«Perspektiven»: Himmlischer Frieden für Massenmörder

Ein schwer nachvollziehbarer Personenkult: Nostalgiker, Kriegsveteranen und Kapitalismusverlierer verherrlichen ihre einstigen kommunistischen Diktatoren noch heute.

Szene vom Büchermarkt in Peking: Es hat Maos Ansehen kaum geschadet, dass während seiner Regentschaft massenhaft Chinesen den Hungertod starben.

Szene vom Büchermarkt in Peking: Es hat Maos Ansehen kaum geschadet, dass während seiner Regentschaft massenhaft Chinesen den Hungertod starben.

(Bild: Keystone)

Hitler fehlte: Mit Mao Zedong und Josef Stalin waren am Freitag zwei der drei grössten Verbrecher des 20. Jahrhunderts abgebildet, fotografiert als harmlose Kühlschrank-Magnete in einem Laden in Peking. Das Bild hatte symbolischen Gehalt: Die Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg verloren; die Siegermächte haben ihnen Hitler gründlich ausgetrieben. Stalin und Mao hingegen gehören – der Erste direkt, der Zweite indirekt – zu den Siegern des Zweiten Weltkriegs. Und die Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben, nicht den Unterlegenen. Deshalb haben die Russen zu Stalin und die Chinesen zu Mao ein zweideutigeres Verhältnis als die Deutschen zu Hitler.

Stalins Mythos lebt weiter

Zwar versuchte Nikita Chruschtschow, mit der Entstalinisierung seinen Vorgänger vom Podest zu holen und mit Stalins politischem Erbe aufzuräumen. Spätere Sowjetführer haben Chruschtschows Bruch mit dem Stalinismus jedoch teilweise rückgängig gemacht. So hält die Glorifizierung des kommunistischen Diktators, der wie Hitler Abermillionen von Menschen vernichten liess, bis heute an.

Wie gewisse unverbesserliche Alt- (und Jung-)Nazis von Hitler sagen, er habe immerhin die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit beseitigt, so wird Stalin, der von 1922 bis zu seinem Tod 1953 herrschte, die Entwicklung der Sowjetunion vom armen Agrarstaat zur hoch industrialisierten, atomar bewaffneten Weltmacht gutgeschrieben. Dass die Kollektivierung der Landwirtschaft, die er vorantrieb, in mehreren Regionen des Sowjetreiches zu Hungersnöten führte, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen, wird ausgeblendet.

Ebenso sieht man manchenorts diskret über Stalins Schreckensherrschaft hinweg. Dass weitere Millionen bei politischen «Säuberungen» hingerichtet wurden oder in Straflagern zugrunde gingen und dass er ganze Völker zwangsweise umsiedeln liess, wiegt weniger als die Tatsache, dass die Rote Armee unter seinem nominellen Kommando die Deutschen besiegte.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Stalin einen Verbrecher genannt, aber gleichzeitig seine Herrschaft als historische Notwendigkeit bezeichnet, und er fühlt sich geschmeichelt, wenn seine Tatkraft mit jener des einstigen Sowjetherrschers verglichen wird. So verherrlichen Nostalgiker, Kriegsveteranen und Kapitalismusverlierer den einstigen kommunistischen Diktator noch heute ungestraft, was in Deutschland bezüglich des nationalsozialistischen Diktators undenkbar wäre.

Noch eklatanter ist die Verehrung Maos in der Volksrepublik China, wie diese Woche, zur Feier seines 120. Geburtstags, wieder zu beobachten war. Zwar war in einigen Berichten zu lesen, dass Mao - das einstige Idol zahlloser westlicher Jugendlicher - der chinesischen Jugend heute nicht mehr allzu viel bedeute. Dem Staat aber bedeutet er umso mehr. Im Reich der Mitte, das wirtschaftlich längst zur ultra-kapitalistischen Wirtschaftsmacht geworden ist, politisch jedoch in der kommunistischen Ideologie verharrt, müssen Studenten sich neuerdings wieder mit Marxismus-Leninismus langweilen lassen und die Gedanken des Vorsitzenden Mao absorbieren.

Seine Ideen, 1965 im Buch «Worte des Vorsitzenden Mao Zedong» veröffentlicht (auch als «Rotes Büchlein» bekannt), haben mit der modernen Welt nicht mehr viel gemein. Doch weil Mao simple Lösungen für schwierige Probleme anbietet, übt das Buch in einer komplexer werdenden Zeit auf Verunsicherte einen gewissen Reiz aus.

Maos dunkle Seiten

In der offiziellen Mao-Geschichtsschreibung werden die düsteren Kapitel ausgeblendet: So mündete der «Grosse Sprung nach vorn», mit dem von 1958 bis 1961 der Rückstand zu den westlichen Industrieländern aufgeholt werden sollte, in eine unvorstellbare Katastrophe: Die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft führte zur Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte; gleichzeitig wurde die Arbeitskraft der Bauern durch Grossprojekte absorbiert; in der Folge sank die Nahrungsmittelproduktion, was zur schlimmsten Hungersnot in der Geschichte der Menschheit führte: Von 1959 bis zum Abbruch der Kampagne 1961 verhungerten je nach Schätzung 30 bis 45 Millionen Chinesen.

Doch das tut der Mythologisierung keinen Abbruch. Noch immer hängt ein überdimensioniertes Mao-Bild am Tor des Himmlischen Friedens in Peking, über dem Eingang zur Verbotenen Stadt. Und sein Porträt prangt auf allen chinesischen Banknoten. Ein einziges Mal hat ein chinesischer Führer leise Kritik geübt: Deng Xiaoping, der Reformer, der China nach Maos Tod faktisch von 1979 bis 1997 führte, meinte einst, sein Vorgänger habe zu 30 Prozent unrecht, zu 70 Prozent recht gehabt.

China hat seine jüngste Geschichte noch nicht aufgearbeitet. Dabei gäbe es inzwischen hervorragende, detaillierte Darstellungen von Maos Wirken, zum Beispiel das monumentale, fast 1000 Seiten starke Epos «Mao» der Schriftstellerin Jung Chang und des britischen Historikers Jon Halliday (erschienen auf Deutsch 2005). Das Autoren-Ehepaar zeichnet minutiös und sorgfältig belegt die Entwicklung des Kommunismus von der Parteigründung über den Langen Marsch (1934-35), die Ausrufung der Volksrepublik (1949), die Schreckensjahre 1958-1961 und die ebenfalls traumatische «Grosse Proletarische Kulturrevolution» (1966-1976) bis zum Tod Maos 1976 nach.

Jung und Halliday malen zudem ein eindrückliches Psychogramm des Grossen Vorsitzenden, in welchem dieser als radikaler Egomane erscheint, der alles und alle seinen persönlichen Bedürfnissen und Ambitionen unterworfen hat - das Gegenteil jenes idealen Menschen also, den er in China angeblich heranzüchten wollte.

Es wäre in der Tat ein «Grosser Sprung nach vorn», wenn sich China ernsthaft mit seiner Vergangenheit beschäftigte, statt, wie soeben wieder, verlogene Mythen zu zementieren.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt