Hitler, ein Held in Asien

Im Fernen Osten herrscht eine Obsession für Adolf Hitler. Das ist besonders einfach, wenn man von Geschichte keine Ahnung hat. Dies aber ist ganz im Sinne von Staaten wie China.

Lockerer Umgang mit Adolf Hitler: Nazi-DVDs auf einem Markt in Shanghai. Foto: Samuel Schalch

Lockerer Umgang mit Adolf Hitler: Nazi-DVDs auf einem Markt in Shanghai. Foto: Samuel Schalch

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Zu sagen, der Hitlergruss sei Alltag in China, wäre gewaltig übertrieben. Zutreffend allerdings ist die Feststellung, dass man als Deutscher in China dem Hitlergruss öfter begegnet als zu Hause. In Deutschland passt er nicht mehr recht zu den örtlichen Sitten und Bräuchen. So muss man wohl auch den botschaftlichen Rat der chinesischen Botschaft in Berlin verstehen, die Anfang Woche in den Morgennachrichten des Staatssenders CCTV an ihre Landsleute appellierte, den Hitlergruss in Deutschland bitte seinzulassen: «Chinesische Touristen sollten während ihrer Reisen die örtliche Kultur und die örtlichen Gesetze respektieren.»

Kaum echte Nazis

Ein Appell, über den die Nutzer des Mik­robloggingdiensts Weibo in China mit ähnlichem Spott herfielen wie über die beiden chinesischen Touristen, die die Berliner Polizei festgenommen hatte, weil sie ihre Selfies vor dem deutschen Reichstag unbedingt mit dem Hitlergruss aufpeppen wollten.

«Als Nächstes fahren sie nach Warschau und stellen sich mit der sowjetischen Flagge vors polnische Parlament», ätzte einer. Ein anderer klagte über die «Hirntoten», die mal wieder das chine­sische Volk blossgestellt hätten: «Wie peinlich.» Ach, schrieb ein Dritter, wenns bloss so einfach wäre: «Die Wahrheit ist doch, dass das System hier uns so hirntot will.»

Tatsächlich sollte die Aktion wohl ein Jux sein. Echten Nazis begegnet man hier in China nicht. Dafür aber bisweilen einem Taxifahrer, einem Kellner, auch dem einen oder anderen Geschäftsmann, die es für gastfreundlich halten, deutsche Zufallsbekanntschaften mit einem Salut an die höchsten Früchte der deutschen Kultur zu begrüssen. Ein nicht untypischer Gruss: «Beckenbauer! Mercedes-Benz! Heil Hitler!» Begleitet wird der Jubelruf vom in die Höhe schnellenden rechten Arm und einem krächzenden Lachen.

Allerdings: Das Gleiche kann einem auch in Indien passieren oder in Thailand. Die Obsession für Hitler ist eine asienweite. In Indien gab es einmal ein Café mit dem Namen Hitler’s Cross. In Südkorea eine Hitler-Bar. Eine der bekanntesten Rockbands in Burma nennt sich Eisernes Kreuz und schmückt sich mit dem Reichsadler. In Thailand hatte einer mal die Idee, seine Hähnchenbraterei Hitler Fried Chicken zu nennen. Das Phänomen firmiert unter dem Schlagwort «Nazi Chic». Der Besitzer des Soldatencafés im indo­nesischen Bandung verteidigte sich mit dem Hinweis auf eine «Zweiter-Weltkrieg-Popkultur».

Die Nazis für cool zu halten, geht natürlich dann besonders einfach, wenn man von Geschichte keine Ahnung hat und gleichzeitig starke Männer gut findet. In Systemen also, welche die Gedankenlosigkeit zum Bildungsziel erheben, die Geschichtsvergessenheit befördern und den starken Mann verherrlichen. China ist da ein fruchtbarer Boden. «Die Deutschen haben ihre Geschichte verarbeitet», schrieb einer auf Weibo: «Aber wir in China ziehen uns zum Spass noch immer an wie Rotgardisten und tanzen auf den Strassen die Tänze der Kulturrevolution.»

«Hitler war ein starker Mann», sagte dem Reporter des «Tages-Anzeigers» einmal ein Taxifahrer. «Er hat Deutschland wieder gross gemacht und Respekt eingebracht. Wie unser Mao Zedong.» Dass Hitler die Juden auslöschen wollte und zig Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, ist in solchen Gesprächen praktisch nie Thema.

Auch Maos Opfer kein Thema

Wie auch die Millionen Opfer von Mao Zedong nie Thema sind. Darauf achtet die KP. 35 bis 45 Millionen Menschen verloren von 1958 bis 1962 bei Mao Zedongs «Grossem Sprung nach vorne» ihr Leben; die meisten starben vor Hunger, mehr als zwei Millionen wurden umgebracht, so wie jener Bub in Hunan, der eine Handvoll Getreide gestohlen hatte: Auf Befehl des Dorfvorstehers musste der eigene Vater ihn lebendig begraben. Der niederländische Historiker Frank Dikötter, der den Fall recherchierte, nennt Mao «einen der grössten Massenmörder der Geschichte». In China selbst dürfen Maos Taten nicht zum Thema gemacht werden. Wer es wagt, darüber zu sprechen, verliert seinen Job, so wie Anfang des Jahres Deng Xiangchao, Kunstprofessor in Shandong. Oder wie der bekannte TV-Moderator Bi Fujian, der vor zwei Jahren bei einem privaten Abendessen Mao einen «Hundesohn» nannte, der Leid über China gebracht habe.

Das allerdings darf man in China: einen spassigen Abend in maoistischen Kulturrevolutions-Themenrestaurants verbringen, wo einen als Rotgardisten verkleidete Kellner bedienen. Man darf als Brautpaar auf einer maoistischen Massenhochzeit dem Grossen Vorsitzenden ewige Treue schwören. Man darf Mao Tempel bauen, in denen er als Gott verehrt wird.

Wo Diktatoren vergöttlicht werden, da ist Diktatorenhorror nur selten ein Thema. Selbst dort, wo in China der Kampf gegen den Faschismus staatlich verordnet ist, kennt er nur eine Stossrichtung: Japan.

Kaum etwas ist bekannt über die beiden Chinesen vor dem Reichstag, die längst wieder auf freiem Fusse sind. Der eine ist 1981, der andere 1968 geboren (mitten im Grauen der Kulturrevolution). Sie konnten sich eine Europareise leisten, eine gewisse Bildung haben sie wohl auch. «Aber sie gehören zu denen, die aufgehört haben, ihr Hirn zu gebrauchen», schreibt ein Landsmann auf Weibo. Mit Selbstgefälligkeit sollte man sich als Europäer da besser zurückhalten. Zu den beliebtesten Souvenirs bei westlichen Chinareisenden zählen bis heute T-Shirts und Anstecker mit dem Mao-Konterfei.

Und wieso eigentlich verkniff sich Andy Warhol ein Adolf-Hitler-Porträt und pinselte dann aber Mao Zedong in den Pantheon der Coolness?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2017, 19:04 Uhr

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