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«Beim Konflikt um die Rohingya geht es auch um Identität»

Paul Seger, Schweizer Botschafter in Burma, über die Eskalation in seinem Gastland und die Rolle der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Geflüchtete Rohingya leben unter ärmlichsten Verhältnissen in den Flüchtlingslagern.
Geflüchtete Rohingya leben unter ärmlichsten Verhältnissen in den Flüchtlingslagern.
Munir Uz Zaman, AFP
In Burma verfolgt: Angehörige der Rohingya an einer Strasse in Bangladesh. (28. September 2017)
In Burma verfolgt: Angehörige der Rohingya an einer Strasse in Bangladesh. (28. September 2017)
Fred Dufour, AFP
Bereits vor der Krise lebten in den Flüchtlingslagern in Bangladesh rund 400'000 Rohingya: Indonesische Aktivisten protestieren gegen die humanitäre Krise in Surabaya. (5. September 2017)
Bereits vor der Krise lebten in den Flüchtlingslagern in Bangladesh rund 400'000 Rohingya: Indonesische Aktivisten protestieren gegen die humanitäre Krise in Surabaya. (5. September 2017)
AFP
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Wie schätzen Sie die Lage im Norden von Burma ein?

Ich kann nur sagen, dass die Schweiz die burmesische Regierung dazu aufruft, die Zivilbevölkerung der Rohingya und damit auch die muslimische Minderheit zu schützen. Dafür trägt sie die Verantwortung. Wir haben unsere Position auch öffentlich gemacht.

Bietet die Schweiz humanitäre Hilfe an?

Die Schweiz engagiert sich seit sechs Jahren vor allem humanitär in der Provinz Rakhine, und sie hat im April einen Zusatzkredit von 2 Millionen Franken gesprochen und diesen vor einigen Wochen um rund 200'000 Franken erhöht. Insgesamt beläuft sich unser humanitäres Engagement in Rakhine auf über 7 Millionen Franken. Die Krise in der Region ist ja nicht plötzlich ausgebrochen, sondern hat sich seit einiger Zeit zugespitzt. Die Spannungen zwischen Buddhisten und Muslimen reichen viele Jahre weit zurück.

Womit hilft die Schweiz konkret?

Namentlich bei der Wasserversorgung, Hygiene, sowie medizinischer Hilfe für die notleidende Bevölkerung. Ausserdem engagieren wir uns für den Schutz der Minderheiten und verletzlichen Personengruppen, vor allem den Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt, sowie die Betreuung von Gewaltopfern. Schliesslich unterstützen wir Bemühungen, den interkonfessionellen Dialog und die Kontakte zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zu fördern und die moderaten Kräfte zu stärken.

Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, faktische Staatschefin in Burma, wird heftig kritisiert. Sie tue nichts, um die Angriffe der burmesischen Armee auf die muslimische Minderheit zu stoppen oder auch nur zu verurteilen. Wie ist dieses Schweigen zu erklären?

Die Situation ist weit komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht.

Video: 125'000 Rohingya auf der Flucht

In Burma geht der Exodus der muslimischen Minderheit Rohingya weiter. In den vergangenen zehn Tage sind etwa 125'000 von ihnen nach Bangladesh geflohen. Video: Reuters

Hat die Schweiz Kontakt mit Frau Suu Kyi?

Natürlich, wir haben auch die Lage im Norden intensiv mit ihr besprochen, vor allem die Diskriminierung der muslimischen Minderheit. Die Schweiz hat auch, zusammen mit anderen Ländern, im März 2017 die Resolution des UNO-Menschenrechtsrates unterstützt, welche Burma auffordert, diese Diskriminierungen zu beenden. Dazu gehört der Einsatz einer Tatsachenermittlungskommission, welche die Vorfälle seit dem Oktober 2016 ausleuchten soll. Es geht ja um den Vorwurf schwerer Menschenrechtsverletzungen. Wir haben also Erwartungen an die burmesische Regierung.

Mit der Freilassung von Suu Kyi und ihrem Aufstieg zur Aussenministerin von Burma wuchs die internationale Hoffnung auf eine Besserung im Land. Sind die Angriffe des burmesischen Militärs als schwerer Rückschlag zu werten, oder wird sich die Lage wieder bessern?

Schwer zu sagen. Was man Suu Kyi zugutehalten muss, und das geht in diesen Tagen etwas vergessen: Sie hat ja vor einem Jahr die Initiative zur Einberufung der Kommission unter Leitung des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan ergriffen, welche die Situation im Norden der Provinz Rakhine verbessern soll. Ich würde also nicht sagen, dass Suu Kyi und die burmesische Regierung untätig bleiben. Natürlich gibt es Anlass zur Kritik, ich habe die Gründe genannt.

Der eskalierende Konflikt um muslimische Rohingya nährt Zweifel, ob die Lady das Land reformieren und befrieden kann. Bild: Reuters/Soe Zeya Tun
Der eskalierende Konflikt um muslimische Rohingya nährt Zweifel, ob die Lady das Land reformieren und befrieden kann. Bild: Reuters/Soe Zeya Tun

Die Rohingya, also die muslimische Minderheit im Norden des Landes, sind im buddhistischen Rest des Landes extrem unbeliebt. Warum?

Man muss unterscheiden. Da ist zunächst der Konflikt zwischen der Zentralregierung und dem Gliedstaat Rakhine, aber da geht es nicht um Religion, sondern um Selbstbestimmung. Diese Forderung wird seit Jahrzehnten eingefordert und nicht eingelöst. Beim Konflikt um die Rohingya geht es tatsächlich um Religion, aber auch, damit verbunden, um Identität. Mittlerweile sind 70 Prozent der in Nordrakhine lebenden Menschen muslimisch, was bei der buddhistischen Minderheit in dieser Region Überfremdungsängste ausgelöst hat. Solche Gefühle wurzeln tief in der Bevölkerung, reichen historisch weit zurück und haben sich immer mehr angestaut. Auch in Burma gibt es buddhistische Hassprediger, Nationalisten und Fundamentalisten, und diese haben zurzeit einen grossen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Das erschwert die Aufgabe von Suu Kyi zusätzlich: Sie hätte die eigene Bevölkerungsmehrheit gegen sich, wenn sie sich für den Norden einsetzen würde. Schon die Einberufung der Annan-Kommission wurde im Land kritisiert und hat ihr politisch geschadet. Sie muss zwischen der aussenpolitischen Kritik und dem innenpolitischen Rückhalt abwägen, befindet sich also in einer schwierigen Lage.

Der Autor ist mit dem Botschafter befreundet.

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