Manierliche Anarchie

Die Japaner legen grossen Wert auf Ordnung. Aber nicht die Velofahrer. Weder Junge noch Hausfrauen noch Polizisten geben hier viel auf Regeln.

Der erste Eindruck täuscht: Statistisch soll Tokio die Grossstadt mit den meisten Fahrradfahrern sein. Foto: Unsplash

Der erste Eindruck täuscht: Statistisch soll Tokio die Grossstadt mit den meisten Fahrradfahrern sein. Foto: Unsplash

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Wer in Tokio mit dem Fahrrad zur Arbeit im Regierungsviertel pendelt, kann sich bei «Joglis» umziehen. Die kleine Firma im Haus des Rundfunksenders FM Tokyo zwischen Kaiserpalast und Parlament ist eine luxuriöse Garderobe. Sie bietet Radfahrern und Läufern Duschen, Handtücher, Shampoo, Getränke, Schliessfächer und abschliessbare Fahrradständer. Kunde von «Joglis» wird man für einzelne Tage oder im Monatsabo.

Allerdings wagen sich nicht viele Pendler auf die achtspurigen Hauptstrassen von Tokio; die meisten sind Fahrradkuriere oder «ernsthafte Radfahrer», so nennen sich die Sportradler in Profitrikots auf teuren Rennmaschinen. Die grosse Mehrheit pendelt mit der Bahn, Tokios U- und S-Bahnen transportieren täglich 20 Millionen Menschen.

Alle sind mit dem Rad unterwegs

Es wäre freilich falsch, aus den wenigen Radfahrern auf den breiten Hauptstrassen zu schliessen, das Fahrrad habe in Tokio keine Bedeutung. Das Gegenteil ist der Fall. Statistiker haben errechnet, in keiner andern Grossstadt der Welt seien so viele Leute mit dem Rad unterwegs wie in Tokio: vom Grundschüler bis zur 85-jährigen Oma. Tokios Hausfrauen gehen fast grundsätzlich mit dem Rad einkaufen. Wenn es regnet, halten sie halt einen Schirm in der einen Hand.

In dieser Gesellschaft will niemand auffallen, alle Mütter einer Kindergartenklasse fahren den gleichen Radtyp.

Auch ein grosser Teil der 20 Millionen, die mit der Bahn zur Arbeit pendeln, legen in der Früh die erste Meile mit dem Rad zurück. Oft sind das drei bis vier Kilometer von der Wohnung zum U- oder S-Bahnhof. Viele fahren ein Mama-Chari. So nennt man die billigen, simplen Fahrräder ohne Gangschaltung mit Lenkerkorb, die es im Supermarkt ab 80 Euro gibt.

Der Begriff Mama-Chari erklärt sich von selbst, Chari heisst etwas salopp Fahrrad. Die moderne japanische Mutter, die ihre Kleinen mit dem Rad aus dem Kindergarten abholt, eines im Sitz vor dem Lenker, eines im Kindersitz hinter ihr, fährt freilich kein Mama-Chari mehr, sondern ein E-Bike. In dieser gleichmacherischen Gesellschaft will niemand auffallen, alle Mütter einer Kindergartenklasse fahren den gleichen Radtyp. Mamas Fahrrad soll auf keinen Fall erkennbar billiger oder teurer sein als das Rad der anderen Mütter, das Kind würde sonst gehänselt.

Ein anderer Begriff von Ordnung auf der Strasse

Die Japaner legen grossen Wert auf Ordnung, zumindest nach aussen. Ihre Wohnungen sind dagegen eher chaotisch, schon weil sie immer zu wenig Platz haben. Das macht nichts, da sie ohnehin niemanden nach Hause einladen, das tut man nicht. Aber auch auf der Strasse interpretieren sie Ordnung anders als wir.

In kaum einem andern Land schlupfen so viele Autofahrer bei Rot noch über die Ampel, und keineswegs nur junge Männer, sondern auch ältere Herrschaften auf Spazierfahrt. Andererseits tippen manche Autofahrer ihre Mail auf dem Smartphone noch fertig, obwohl die Ampel bereits auf Grün geschaltet hat. Sie haben auch keine Skrupel, eine enge Strasse zu blockieren, um einen blühenden Kirschbaum zu fotografieren. Andrerseits werden sie nicht sauer, wenn andere das tun. Oder zeigen es jedenfalls nicht.

Manche Velofahrer tippen mit einer Hand eine Mail, andere telefonieren: Strassenszene in Tokio. Foto: Unsplash

Dieser Hauch einer manierlichen Anarchie manifestiert sich nirgends so sehr wie beim Fahrradfahren. In Japan herrscht Linksverkehr, Fahrradfahrer fahren aber ebenso oft rechts, in der Mitte, auf dem Bürgersteig und bei Rot über die Ampel. Oder ganz ohne zu gucken von einer Seiten- in eine Hauptstrasse. Durch Einbahnstrassen sowieso, das ist offiziell erlaubt. Manche Radfahrer tippen mit einer Hand eine Mail, andere telefonieren, mit der zweiten halten sie ihren Schirm. (An Mama-Chari ist zuweilen eine Halterung für den Schirm am Lenker angebracht). Und als hätten sie eine dritte und vierte Hand, halten sie irgendwie auch noch Einkaufstüten.

Ein Sturm der Entrüstung

Bis vor einigen Jahren war diese sanfte Anarchie legal und die Norm. Nach einigen spektakulären Fahrradunfällen jedoch erklärte die nationale Polizeiagentur, sie werde die Verkehrsregeln künftig auch gegenüber Radfahrern durchsetzen. Als Erstes verbot sie das Fahren auf dem Bürgersteig. Damit löste sie einen Sturm der Entrüstung aus: Kann man einer jungen Mutter mit zwei Kindern in den Sitzen und Einkäufen im Korb eine dicht befahrene Strasse zumuten, wenn der Bürgersteig leer ist? Oder einer Greisin, die nur noch schlecht sieht und hört?

Die Polizei modifizierte das Verbot in folgende Regel: Wenn es zumutbar sei, gehören Radfahrer auf die Strasse. Allerdings wurden zugleich manche Bürgersteige zu Radwegen erklärt. Geändert hat sich nichts. Tokios Quartierpolizisten, die ihre Patrouillen stets zu zweit auf weissen Rädern machen, fahren weiterhin auf dem Bürgersteig, auch dort, wo es keinen Verkehr gibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2018, 19:20 Uhr

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