Der blinde Anwalt aus Dongshigu

Hintergrund

Chen Guangcheng erblindete als Kind. Das hinderte ihn nicht daran, sich selbst zum Anwalt auszubilden und in China gegen Zwangsabtreibung und Korruption zu kämpfen. Dafür liessen ihn Provinzbeamte bitter büssen.

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Monica Fahmy@fahmy07

«Hier wurde am Mittwoch informiert, dass Chen Guangcheng die US-Botschaft in Peking Ende April aufsuchte und nach einem Aufenthalt von sechs Tagen freiwillig verliess.» So lautet die offizielle Version der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua über das Ende einer abenteuerlichen Flucht, die weltweit für Schlagzeilen sorgte. Der blinde chinesische Anwalt Chen war am 22. April in der östlichen Provinz Shandong, wo er unter Hausarrest stand, seinen Wächtern entkommen und hatte fünf Tage später in der US-Botschaft in Peking Zuflucht gefunden.

Das Communiqué von Xinhua ist das erste offizielle Statement zu Chen Guangcheng. Zuvor hatten sich sowohl US-Präsident Barack Obama, Aussenministerin Hillary Clinton – zurzeit auf Staatsbesuch in Peking – und Chinas Premier Wen Jiabao in Schweigen gehüllt. Keine Seite wollte, dass die laut diversen US-Medien «grösste Menschenrechtsangelegenheit seit den Protesten auf dem Tiananmen-Platz 1989» die Beziehungen zwischen den Grossmächten beschädige.

Gegen Zwangssterilisation und -abtreibungen

Wer ist Chen Guangcheng, der Mann, dessen Flucht die Regierungen der beiden Supermächte ins Schwitzen bringt? Der Bürgerrechtler kam am 12. November 1971 in Dongshigu in der Provinz Shandong zur Welt. Wegen einer schweren Erkrankung erblindete er in seiner Kindheit. Da Blinden der Zugang zum Jura-Studium verwehrt war, lernte er an der Universität für chinesische Medizin in Nanjing Akupunktur und Massage. Als Kind hatte ihm sein Vater die klassischen chinesischen Geschichten erzählt – von mutigen Helden, die gegen böse Beamte kämpfen, um machtlosen Menschen zu helfen. Es waren diese Geschichten, die Chen ermutigten, in seinen Feldzug für die Menschenrechte zu ziehen, sagt sein Bruder Chen Guangfu der Nachrichtenagentur AFP.

Seine ersten politischen Erfahrungen machte er 1994, als er erfolgreich gegen die unrechtmässige Besteuerung seiner Familie vorging. Behinderte dürfen in China nicht besteuert werden, Chen erhielt recht. Danach beriet er Familien von Behinderten, wie sie sich gegen ungerechtfertigte Steuern wehren können. 2005 ging er gegen die Behörden in der Shandong-Provinz vor, weil sie im Rahmen der Ein-Kind-Politik Tausende schwangere Frauen zu Zwangssterilisation und -abtreibungen genötigt hatten, einige davon kurz vor dem Geburtstermin der Kinder. Chens Sammelklage wurde zwar abgewiesen, nach einem Interview mit dem US-Magazin «Time» ordnete Peking aber eine Untersuchung an, die zur Entlassung von etlichen Beamten führte. Sein Engagement brachte Chen auch internationale Bekanntheit – 2006 wählte das renommierte US-Magazin «Time» ihn zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt, zudem ist er Träger mehrerer internationaler Preise.

Hausarrest und Flucht

Weil Chen sich weigerte, als Aktivist kürzerzutreten, verurteilte ihn ein Provinzgericht im August 2006 wegen Unruhestiftung zu vier Jahren und drei Monaten Haft. Seine drei Verteidiger waren kurz vor Urteilsverkündung festgehalten worden. Vor Gericht vertrat ihn ein Pflichtverteidiger, der nicht einmal sein Dossier gelesen hatte. Nach seiner Freilassung setzten ihn die lokalen Behörden unter Hausarrest, zusammen mit seiner Frau, seiner sechsjährigen Tochter und seiner Mutter. Ausländische Journalisten und Unterstützer wurden daran gehindert, zu Chens Haus zu gelangen, manchmal auch mit Gewalt. Chens Fall war international in den Schlagzeilen. Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch setzten sich für ihn ein.

Am 22. April 2012 gelang es Chen Guangcheng, seinen Bewachern zu entkommen. Laut Medienberichten schlich der blinde Anwalt nachts aus seinem Haus, folgte einem Weg zu einem Feld und lief dann einer Strasse entlang zu einem schmalen Fluss, den er dann durchquerte. Bis dorthin war es eine ihm bekannte Gegend, die er seit seiner Erblindung schon mehrfach ausgekundschaftet hatte. Danach jedoch sei er gut 200-mal hingefallen, so Chen zu seinen Helfern. Während Stunden lief er unbeirrt weiter, bis er die Helferin traf, die in ihrem Wagen auf ihn gewartet hatte. Chen war erschöpft, verdreckt, blutig. Die Helferin brachte ihn nach Peking. Dort fand er in der US-Botschaft Zuflucht. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es allerdings bis heute Mittwoch nicht.

Obama in der Zwickmühle

Aussergewöhnlich schweigsam hatte sich Barack Obama am Montag an einer Pressekonferenz in Washington gegeben. Er habe die Medienberichte über Chens Flucht zur Kenntnis genommen und werde sie nicht kommentieren. Chens Flucht brachte Obama laut US-Medien in eine Zwickmühle. Der US-Präsident könne es sich nicht leisten, einen blinden Anwalt, der gegen erzwungene Abtreibungen und Korruption in China kämpfe, seinem Schicksal zu überlassen. Dies wäre Wasser auf die Mühlen seines republikanischen Herausforderers. Es würde auch Menschenrechtsgruppen, seine Kernwählerschaft, verärgern. Andererseits könne Obama auch nicht zu viel Druck auf China ausüben, zu einer Zeit, in der die USA immer mehr auf chinesisches Kapital angewiesen seien und drängende Themen wie Nordkorea, Iran und Sudan auf der gemeinsamen Agenda stünden.

In China hatte der Fall Chen Guangcheng im Internet grosse Beachtung gefunden. Das Video, das er nach seiner Flucht auf Youtube veröffentlichte, wurde von Bloggern verbreitet. Im Beitrag wendet sich Chen an den chinesischen Premier Wen Jiabao: «Ich möchte, dass Sie meinen Fall rückhaltlos aufklären. Schützen Sie meine Familie vor Rache.» Im 16-minütigen Video erzählt Chen, wie er und seine Frau von Beamten verprügelt wurden, und nennt die Namen der Täter. Der Fall kommt zu einem für die Regierung in Peking ungünstigen Zeitpunkt mitten im Politskandal um den entmachteten Politfürsten Bo Xilai und seiner des Mordes verdächtigten Ehefrau.

Chinesische Zensur im Internet

So beeilte sich Peking denn auch, die Verbreitung des Videos zu unterbinden. Laut der Onlineausgabe des «Wall Street Journal» wurde auf der Blogger-Site Sina Weibo die Liste der gesperrten Begriffe rund um Chen immer länger. Zensuriert wurden nebst Chens Name auch die Suchbegriffe «blinde Person», «Botschaft» und Chens Heimatdorf Dongshigu. Ebenfalls der Zensur zum Opfer gefallen sei der chinesische Titel für den Film «The Shawshank Redemption», in dem einem Gefangenen nach 19 Jahren eine spektakuläre Flucht gelingt.

Dass Chen heute Mittwoch die US-Botschaft verliess und sich in einer medizinischen Einrichtung mit seiner Familie trifft, hätte bedeuten können, dass China und die USA eine Lösung gefunden hatten, die allen ermöglichte, das Gesicht zu wahren. China habe Chen einen «sicheren Aufenthalt» zugesagt, hiess es seitens der USA. Und, als Antwort auf die chinesische Forderung nach einer Entschuldigung: Ein solcher Vorfall werde sich nicht wiederholen. Chen selber bedankte sich bei Aussenministerin Hillary Clinton, im Hinblick auf seine Zukunft meinte er, er sei «für den Kampf bereit». Nun wird klar, was er damit gemeint hat. Chinesische Behörden hatten gedroht, seine Frau zu töten, falls er die US-Botschaft nicht verlasse.

DerBund.ch/Newsnet

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