UFO-Landung unerwünscht

Japaner wehren sich gegen den für Olympia 2020 geplanten Pomp.

Tokio versprach, die Stadien von 1964 würden renoviert: Feier im Hinblick auf Olympia 2020 im Nationalstadion im Mai 2014. Foto: Reuters.

Tokio versprach, die Stadien von 1964 würden renoviert: Feier im Hinblick auf Olympia 2020 im Nationalstadion im Mai 2014. Foto: Reuters.

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Der Song «Love Me Tender» dröhnt aus einem Lautsprecher, Japaner mit Elvis-Tollen tanzen in spitzen schwarzen Schuhen, reine 50er-Jahre. Einige der Tänzer tanzten schon damals, sie sind längst Rentner. Wenn Japaner sich einer Sache verschreiben, dann ernsthaft. Und fürs Leben. Die Nippon-Elvisse treffen sich im Yoyogi-Park, einer Spielwiese für Tausende. Andere lassen hier Drachen fliegen, spielen Fussball, machen Musik, picknicken.

Etwas weiter nördlich liegt der Yoyogi-Garten, Tokios schönster Park; und im Osten der Akasaka-Palast mit Park, einst der Wohnsitz des Kronprinzen. Die drei Grünflächen bilden eine der wenigen Lungen der Stadt. Dazwischen liegt das Nationalstadion, die Arena der Olympischen Spiele 1964. Sie wird nun abgerissen. Dagegen gingen Leute auf die Strasse, was Japaner sonst kaum tun.

Tokio bewarb sich mit dem Versprechen grüner Spiele für Olympia 2020. Die Stadien von 1964 würden renoviert. Doch dann stellten die Organisatoren ein UFO der Architektin Zaha Hadid für knapp 2,5 Milliarden Franken als Nationalstadion vor. Ein megalomaner Fahrradhelm.

Der empörte Aufschrei der Tokioter zwang die Planer zu redimensionieren. Statt 75 wird das Raumschiff 71 Meter hoch. Mit dem Verzicht auf einige Nebengebäude reduziert man den Bodenbedarf. Das neue Projekt erschlägt die Nachbarschaft immer noch. Zudem müssen ihm viele hundert Bäume weichen.

Nationalistischer Pomp erst seit den Hitlerspielen

Der Tokioter Architekt Arata Isozaki schimpft das Stadion «eine Schildkröte», die warte, bis das überschuldete Japan untergehe und sie davonschwimmen könne. Das Projekt sei auf die Eröffnungs- und Schlussfeier zugeschnitten, nicht auf den Sport. Olympia werde erst seit den Hitlerspielen 1936 in Berlin mit nationalistischem Pomp eröffnet.

Hadid liess erklären, gegen Architektur gebe es immer Widerstand. Ihr Statthalter in Tokio sagt, es sei zu spät für neue Pläne. Dabei ist sogar Bürgermeister Yoichi Masuzoe gegen den Fahrradhelm. Er könne jedoch nichts machen; das Stadion wird von der Zentralregierung gebaut. Und Premier Shinzo Abe will genau das: eine nationalistische Selbstfeier, die an Grösse alle bisherigen übertrifft. Vor allem jene in Peking 2008.

Tages-Anzeiger

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