«Es ist wie in einem schlechten Film»

Interview

In Tokio hat der Arbeitsalltag unter erschwerten Bedingungen begonnen. Der Japaner Kohei Isohata spricht gegenüber DerBund.ch/Newsnet von seinem Alltag und seinen Sorgen bezüglich der Atomkatastrophe.

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Jan Knüsel

Wie haben Sie den heutigen Montag verbracht? Da ich bald eine neue Stelle antrete, musste ich einige Besorgungen machen. Als ich etwas vor 10 Uhr mit dem Velo zum Bahnhof fuhr, sah ich wie fast alle Läden vom grossen Einkaufshaus bis zum kleinen Geschäft geschlossen waren. Ein Supermarkt öffnete schliesslich um 10:30 Uhr. Wasser und Instantfood waren sofort ausverkauft. Schliesslich konnte ich ein Minimum an Lebensmitteln kaufen. Ich musste rund 30 Minuten an der Kasse anstehen.

Wie sah es mit den geplanten Stromunterbrüchen aus? In meiner Region war für heute ein Stromunterbruch für 9:20 Uhr vorgesehen, aber letztendlich haben die Behörden darauf verzichtet. So kann ich mich weiterhin übers Internet informieren.

Wie verhalten sich die Leute in der Stadt? Sehr ruhig. Es ist nichts von Panik zu spüren. Sorgen machen sich dennoch alle. Man versorgt sich mit Lebensmittel, Batterien und Taschenlampen. Der Atomkraftwerkbetreiber Tepco ändert zudem ständig seine Informationen zum Stromunterbruch. Das ist ärgerlich und auch verwirrend. Es ist wie in einem schlechten Film.

Wie hatten Sie das Erdbeben am Freitag erlebt? Es war das grösste Erdbeben in meinem bisherigen Leben. Die Erde bebte wahnsinnig lange. Für einen Moment dachte ich, dass dies nun das Ende sei.

Wie haben Sie die zweite Explosion beim Reaktor in Fukushima von heute Morgen aufgenommen? Das macht mir sehr viel Angst. Im schlimmsten Fall könnte die Strahlung bis nach Tokio kommen. Als ich von der Explosion hörte, fragte ich mich einen Augenblick, ob uns nun ein Tschernobyl bevorsteht.

Haben Sie noch Vertrauen in Ihre Regierung? Momentan bleibt uns nichts anderes übrig, als ihr zu glauben. Es handelt sich hier um zahlreiche Katastrophen in der Katastrophe. Wir erhalten ständig Neuigkeiten zu Todesopfern, zum Wohlbefinden der Betroffenen, zum Stromunterbruch und zu den Fahrzeiten des öffentlichen Verkehrs. Die Informationsflut ist dementsprechend riesig. Es ist schwierig allem zu folgen. Ehrlich gesagt, kann man das alles gar nicht mehr bis ins Detail verstehen.

Was ist Ihre grösste Sorge? Die Meldung, dass es zahlreiche Strahlenopfer gibt, macht Angst. Nur alleine das Wort Strahlenopfer ist in Japan speziell schockierend. Man denkt sofort an die Opfer der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Es ist ein furchterregendes Wort.

Wie denken Sie nach der Katastrophe über die Atomenergie? Ich habe Angst, ob die Atomkraft wirklich zu kontrollieren ist und ob man im schlimmsten Fall überhaupt davor flüchten könnte. Bis jetzt habe ich mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie Atomkraftwerke überhaupt aufgebaut sind. Zwar sagt die Regierung, dass ein Reaktor mehrere Schutzhüllen hat und es daher sicher sei. Aber ob da wirklich alles in Ordnung ist?

Wäre es Zeit, dass Japan auf die Atomenergie verzichtet? Das ist ein schwieriges Problem voller Widersprüche. Natürlich wäre es gut, wenn wir die Energieversorgung ohne Atomkraft schaffen könnten. Doch heute ist es so, dass ohne Atomkraftwerke das Leben in Tokio zum Erliegen kommen würde.

Wie gestaltet sich ihr Alltag in den kommenden Wochen? Das frage ich mich selbst auch. Die grösste Sorge in meinem persönlichen Leben ist derzeit die Stromversorgung. Laut Tepco wird es bis Ende April regelmässig zu Stromunterbrüchen kommen. Es wird wohl einen grossen Einfluss auf unseren Alltag haben.

Was für einen Einfluss wird diese Katastrophe auf die japanische Gesellschaft haben? Es könnte zu einem Wendepunkt hinsichtlich der Wertvorstellungen und des Lebensstils der Japaner werden. Bis jetzt haben wir immer unglaublich viel gearbeitet. Vielleicht kommt jetzt ein Zeitalter, bei dem wir alles ein bisschen ruhiger und bewusster angehen.

DerBund.ch/Newsnet

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