Presse- und Radiozensurbehörde erliess eine Anordnung: Vom Bildschirm verbannt wurden vorletzte Woche sämtliche Künstler, die «unanständig, vulgär oder obszön» sind, die «moralische Makel» haben und die «den Kernwerten der Partei» entgegenstehen. Ganz konkret sollte es jeden Künstler treffen, der ein Tattoo trägt oder dem sonstige Elemente der Hip-Hop-Kultur nachgewiesen werden können.

Verse voller Sex und Gewalt

Das war ein kurzer Frühling. Wie andere Musikstile und Versatzstücke westlicher Jugendkultur gibt es Hip-Hop schon eine ganze Weile in China. Allerdings hatten sich die Rapper lange im Untergrund eingerichtet, traten in Cafés auf, pressten selbst CDs. Verse voller Sex und Gewalt, vor allem aber der subversiv-rebellische Habitus machte das Genre dem offiziellen China suspekt. Ihren Durchbruch vor einem Millionenpublikum und in die Fernsehkanäle schafften Chinas Rapper erst im vergangenen Jahr. Daran war «The Rap of China» schuld, eine im Internet gestreamte Talentshow auf dem Portal Iqiyi, die unter jungen Zuschauern zum Hit wurde. Sieger der Show wurden GAI und der Rapper PG?One.

Die Macher von Iqiyi wussten, dass sie auf dünnem Eis tanzten. In den Untertiteln der Show, die die Rapper auf den Bildschirmen begleiteten, verwandelten sie etwa das gesungene «bitch is trou­ble» ins sonnigere, wenn auch sinnfreie «beach is trouble», und das hingerotzte «Arschloch» wurde zum etwas unverfänglicheren «Hautausschlag» (im Chinesischen wird beides «piyan» ausgesprochen). Und der Ruhm der teilnehmenden Rapper wuchs. Ein wirkliches Problem bekam der Hip-Hop aber erst kurz vor Neujahr, als alte Songs von PG?One ausgegraben wurden und sich darin Zeilen fanden wie jene über «eine Linie reinen weissen Puder».

Es half PG?One nicht, dass er sofort eine Entschuldigung veröffentlichte, in der er Amerikas Schwarzen die Schuld in die Schuhe schob: «Ich war tief beeinflusst von schwarzer Musik», schrieb er auf dem Mikro-Bloggingdienst Weibo. «Ich hatte kein korrektes Verständnis von den fundamentalen Werten der Hip-Hop-Kultur.» Das Parteiblatt «Volkszeitung» diagnostizierte, diesem Hip-Hop fehle es an ideologischer wie moralischer «Anleitung». Kurz darauf verschwanden die Rapper von den Bildschirmen.

Aus manchen schon aufgezeichneten Shows wurden sie herausoperiert, die 22-jährige Rapperin VaVa fand ihr Gesicht in der Sendung «Happy Camp» mit Spezialeffekten überpinselt. Und auch GAI halfen weder seine 4 Millionen Jünger auf Weibo noch Auftritte aus der jüngeren Vergangenheit, bei denen er sich an einer Konversion vom Gangster-Rapper zum Rap-Patrioten versucht hatte: Im Sängerwettstreit «Singer» von Hunan TV am vorletzten Freitag warteten die Fans vergebens auf GAIs Auftritt, obwohl er dort zuletzt auf Platz drei gelegen hatte.

«Reform! Reform! Reform!»

Linientreu rappen können andere ohnehin überzeugender. Ist ja nicht so, als ob die KP den Hip-Hop generell verdammen würde. Sie verlangt allerdings «positive Energie». Tatsächlich rappt die Propaganda längst selbst: Vor zwei Jahren schon brachte sie Rap-Songs unter die Leute, die Titel trugen wie «Schauen wir uns die Leitungsgruppe zur Vertiefung der Reform an» (Textprobe: «Die Leitungsgruppe zur Vertiefung der Reform ist jetzt zwei Jahre alt / und hat schon viel erreicht / Reform! Reform! Reform!»). Nun ist die nächste Phase angelaufen: Die Pekinger «Global Times» nennt es die «Harmonisierung des Hip-Hops» und schwärmt: «Chinas patriotischer Hip-Hop gewinnt schnell an Fahrt.» Da wäre zum Beispiel die Crew CD Rev, die sich mit Liedern wie «So ist China» («Der rote Drache ist nicht böse / es ist ein Land des Friedens») in die Gunst der Partei gerappt hat und auch schon mal im Südchinesischen Meer vor den Truppen auftreten darf. Oder der Rapper Sun Baiyi. Sein Song «Herrliches China» fängt so an: «Wir alle kennen die ursprüngliche Vision und die Mission der KP Chinas, sie arbeitet unermüdlich für das Glück des Volks und den Wiederaufstieg der Nation.»

Die «Global Times» verschweigt nicht, dass Sun sich den Vorwurf gefallen lassen muss, er «schleime sich bei der Regierung ein». Ein Vorwurf, den Sun als «lächerlich» abtut: Er habe schliesslich nichts anderes getan, als den Bericht des 19.?Parteitags der KP Chinas zu zitieren. Überhaupt: Sollen sich doch die US-Rapper über Ungerechtigkeiten beklagen. Er persönlich, sagt Sun, habe so etwas in China nie erlebt: «Stattdessen möchte ich mich auf die Chancen und Vorteile konzentrieren, die ich in meinem Leben erfahre.» Herrliches China eben.

Berner Zeitung

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