Japans Wirtschaft ächzt unter dem plötzlichen Verzicht auf Konsum

Tokios Gouverneur propagiert Zurückhaltung. Die Menschen sollen das Feiern sein lassen und Solidarität zeigen. Nun mehren sich in Japan die Stimmen, die vor den fatalen Folgen einer solchen Entwicklung warnen.

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Jan Knüsel

«Jishuku» ist in Japans Hauptstadt das Wort der Stunde. Die Bewohner sollen in dieser schwierigen Lage Selbstbeschränkung üben und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der sich die Japaner gewöhnlich unter den Kirschblüten im Freundes- und Arbeitskreis dem Sake hingeben. «Auch wenn die Kirschbäume am Blühen sind, ist jetzt nicht der Moment, um in einer geselligen Runde etwas zu trinken», mahnte Tokios Gouverneur Shintaro Ishihara gemäss der Nachrichtenagentur «Jiji».

Am 10. April ist Wahltag und der 78-jährige Politiker will zu seiner 4. Amtszeit antreten. Die Konkurrenz ist so hart wie noch nie. Mit gewohnt pointierten Aussagen versucht Ishihara das Wahlvolk für sich zu gewinnen. Ein «schönes Solidaritätsgefühl unter Japanern» wie zu Nachkriegszeiten sei jetzt nötig, meinte der Politiker weiter. Nicht nur die Frühlingsfeierlichkeiten, sondern auch Hochzeiten und Firmenfeste zur Eröffnung des neuen Geschäftsjahres werden abgesagt. Stromunterbrechungen und Lieferengpässe erschweren das Leben zusätzlich.

Ohne Umsatz keine Hilfsgelder

Doch nicht alle halten diese Selbstbeschränkung für eine gute Idee. Japans Ökonomen und führende Politiker befürchten, dass sich mit dem Selbstverzicht auf Freude und Luxus die wirtschaftliche Flaute zuspitzt. «Man sollte sich gut überlegen, wie solche behördlichen Einschränkungen die Wirtschaft unseres Landes beeinflussen», wendete Verbraucherministerin Renho gemäss «Sankei Shimbun»ein.

«Selbstbeschränkung, Selbstbeschränkung, Selbstbeschränkung: Richtet sich Japan nicht so zugrunde?», titelte das Wochenmagazin «Shinchosha» in einem aktuellen Artikel. Und auch Journalist Toshinao Sasaki von der «Weekly Post» wendet ein, dass ohne Umsatz keine Hilfsgelder in die Krisenregion überwiesen werden können: «Aus diesem Grund erhebe ich mich gegen die Selbstbeschränkungs-Bewegung.»

Die wirtschaftlichen Folgen der Selbsteinschränkung

Tatsächlich befürchtet die Wirtschaft durch diese Art der Solidarität Einbussen. Wirtschaftsexperte Hajime Yamazaki rechnet im Magazin «Gendai Business» vor, dass alleine die Umsätze in der Gastronomie als Folge der Selbsteinschränkung, Stromunterbrechungen und Lieferengpässe wohl um 30 Prozent schrumpfen werden.

Die selbst auferlegte Zurückhaltung trage zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Tätigkeit bei, wodurch der Wiederaufbau der Krisenregion ebenso leiden würde. Denn gerade Tokios Wirtschaftsmotor, der 40 Prozent des japanischen Bruttoinlandproduktes ausmacht, müsse unbedingt am Leben gehalten werden. Yamazaki fordert daher der Selbstbeschränkungsstimmung ein Ende zu setzen.

«Stimmung der Unterstützung»

Auch der studierte Wirtschaftswissenschaftler und Gouverneur der Präfektur Shizuoka, Heita Kawakazu, gibt Yamazaki Rückendeckung. Er erteilt der Selbstbeschränkungsstimmung gemäss der «Mainichi Shimbun» eine Absage: «Wir sollten nun eine Stimmung der Unterstützung für die Katastrophenopfer einnehmen.» Gerade in solchen Zeiten wolle er verschiedene Veranstaltungen unterstützen.

Schriftsteller Rui Yoshida weiss auch gleich, wie man am besten Katastrophenhilfe mit Geselligkeit verbinden könnte. «Indem wir den Reiswein aus der Krisenregion trinken, leisten wir eine Art der Unterstützung», schlägt er gegenüber der «Asahi Shimbun» vor. Auch auf Twitter pflichten die Nutzer Yoshidas Vorschlag bei. «Um die Menschen in den Katastrophengebieten zu unterstützen, kaufe ich nur noch Sake aus den Krisenregionen», meint etwa User Riskeyroe.

DerBund.ch/Newsnet

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