Der Talib, der zum Tee einlädt

Abdul Salam Zaeef sass als Ex-Botschafter der Taliban jahrelang im Gefangenenlager Guantánamo. Jetzt ist er ein wichtiger Ansprechpartner des Westens, wenn es um den Abzug aus Afghanistan geht.

Einst auf der UNO-Terroristenliste, heute geniesst er sein neues Ansehen: Mullah Abdul Salam Zaeef.

Einst auf der UNO-Terroristenliste, heute geniesst er sein neues Ansehen: Mullah Abdul Salam Zaeef.

(Bild: Keystone)

Abdul Salam Zaeef sitzt auf der Dachterrasse seines Hauses im westlichen Teil Kabuls. Staub wirbelt durch die Luft. Unten marschieren Wachmänner auf und ab. Sie tragen Maschinengewehre. Zaeefs langer Bart weht im Wind. Seine Stimme ist ruhig, aber trotz der Böen deutlich zu verstehen. Der Mullah kennt die Stimmung in Europa und den USA genau: «Der Westen ist verwirrt, die Menschen wissen nicht, was der Einsatz in Afghanistan gebracht hat – und warum ihre Soldaten in diesem Land gestorben sind.»

Von der Terroristenliste gestrichen

Nachdem die Taliban 1996 in Kabul einmarschiert waren und das Islamische Emirat Afghanistan ausgerufen hatten, diente Zaeef den Islamisten als Botschafter im benachbarten Pakistan. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 übergab der damalige pakistanische Militärmachthaber Pervez Musharraf ihn den Amerikanern, die ihn in das Gefangenenlager Guantánamo brachten. Dort sass er einige Jahre ein. Der Mullah war international geächtet. Das ist Vergangenheit. Die UNO hat ihn im vergangenen Jahr von ihrer Terroristenliste gestrichen. Uns gegenüber sitzt ein Mann, der es zu neuem Ansehen gebracht hat. Schliesslich sucht der Westen Kontakte zu den Aufständischen, seit der Krieg in eine Sackgasse geführt hat und ein Zeitplan für den Abzug festgelegt worden ist.

Westliche Diplomaten schauten häufig bei ihm vorbei, erzählt Zaeef. Sie tränken mit ihm Tee, fragten ihn um seinen Rat. Auch wenn der Geistliche darauf beharrt, er spreche nicht für die Taliban, erhoffen sich seine Besucher doch, dass er einen Draht zu den Weggefährten von einst hat. Beobachter gehen davon aus, dass er den Kontakt zu ihnen nicht ganz hat abreissen lassen.Zaeef vertritt denn auch eine nahezu identische Linie, wie sie die Taliban immer wieder offiziell verlauten lassen: «Ich mag keine ausländischen Truppen in meinem Land, der Westen muss sofort abziehen», sagt er. Für ihn gibt es einen einseitigen Schuldigen in diesem Konflikt: die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) und die dahinter stehenden politischen Entscheidungsträger. Sie hätten «der korruptesten Regierung der Welt» in Kabul zur Macht verholfen und Tausende von Zivilisten auf dem Gewissen. Dass die Taliban sowohl nach Studien der UNO wie auch einer unabhängigen afghanischen Organisation wesentlich mehr Unschuldige getötet haben, erwähnt er nicht.

Die Nordallianz, der alte Feind

Es mag Taktik sein, um die Verhandlungsposition für mögliche Friedensgespräche zwischen den Taliban, den USA und der afghanischen Regierung weiter zu stärken, aber Zaeef beharrt darauf, dass eine Aussöhnung in Afghanistan erst stattfinden könne, wenn der Westen sämtliche Vorbedingungen fallen lasse. Das könnten die Taliban nicht akzeptieren, denn es käme einer «Kapitulation» gleich.

Der Westen verlangt von den Islamisten, dass sie die Waffen niederlegen, die afghanische Verfassung akzeptieren und die Verbindungen zur al-Qaida kappen – dann könnten Verhandlungen beginnen. «Alle Vertreter dieses Landes sollen sich zusammensetzen und allein über den Frieden reden», sagt Zaeef. Schon früher hat er sich für eine überparteiliche Regierung ausgesprochen, an der alle Gruppierungen beteiligt sind. Doch diesen Vorschlag lehnen vor allem Vertreter der einstigen Nordallianz ab. Sie wollen die Taliban aus der Regierung heraushalten. «Die Menschen in Afghanistan wollen nur noch eines: Frieden», sagt Zaeef zum Abschied. Doch die Vorstellungen, wie es dazu kommen könnte, gehen weit auseinander – nach wie vor.

Tages-Anzeiger

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