Ausflug zum Strahlenmonster

Exklusiv

Wer Tschernobyl besucht, kann sich bis auf wenige Hundert Meter dem Unglücksreaktor nähern – und muss in der Sperrzone ein paar Verhaltensregeln befolgen.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Das AKW von Tschernobyl ist zwar vor zehn Jahren stillgelegt worden, es ist aber ein wichtiger Arbeitgeber in der Region geblieben. Allein aus Slawutitsch, der Ersatzstadt für Prypjat, die 60 Kilometer entfernt von Tschernobyl liegt, pendeln jeden Tag rund 3000 Menschen zur Arbeit. Sie verrichten Überwachungs- und Erhaltungsarbeiten im Kernkraftwerk mit vier Reaktoren. Die Bahnfahrt von Slawutitsch nach Tschernobyl dauert rund 60 Minuten, sie führt durch weissrussisches Staatsgebiet und an wild wuchernder Vegetation und menschenleeren Gegenden vorbei. Der Bahnhof Tschernobyl liegt direkt beim AKW.

Die Touristen, deren Zahl immer grösser wird, werden vor dem Zutritt zum AKW-Gelände auf ein paar Verhaltensregeln aufmerksam gemacht: Man darf nichts anfassen, sich nicht auf den Boden setzen, nicht überall fotografieren, keine Gegenstände als Souvenir mitnehmen. Dabei muss man ein Formular unterschreiben, um zu bestätigen, dass man die Verhaltensregeln verstanden hat. (Wer sich später nicht daran hält, wird von Aufpassern sofort zurechtgewiesen.) Dann gehts zur Passkontrolle, wo grimmig wirkende Milizionäre warten. Beim Verlassen des Bahnhofs von Tschernobyl erscheint auf der rechten Seite sofort der Reaktor, der in der Nacht auf den 26. April 1986 explodierte.

Das Hundertfache der Normalbelastung

Das Gelände um den Unglücksreaktor ist abgeriegelt. Der Standort bei der Gedenkstätte für die Tschernobyl-Opfer erlaubt einen freien Blick auf das Strahlenmonster. Die Berichte, dass der Sarkophag marode und brüchig ist und darunter rund 190 Tonnen radioaktiver Schrott lagern, erzeugen ein mulmiges Gefühl. Der frühere Direktor des AKW, Michail Umanez, hat unlängst vor einem Einsturz der Metall- und Betonkonstruktion gewarnt. Es drohe eine neue radioaktive Wolke. Bei der Führung im Tschernobyl-Informationszentrum erzählt eine AKW-Angestellte über den neuen Sarkophag. Das 1,6 Milliarden Euro teure Projekt soll endlich Sicherheit bringen.

Manche Tschernobyl-Besucher haben ein Strahlenmessgerät mitgenommen. Je nach Standort werden unterschiedliche Werte von Radioaktivität angezeigt. Im ersten Stock des Tschernobyl-Informationszentrums, das mehrere Hundert Meter vom Reaktor 4 entfernt ist, misst ein Tourist einen Wert von fünf Mikrosievert pro Stunde. Das ist das Hundertfache der normalen Strahlenbelastung. Oder auch die doppelte Belastung, der ein Passagier beim Flug von Zürich nach Kiew ausgesetzt ist. Da taucht natürlich die Frage auf: Wie gefährlich ist das? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Klar ist nur, dass man sich hier nicht allzu lange aufhalten sollte. Allerdings gibt es Tausende Menschen, die im AKW-Komplex von Tschernobyl arbeiten.

Das Strahlenmessgerät leuchtet grün

Wer Tschernobyl besucht, geht auch nach Prypjat, das nur vier Kilometer vom Unglücks-AKW entfernt liegt. Es lebt niemand mehr in der einstigen Vorzeigestadt, die nach der Reaktorkatastrophe innert weniger Stunden evakuiert werden musste. In der 1970 gebauten Stadt lebten rund 50'000 Menschen, mehrheitlich Arbeiter und Angestellte von Tschernobyl. In Prypjat herrscht gespenstische Stille, es ist eine Geisterstadt aus Trümmern und Rost.

Nach einem einstündigen Abstecher nach Prypjat gehts zurück zum Bahnhof Tschernobyl. Vor der Abfahrt muss nochmals der Pass gezeigt werden, gar zweimal wird die radioaktive Belastung gemessen – was eine gewisse Anspannung erzeugt. Das Strahlenmessgerät leuchtet schliesslich zweimal grün. Es ist offenbar alles in Ordnung. Als reine Vorsichtsmassnahme werden nach dem Tschernobyl-Trip Schuhe und Kleider so rasch wie möglich entsorgt.

DerBund.ch/Newsnet

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