Der Ayatollah ohne religiöse Ausbildung

Ebrahim Raisi, der neue iranische Justiz-Chef, ist auch Anwärter auf das Amt des obersten Führers.

Ihm obliegen bereits Organisation und Kontrolle der Justiz und er könnte der Nachfolger des obersten Führers, Ali Khamenei, werden: Ebrahim Raisi. Foto: Keystone/Vahid Salemi

Ihm obliegen bereits Organisation und Kontrolle der Justiz und er könnte der Nachfolger des obersten Führers, Ali Khamenei, werden: Ebrahim Raisi. Foto: Keystone/Vahid Salemi

Bekanntheit erlangte der Mann vor zwei Jahren mit einer Niederlage: Bei der Präsidentenwahl 2017 musste sich Ebrahim Raisi mit 38,3 Prozent bereits im ersten Wahlgang dem moderat-konservativen Amtsinhaber Hassan Rohani geschlagen geben.

Der oberste Führer Ali Khamenei hat Raisi (58) nun zum Chef der Justiz befördert. Eine mächtige Position, die über dem Justizminister angesiedelt und der Kontrolle durch die Regierung entzogen ist. Ihm obliegen Organisation und Kontrolle der Justiz, zudem kann er Gesetzentwürfe einbringen. Rechenschaft ist Raisi nur Khamenei schuldig, zu dessen Vertrauten er gehört. Er wird Rohanis innenpolitischen Spielraum wohl weiter einengen und verhindern, dass dieser die gesellschaftlichen Regeln lockert. Raisi befürwortet eine strenge Geschlechtertrennung, will die sozialen Netzwerke sperren und das Internet im Iran vom Rest der Welt abkoppeln. Seine Ernennung gilt als Zeichen, dass Khamenei (79) ihn als Nachfolger wünscht.

Raisi, der als Zeichen direkter Abstammung vom Propheten den schwarzen Turban trägt sowie den Ehrentitel «Seyyed», trat mit 15 in ein Seminar in der heiligen Stadt Qom ein. Als die Islamische Revolution drei Jahre später den Schah hinwegfegte, gehörte Raisi nach seinen Worten zu einer Gruppe junger Kleriker, die von den neuen Machthabern per Schnellkurs ausgebildet wurden, um Ämter zu übernehmen. Zu seinen Lehrern zählte Khamenei, der wie Raisi aus Mashhad stammt.

Steiler Aufstieg

Seinen ersten Posten bekleidete Raisi mit 19 als Beamter am Gericht der Provinzhauptstadt Karaj – mit 20 stieg er zum leitenden Staatsanwalt auf. In dieser Zeit heiratete er Jamileh Alamolhoda, Tochter des Freitagspredigers von Mashhad, Ayatollah Ahmad Alamolhoda. Der Ultrakonser­vative wurde nach Khameneis Ernennung zum obersten Führer dessen Berater und Freund – was Raisis Karriere zweifellos förderlich war. Er wurde Leiter der Staatsanwaltschaft in Teheran und 2014 Generalstaatsanwalt.

Von 2016 an führte Raisi in Mashhad die grösste religiöse Stiftung des Iran, Astane Quds Razavi. Sie verwaltet den Schrein von Imam Reza, den wichtigsten des Landes, und verfügt über ein Milliardenvermögen. Sie beschäftigt in ihren Betrieben 20'000 Menschen und ist der grösste Grundbesitzer im Iran.

Bedingungslose ideologische Linientreue

Zeitweise führte Raisi neben einem Doktor der Jurisprudenz der Shahid-Motahari-Universität auch den Titel eines Ayatollah, doch iranische Medien enthüllten, dass ihm die religiöse Ausbildung dafür fehlt. Dessen ungeachtet, liess Khamenei zu, dass Raisi 2006 schon in die Expertenversammlung gewählt wurde – jenes Gremium, das den obersten Führer bestimmt. Der Rang eines Ayatollah ist eigentlich Voraussetzung. Aber auch Khamenei war zum obersten Führer aufgestiegen, obwohl er wie Raisi nur Hojatoleslam war, ein Kleriker mittleren Ranges.

Für Khamenei wurde die Verfassung geändert, die laut Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini die Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten zum Prinzip haben sollte. Für ihn wie nun für Raisi war offenkundig bedingungslose ideologische Linientreue das entscheidende Kriterium. Die hat Raisi früh bewiesen.

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