«Nordkorea lässt sich nicht mässigen»

Wie trostlos die Journalistin Suki Kim die Nordkorea-Krise einschätzt – nachdem sie in Pyongyang unterrichtet hat.

Nordkorea provoziert mit weiterem Atomtest: Nachbarn fordern rasches Handeln. (Video: Tamedia/AFP)

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Suki Kim ist pessimistisch, was die Nordkorea-Krise betrifft, und im Unterschied zu vielen anderen im Westen lebenden Experten kann sie sich auf eigene Erfahrungen stützen. 2011 unterrichtete die Journalistin und Autorin für sechs Monate Englisch an der Universität für Wissenschaft und Technologie in Pyongyang.

Kim wurde 1970 in Südkorea geboren und siedelte mit ihrer Familie als Dreizehnjährige in die USA über. Dass sie eine nordkoreanische Eliteuniversität als Dozentin anstellte, ist unerklärlich – eines der vielen Rätsel aus dem grausam-absurden Reich der Kim-Dynastie.

In einem Interview mit der deutschen Zeitung TAZ sagt Kim, sie habe ihr Visum vom Bildungsministerium erhalten. Deren Beamte hätten sie als Schriftstellerin und nicht als Journalistin wahrgenommen. Nach ihrer Rückkehr in die USA schrieb sie das Buch «Without You, There Is No Us» (Ohne dich gibt es kein Uns), das 2014 erschienen ist. Der Titel stammt aus einem nordkoreanischen Lied zu Ehren von Kim Jong-il, dem Vater des heutigen koreanischen Herrschers.

«Der Grosse Führer lässt sich nicht mässigen»: Journalistin Suki Kim. (Foto: PD)

Suki Kim speicherte Notizen und Dokumente auf einem USB-Stick. Wären sie den nordkoreanischen Behörden in die Hände gefallen, hätte der Journalistin jahrelange Haft in einem der berüchtigten nordkoreanischen Arbeitslager gedroht.

Nie und nimmer auf Atomwaffen verzichten

Nun hat Suki Kim dem Internetmagazin «The Intercept» ein Interview zur gegenwärtigen Atomkrise um Nordkorea gegeben. Darin hält sie kategorisch fest: Nordkorea werde nie und nimmer auf Atomwaffen verzichten, und es werde sich an keinen Vertrag halten, der eine Einschränkung seines Nuklearwaffenprogramms vorsehe. «Weshalb soll man mit jemandem ein Abkommen treffen, der es ohnehin nicht befolgt?», fragt Suki Kim. Die Regierung habe «buchstäblich nichts anderes, auf das sie sich verlassen könnte». Der einzige Grund, weshalb jemand überhaupt Verhandlungen mit Nordkorea erwäge, liege darin, dass es eine Atommacht ist. «Was sie befürchten, ist der Sturz des Regimes. Darauf ist das ganze Land aufgebaut.»

Auf die Frage, welche Politik sie der amerikanischen Regierung und anderen westlichen Staaten im Umgang mit Nordkorea empfehle, sagt sie: «Dieses Problem konnte bisher niemand lösen. Das System lässt sich nicht mässigen. Der Grosse Führer (Kim Il-sung) lässt sich nicht mässigen, denn man kann nicht ein bisschen weniger Gott sein. (...) Das Problem ist aus meiner Sicht völlig trostlos.» Suki Kims einzige Anweisung ist: Der Westen müsse versuchen, «so viel Informationen wie möglich nach Nordkorea einsickern zu lassen». Die Journalistin ist sich bewusst, wie vage das klingt: «Ich würde gerne Lösungen aufzeigen, aber alles führt in eine Sackgasse.»

Fluchwörter in Gedichten, Zeitungen, offiziellen Reden

Verstörend ist, was Suki Kim im Interview mit «The Intercept» über das Leben an der Universität erzählt. Die Studenten, die um die zwanzig Jahre alt seien, wüssten so gut wie nichts über die Aussenwelt. Auf Bildern würden sie nicht einmal so bekannte Gebäude wie den Taj Mahal oder die ägyptischen Pyramiden erkennen. Sie leben auf dem Campus der Universität, und obwohl es sich um Sprösslinge der Nomenklatura handelt, haben laut Suki Kim «selbst ihre mächtigen Eltern fast keine Möglichkeit, etwas zu entscheiden, was ihre Kinder betrifft».

Die Studenten hätten nicht nach Hause gehen dürfen, auch nicht für kurze Besuche. Jeder Absolvent der Universität bekomme einen Mitstudenten als «besten Freund» zugeteilt, mit dem er seine ganze Zeit verbringe. Und irgendwann erhalte man einen neuen besten Freund, während man den alten nie mehr sehe. «Das System dient dazu, die Überwachung aufrechtzuerhalten», sagt Suki Kim.

Schockierend fand Suki Kim auch, wie vulgär die Sprache in Nordkorea sei. Fluchwörter finde man überall, in Gedichten, Zeitungen, offiziellen Reden. Es sei, wie wenn man im Westen ständig «Fuck» oder «Scheisse» in der Rede eines Präsidenten hören oder auf der Frontseite einer grossen Zeitung lesen würde.

Welt aus Luxus und Ausschweifungen

Die amerikanische Journalistin ist eine der wenigen Personen, die aus eigener Anschauung über Nordkorea berichten können, aber nicht die einzige. Vergangenes Jahr hat eine «Zeit»-Journalistin mehrere von ihnen getroffen. Der Japaner Fujimoto Kenji arbeitete zwölf Jahre lang als Koch und Sushi-Meister für Kim Jong-il, den Vater des heutigen Herrschers. Seine Aufgabe bestand unter anderem darin, Spezialitäten aus aller Welt zu besorgen. Nach seiner Flucht schilderte er, wie die Mitglieder der Kim-Dynastie völlig abgekoppelt von den Nöten ihres Volkes in einer Welt aus Luxus und Ausschweifungen leben. In einem Gespräch mit der «Zeit» sagte der Koch: «Die Familie residiert in 30 bis 50 Villen, ich selbst habe 12 oder 13 davon gesehen. Sie sind superluxuriös, Marmor, hohe Decken, Sportanlagen, Kino, Tanzhallen.»

Bilder: Reaktionen auf den jüngsten Test

Der Mediziner Kim Hyeong Soo kümmerte sich von 1990 bis 1995 als einer von 2000 Ärzten um Kim Jong-ils Gesundheit. 2009 floh er nach Südkorea. Seinem Bericht zufolge hat er medizinische Versuche an Menschen durchgeführt, «die einen ähnlichen Körperbau und eine ähnliche gesundheitliche Konstitution hatten wie Kim Jong-il. Etwa um Medikamente zu testen.» Da Kim Jong-il dick gewesen sei und die meisten seiner Untertanen dünn seien, habe man Mitglieder der Nomenklatura zu den Versuchen gezwungen.

Grässliche Berichte aus den Arbeitslagern

Grässlich ist das Zeugnis des Gefängniswärters Ahn Myeong Chul, der acht Jahre lang in verschiedenen nordkoreanischen Arbeitslagern gearbeitet hat und 1994 nach Südkorea geflohen ist. Knapp zehn Jahre später gab er bei einer Anhörung der UNO in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul zu Protokoll, wie die Insassen nordkoreanischer Lager systematisch entmenschlicht werden.

Im Interview mit der «Zeit» sagt er: «Im Arbeitslager gab es ein Gefängnis, da kamen die hin, die gegen eine Regel verstossen hatten. Man hängte sie kopfüber auf. Schlug sie mit Stöcken, manchmal so hart, dass die Augäpfel herausplatzten. Im Winter verbrannten sie ihre Haut an den Heizöfen.» Einmal habe ein Wärter eine hübsche, 26-jährige Insassin vergewaltigt, worauf sie ins Foltergefängnis gekommen sei. «Jede Frau, die man mit einem Wachmann erwischt, wird bestraft, auch wenn sie vergewaltigt worden ist. Sie wird erschossen oder gefoltert.»

Söhne, Töchter und Enkel werden mitbestraft

2014 reiste Ahn Myeong Chul nach Genf, um vor dem UNO-Menschenrechtsrat auszusagen. Dabei empfing er den «Tages-Anzeiger» zu einem Gespräch, in dem er unter vielen Gräueln auch jenen der Sippenhaft schildert. Aufgrund seiner Aussagen schreibt der Journalist des «Tages-Anzeigers»: «Im Lager leben Frauen und Männer, alte und junge durcheinander. Auch Kinder sind da, solche, die bereits als Kleinkinder verhaftet worden sind, und solche, die im Lager geboren wurden. Sie sind alle schuldig, obwohl sie nicht wissen, weshalb. Doch in ihnen fliesst das Blut eines Verbrechers, das stets drei Generationen verseucht; das «3-Generationen-Prinzip» als Kollektivstrafe erfunden hat Staats- und Gulaggründer Kim Il-sung. Deshalb wird in Nordkorea nie nur eine Einzelperson verhaftet, sondern immer auch die Söhne, Töchter und Enkel. Und wird im Lager ein Baby geboren, gilt es vom ersten Lebtag an als kriminell, vorausgesetzt, es überlebt ihn.»

Wenn die Behauptung der Journalistin Suki Kim zutrifft, dass es im Konflikt um Nordkoreas Nuklearwaffen keinen Ausweg gibt – besteht dann wenigstens Hoffnung auf ein Ende solcher Gräuel? Auch auf diese Frage antwortet Suki Kim mit schwarzem Pessimismus: «Ich weiss nicht, ob Tragödien ein zeitliches Limit haben – nicht, um sie zu lösen, sondern, um sie weniger schrecklich zu machen. Ich habe das Gefühl, dass es schlicht zu spät ist.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2017, 16:17 Uhr

Nachrichtensendung zu den Tests in Nordkorea. (Foto: Getty Images)

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