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China von unten

Die chinesische Wanderarbeiterin Fan Yusu schreibt über ihr Elend. Ihr berührender Bericht enthält politischen Sprengstoff.

Die Medien feiern sie als neuen chinesischen Literaturstar: Fan Yusu. Foto: PD
Die Medien feiern sie als neuen chinesischen Literaturstar: Fan Yusu. Foto: PD

Sie war eine von 281 Millionen, eine anonyme chinesische Wanderarbeiterin, die ihr Dorf verlassen hatte, um in der Stadt das Glück zu suchen. Stattdessen fand sie schlecht bezahlte Jobs und enge Wohnungen ohne fliessendes Wasser. Ihr Mann soff und prügelte, sie verstiess ihn, allein zog sie zwei Töchter gross.

So weit, so normal in China. Doch nun belagern Journalisten und Verleger Fan Yusus Hütte, die in einem heruntergekommenen Vorort von Peking liegt. Flieger des nahegelegenen Flughafens dröhnen über sie hinweg. Egal. Alle wollen etwas haben von der Literatursensation.

Vor gut einer Woche stellte Yusu einen Text ins Internet: «Ich bin Fan Yusu.» Die Autobiografie wurde laut chinesischen Medien über eine Million Mal gelesen, obwohl der Originalbeitrag schnell wieder verschwand. Nun kursieren Kopien, auch eine englische Übersetzung.

Fan Yusu schildert ihr Leben in klarer, sachlicher Sprache. Im Heimatdorf hätte sie Lehrerin werden können, schreibt sie, aber sie hielt es nicht aus auf dem Land; die grosse Welt wollte sie sehen, mit 20 zog sie los nach Peking. Leider habe sie sich als ungeschickt erwiesen, unbrauchbar für die meiste Handarbeit. Um sich abzusichern, heiratete sie. Doch die Geschäfte des Mannes liefen schlecht, er begann zu trinken. Nach der Trennung musste Yusu ihre Töchter in ein Kinderheim geben, um selber mehr arbeiten zu können. Lange diente sie als Haushälterin in der Villa eines Superreichen, dort betreute sie die Kinder von dessen Geliebter.

Lesen, immer und alles

Dass Yusu gut schreibt, ist kein Zufall. Die Schule habe sie unterfordert, heisst es im Text, stattdessen las sie Kette, chinesische Literatur, englische Klassiker, alles. Das Lesen weckte ihren Appetit auf die Welt und rettete sie gleichzeitig vor deren Elend. Wenn sie den Alltag kaum noch aushielt, schenkten ihr die Bücher Trost.

Yusus Text enthält politischen Sprengstoff, sie kritisiert die Bevorzugung von Knaben gegenüber Mädchen, Enteignungen auf dem Land, das Schulsystem. Weil Wanderarbeiter als Bürger zweiter Klasse gelten, dürfen ihre Kinder in den Städten keine Schulen besuchen. Ihre Töchter hätten sich das Lesen selber beigebracht, schreibt Yusu. Sie habe ihnen 500 Kilo gebrauchte Bücher gekauft, damit sie nicht enden als «seelenlose Terrakotta-Kriegerinnen in einer Fertigungslinie».

Wohl wegen solcher Passagen wurde ihr Text rasch wieder gelöscht. Gleichzeitig besprach aber auch die Zeitung der Kommunistischen Partei die Autobiografie wohlwollend. Viele Medien feiern Yusu als neuen chinesischen Literaturstar. Der plötzliche Ruhm bedrückt die 44-Jährige, derzeit hält sie sich versteckt. Sie schreibe nicht, um ihr Leben zu ändern, sagte sie gleich nach der Veröffentlichung in einem Interview. Sie habe kein Talent und schreibe, um ein «spirituelles Bedürfnis» zu befriedigen. Sie sei nur eine unter vielen. Damit ist es für eine Weile vorbei.

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