«Nadeshiko hat die Menschen wieder zum Träumen gebracht»

Japans WM-Titel ruft einer gebeutelten Nation ihre Stärken in Erinnerung. Welche tiefere Bedeutung dieser Sieg für Japans Gesellschaft hat, erklären zwei Japaner gegenüber DerBund.ch/Newsnet.

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Jan Knüsel

Es war ungefähr 6.20 Uhr morgens in Japan, als Saki Kumagai mit ihrem Penalty eine ganze Nation in einen Freudentaumel schoss. Die Restaurants und Bars im ganzen Land waren randvoll. Heute war zufällig Feiertag, es gab keinen Grund, um frühzeitig zu Bett zu gehen.

Auch in Roppongi, dem Ausgehviertel Tokios, wurde intensiv gefeiert. Der 30-jährige Jun Sakamoto verfolgte hier mit Freunden das Spiel in einer Sportbar. «Sie haben ein Tor bekommen, und ausgeglichen. Sie haben wieder ein Tor bekommen, und wieder ausgeglichen. Sie haben bis zum Ende nie aufgegeben. Das hat viel Symbolkraft für Japan», beschreibt er DerBund.ch/Newsnet seine Gefühlswelt nach dem Sieg. «Seit dem Viertelfinalsieg gegen Deutschland steht das Land Kopf. Alle tragen das T-Shirt der Mannschaft. Es gibt nur noch Nadeshiko im Fernsehen.»

Frauen an die Macht

Die Fussballdamen haben sich innert Kürze aus der praktischen Bedeutungslosigkeit in die Herzen der Japaner gespielt. «Einen solchen Enthusiasmus habe ich bei einer Grossveranstaltung noch nie erlebt», sagt der 32-jährige Kohei Isohata gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Der Assistenzprofessor der Universität Chuo verfolgte das Spiel am Fernsehen mit, obwohl er trotz Feiertag heute zur Arbeit gehen musste. Seit Tagen sei in seinem Freundeskreis nur noch darüber gesprochen worden. «Der WM-Titel ist seit Langem wieder eine positive Nachricht für Japan», freut sich Isohata.

Es ist eine willkommene Abwechslung für eine Stadt, die noch immer unter den Folgen der Atomkatastrophe zu leiden hat. In Tokio ist trotz der brütenden Hitze täglich Stromsparen angesagt. Die grossen Leuchtreklamen wurden seit Monaten nicht mehr angeschaltet. Die Klimaanlagen in den Bahnhöfen, Schulen und Büros bleiben ausgeschaltet oder dürfen nicht unter 28 Grad kühlen. Die Behörden berichten von fünfmal mehr Hitzeschlaganfällen als letztes Jahr.

Nach dem Tsunami und dem AKW-Unfall von Fukushima seien die Träume vieler Menschen zerstört worden. «Nadeshiko hat sie wieder zum Träumen gebracht. Man darf nie aufgeben. Das ist ihre Lektion. Ich ziehe den Hut vor diesem mentalen Kraftakt der Fussballfrauen», erklärt Isohata weiter. Dass gerade nach der Dreifachkatastrophe die Frauen den Menschen wieder Hoffnung verleihen, sei von grosser Symbolkraft. «Vielleicht sollten die Frauen die Führung unseres Landes übernehmen», meint Isohata schmunzelnd. «Unsere männlichen Politiker haben beim Wiederaufbau wenig Rückgrat bewiesen.»

Für Natsumi Kitahara ist der aufopfernde Kampf der Nadeshiko eine Inspiration. Die 26-Jährige ging in die gleiche Primarschule wie Homare Sawa, die Kapitänin der WM-Mannschaft. In einer Sportbar in ihrer Heimatstadt Fuchu im Westen Tokios verfolgte sie das Spiel. «Wenn man sich anstrengt, kann jeder Traum in Erfüllung gehen. Das haben sie uns gelehrt», sagt Kitahara der «Nikkei Shimbun». «Als Frau macht mich das stolz. Es ist ein Ansporn.»

Finanziell schwerer Stand

Für die Nadeshiko wird es nun vielmehr darum gehen, finanziell Profit aus dem Erfolg zu schlagen. In Japan ist Fussball ein halbprofessioneller Sport. Viele der Spielerinnen arbeiten Teilzeit in den Unternehmen ihrer Werksmannschaften. Und immer wieder kommt es vor, dass sich eine Spitzenmannschaft mangels finanzieller Unterstützung aus der Liga zurückziehen muss. So geschah es mit den Tepco Mareeze. Nach der Katastrophe löste der Betreiber des havarierten AKW in Fukushima seine Frauenmannschaft kurzerhand auf.

Der Anfang für eine bessere Zukunft ist bereits gemacht. Die Trikots der Nadeshiko sind schon seit Tagen ausverkauft und die Restaurantkette Hotto Motto hat laut «Nikkan Sports» angekündigt, mit Sawa und Co. eine landesweite Werbekampagne zu lancieren. Bereits Ende Juli werden die Werbungen am Fernsehen ausgestrahlt. Damit soll auch der finanzielle Grundstein für eine bessere Zukunft gelegt werden.

DerBund.ch/Newsnet

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