Messerattacke mit Folgen

Das Attentat auf den brasilianischen Politiker Jair Bolsonaro kann die Präsidentenwahl beeinflussen.

Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro könnte vom Attentat profitieren. Foto: Reuters

Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro könnte vom Attentat profitieren. Foto: Reuters

Jair Bolsonaro sass wie üblich bei seinen Wahlkampfauftritten auf der Schulter eines Fans, als es geschah. Mitten im Bad in der Menge zwischen hochgehaltenen Smartphones tauchte eine Messer­klinge auf. Der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Bolsonaro (63), der eben noch fröhlich gewinkt hatte, zuckte schmerzverzerrt zusammen. Der Angreifer hatte ihn in den Bauch gestochen und, wie sich später herausstellte, lebensgefährlich verletzt. In ersten Eilmeldungen vom Donnerstagabend war nur von einer kleinen Schramme die Rede gewesen, auf dem Weg ins Spital der Stadt Juiz de Fora in Minas Gerais verschlechterte sich Bolsonaros Zustand aber rapide. Er hatte Verletzungen an Leber, Lunge und Darm erlitten, viel Blut verloren und musste notoperiert werden. Am Freitagmorgen wurde er in eine Klinik in São Paulo verlegt, sein Zustand galt als stabil. Die Ärzte gehen aber davon aus, dass er bis zu zehn Tage in stationärer Behandlung bleiben muss.

Der mutmassliche Täter wurde sofort festgenommen. Nach Angaben der Polizei hat der 40-Jährige die Tat gestanden. Er habe allein gehandelt, sein Motiv ist unklar. Bei seinem Verhör soll er gesagt haben, dass er im «Auftrag Gottes» handelte. Von 2007 bis 2014 gehörte er der linksgerichteten Partei PSOL an. In sozialen Netzwerken kritisierte und beschimpfte er Bolsonaro regelmässig. Seine Beiträge der vergangenen drei Jahre deuten aber nicht unbedingt auf linkes Gedankengut hin. Er forderte unter anderem das Ende der laizistischen Staatsform in Brasilien und wetterte gegen Homosexuelle – klassische Bolsonaro-Themen. Es gibt noch einen weiteren Zusammenhang: Im Juni besuchte der mutmassliche Messerstecher eine Schiessschule in der Stadt Florianópolis, die auch von zwei Söhnen Bolsonaros frequentiert wird.

Der Präsidentschaftskandidat fordert in seinem Wahlkampf eine allgemeine Bewaffnung der Gesellschaft. Damit will er die Gewalt in Brasilien bekämpfen. Polizisten, die nicht töten, hätten ihren Beruf verfehlt. Und Grossgrundbesitzer sollten das Recht haben, sich mit Waffen gegen Indigene zu wehren, die ihre Ländereien beanspruchen. Kurz vor seiner Operation soll Bolsonaro Medienberichten zufolge über den Messerstecher gesagt haben: «Dieser Teufel weiss nicht mal, wie man so was macht. Der taugt gar nichts.»

Seit Monaten sät er Hass

Vom Krankenbett aus veröffentlichte Bolsonaro eine Videobotschaft, in der er sagte, er habe «nie irgendwem etwas getan». Dabei sät der ehemalige Fallschirmjäger seit Monaten Hass in Brasilien. Er wettert gegen Schwule, verherrlicht die Militärdiktatur und ihre Folterknechte, will alle indigenen Schutzgebiete abschaffen und hat einen Prozess am Hals, weil er einer Parlamentarierin zurief, sie sei es nicht wert, von ihm vergewaltigt zu werden. Trotzdem – oder vielleicht auch deshalb – wollen ihm rund 20 Prozent der Wähler ihre Stimme geben. Jair Bolsonaro wird die Präsidentschaftswahlen am 7. und 28. Oktober nach bisherigen Umfragen nicht gewinnen. Obwohl er für den ersten Wahlgang in Führung liegt, seit der ehemalige Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva wegen eines Korruptionsurteils von der Wahl ausgeschlossen wurde.

Dieses Attentat dürfte dem Wahlkampf aber eine neue Dynamik geben. Demoskopen rätseln darüber, ob es Bolsonaros Sympathiewerte steigern könnte. Alle Gegenkandidaten verurteilten den Anschlag scharf. Der linksgerichtete Ciro Gomes sprach von einem «Akt der Barbarei», die Mitte-links-Kandidatin Marina Silva von einem «Attentat gegen die Demokratie», der konservative Geraldo Alckmin forderte eine «exemplarische Strafe» für den Täter. Alle drei sagten einstweilen ihre Wahlkampftermine ab. Es war ein seltener Moment der Eintracht in Brasilien.

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