Warum «WannaCry» China besonders empfindlich traf

China zählt zu den Ländern, die besonders stark von der jüngsten Cyberattacke getroffen wurden. Das liegt vor allem an seiner Schwäche für Raubkopien.

Ob Turnschuhe, Sonnenbrillen – oder Software: China gilt schon lange als globales Zentrum für unerlaubte Kopien. (Archivbild: Keystone)

Ob Turnschuhe, Sonnenbrillen – oder Software: China gilt schon lange als globales Zentrum für unerlaubte Kopien. (Archivbild: Keystone)

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China hat eine besondere Schwäche für Software-Raubkopien, und dadurch war das Land bei der jüngsten weltweiten Cyberattacke besonders verwundbar. Trotz wiederholter Ankündigungen, radikaler durchzugreifen und Warnungen von Industriegruppen, dass sich China anfällig für Schadprogramme mache, hat Peking die verbreitete Nutzung nicht lizenzierter Software toleriert. Diese findet sich nach Angaben der Organisation BSA The Software Alliance auf rund 70 Prozent der Computer in China, während die Raten in den USA, Japan, Deutschland und Grossbritannien zwischen 18 und 22 Prozent liegen.

Dies bedeutet, dass Millionen chinesische Computer keine Sicherheitsunterstützung haben, und das hat China besonders anfällig für die Ransomware «WannaCry» gemacht: Es gehörte zu den Ländern, die vom jüngsten Cyberangriff mit dem Erpressungstrojaner am stärksten betroffen waren. Microsoft hatte nach eigenen Angaben zwar die bei der Attacke ausgenutzte Sicherheitslücke in seinem Betriebssystem Windows im März geschlossen, aber für die geraubten Versionen habe dieser Service nicht zur Verfügung gestanden, sagt Zhao Boyu, ein ranghoher Netzwerktechniker beim Unternehmen Bright Prospect Technologies in Peking. «Die meisten Opfer in China waren Nutzer (von Software) ohne Lizenzen.»

Nach Angaben von Qihoo 360 Technology Ltd., einem Sicherheitssoftware-Anbieter, waren bis zum vergangenen Samstag etwa 29'370 Einrichtungen und Hunderttausende Computer in allen Teilen Chinas von der «WannaCry»-Attacke betroffen. Neue Zahlen wurden seitdem nicht genannt. Der Haupt-Internetregulierer des Landes, die chinesische Cyberspace-Behörde, gab keine Antwort auf Fragen nach der Reaktion der Regierung auf den Angriff. Eine Sprecherin des Aussenministeriums, Hua Chunying, sagte, ihr lägen keine Informationen über staatliche Aktivitäten oder eine mögliche Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen vor.

Grösste Internetgemeinde der Welt

China gilt seit langem als ein globales Zentrum für unerlaubte Kopien von Waren, seien es Designerkleidungsstücke, Musik, Software oder Pharmaprodukte. Auf Klagen aus dem Ausland hat Peking mit dem Versprechen geantwortet, künftig härter durchzugreifen. Computeranbieter wurden zur Vorinstallierung lizenzierter Software aufgefordert, Regierungsbehörden und staatlichen Unternehmen wurde es untersagt, Raubkopien zu kaufen. Dennoch waren chinesische Universitäten und andere Schulen laut Medienberichten stark von der «WannaCry»-Attacke betroffen, was eine verbreitete Anwendung ungenehmigter Software dort nahelegt. Auch Systeme in Bahnstationen, dem Postbetrieb, in Tankstellen, Krankenhäusern, Bürogebäuden, Einkaufszentren und Regierungsstellen sollen von dem Trojaner heimgesucht worden sein.

Was als Risikofaktor erschwerend hinzukommt: China hat mit 730 Millionen Nutzern die grösste Internetgemeinde auf der Welt. Der Online-Handel wächst rapide, und immer mehr Industrien verlegen sich darauf - und oft werden dabei Computer mit Raubkopien benutzt. Das Sicherheitsumfeld sei «zunehmend bedrohlich und schädlich», hiess es im jüngsten BSA-Jahresbericht zu dem Thema. Unternehmen müssten diesem Problem grosse Aufmerksamkeit widmen. Zhao zufolge machen die Anbieter von Raubkopien ihre Produkte oft noch verwundbarer für Hacking, indem sie «Hintertüren» einbauen, um sich Zugriff auf die Computer von Nutzern verschaffen zu können.

Hacker bleiben anonym

China hat eine Reputation für relativ schwache Computersicherheit, obwohl sein Militär neben dem der USA und Russlands über die grössten Cyberkrieg-Kapazitäten und Fähigkeiten verfügt, Computersysteme eines Gegners lahmzulegen. Im vergangenen Jahrzehnt sind Cyberangriffe auf westliche Firmen wiederholt auf Hacker in China zurückgeführt worden. Aber Chinas Computersicherheit sei so lasch, sagen Experten, dass es ausländischen Hackern zumindest in manchen Fällen möglich sei, ihre Identität zu verbergen, indem sie sich chinesische Computer zu eigen machten und von ihnen aus Angriffe starteten.

«WannaCry» breite sich zwar in China weiterhin aus, aber die Rate neuer Infizierungen habe sich deutlich verringert, heisst es auf der Webseite der Cyberspace-Behörde. (thu/dapd)

Erstellt: 20.05.2017, 17:26 Uhr

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