«In Kabul sieht man schon lange keine Nato-Truppen mehr»

Interview

Fotograf Christoph Bangert ist regelmässig für die «New York Times» in Afghanistan unterwegs. Nach der Obama-Rede spricht er mit DerBund.ch/Newsnet über die Gemütslage der Soldaten und der Bevölkerung.

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Jan Knüsel

Wie haben die US-Truppen Barack Obamas Abzugsplan aufgenommen? Die Obama-Rede wurde in Afghanistan heute um halb 5 Uhr am Morgen ausgestrahlt. Es ist alles noch sehr frisch. Die US-Soldaten beklagen sich ganz allgemein, dass die eigene Zivilbevölkerung das Interesse am Krieg in Afghanistan verloren hat. «Während wir hier kämpfen, ist Amerika in der Shoppingmall», sagen sie sich. Die Stimmung ist zurzeit ähnlich wie damals im Irak, als die Truppen vor dem Abzug standen. Auf die Abzugspläne gibt es jedoch kaum Reaktionen. Die einfachen Soldaten kümmern sich wenig um das Gesamtbild, man ist hier recht abgeschnitten von den Entscheidungen in Washington. Gemäss dem Rotationsprinzip in der US-Armee kehrt eine Einheit sowieso nach 12 Monaten wieder nach Hause zurück. Solange machen die Truppen ihren Job. Für die meisten Soldaten hat die Entscheidung daher keine persönlichen Konsequenzen.

Was halten die Afghanen vom amerikanischen Abzugsplan? Die Offiziellen und Politiker in Afghanistan äussern derzeit fleissig ihre Meinung. Ich war gerade an einer Pressekonferenz von Abdullah Abdullah, der 2009 die Präsidentschaftswahl gegen Hamid Karzai verloren hatte. Für die Bevölkerung hat der Abzugsentscheid zurzeit noch wenig Konsequenzen. In Kabul und vielen anderen Städten sieht man schon lange keine Nato-Truppen mehr. Hier haben bereits die afghanischen Sicherheitskräfte die Verantwortung übernommen.

Gibt es keine Angst vor einer Rückkehr der Gewalt? Die meisten Menschen in den Städten wollen, dass die Amerikaner bleiben. Viele von ihnen haben auch Jobs, die von der Präsenz der Amerikaner abhängen. Das US-Militär ist hier ein starker Wirtschaftsfaktor. Ausserdem fürchten sie sich vor einem Erstarken der Taliban. Auf dem Land verhält es sich ganz anders. Die Amerikaner sind hier unbeliebt. Sie werden als Besatzer angesehen. Gerade im paschtunischen Süden sind sie froh über einen Abzug. Es herrschte eine gewisse Anspannung. Niemand weiss, wie sich die nächsten Jahre entwickeln werden.

Wie hat sich Afghanistan in den letzten Jahren verändert? Ich war 2004 zum ersten Mal hier. Damals gab es eine grosse Euphorie. Diese wurde inzwischen stark gedämpft. Die Sicherheitssituation hat sich verschlechtert. Die Taliban sind wieder zurück. Viele sind enttäuscht, dass die USA jahrelang alle Ressourcen für den Irak verbraucht haben, anstatt sie in Afghanistan zu verwenden. Auch die neu aufgebauten afghanischen Sicherheitskräfte leiden unter ihrem schlechten Ruf in der Bevölkerung. Gerade in der Polizei herrscht viel Korruption und Inkompetenz.

Hat die US-Offensive von General Petraeus Wirkung gezeigt? Ich war dieses Jahr noch nicht in Kandahar, ich kann daher nur die Situation in Helmand beurteilen. Hier scheinen die Taliban zumindest militärisch in Bedrängnis geraten zu sein. Die Situation ist besser, aber noch lange nicht zufriedenstellend. Es bleibt die Frage, was nach dem US-Truppenabzug passieren wird. Die Zeit spielt für die Taliban. Auf dem Land ist ihr grosser Einfluss auch weiterhin spürbar.

Sie sind regelmässig im Irak und Afghanistan. Welchem Land geben Sie heute die besseren Chancen? 2004 hätte ich Afghanistan die besseren Chancen gegeben. Damals gab es eine Kriegsmüdigkeit und eine Aufbruchstimmung. Im Irak herrschte derweil Bürgerkrieg. Heute ist die Lage genau umgekehrt.

Was ist Ihre persönliche Prognose? Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Taliban in einen politischen Prozess einzubinden und ernsthafte Friedensverhandlungen zu führen. Genauso wichtig ist es, dass eine afghanische Regierung zustande kommt, die glaubwürdig ist, die Korruption bekämpft und in der Bevölkerung respektiert wird. Zudem hängt die Zukunft Afghanistans auch stark vom Verhalten Pakistans ab, dessen Geheimdienste die afghanischen Taliban seit Jahren unterstützen.

Ist dies Ihr letzter Aufenthalt in Afghanistan? Noch berichten zumindest die amerikanischen Medien aus Afghanistan. Die europäischen Medien sind kaum noch vertreten. Viele Korrespondenten berichten aus Delhi. Es wird bestimmt nicht meine letzte Reise nach Afghanistan gewesen sein, egal ob das Land in den Schlagzeilen bleibt oder nicht. Ich werde wieder herkommen.

DerBund.ch/Newsnet

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