Eine Regierung in Blau

Premier Naoto Kan und sein Sprecher präsentieren sich seit Beginn der Katastrophe in einer Arbeitsuniform. In westlichen Augen mag dies bizarr wirken, doch den Japanern vermittelt die Regierung damit eine wichtige Botschaft.

Alles in Blau: Naoto Kan (vorne) marschiert zur Pressekonferenz. Links ist sein Kabinettssekretär Yukio Edano zu sehen.

Alles in Blau: Naoto Kan (vorne) marschiert zur Pressekonferenz. Links ist sein Kabinettssekretär Yukio Edano zu sehen.

(Bild: Keystone)

Jan Knüsel

Japans Premierminister Naoto Kan ist seit dem Erdbeben und dem Tsunami im Dauereinsatz. Seine Kleidung und die seines Kabinettssekretärs Yukio Edano sind seit vier Tagen dieselbe. Eine blaue Arbeitsuniform, die man sonst von Ingenieuren oder Fabrikarbeitern in Japan kennt, ist zum Markenzeichen der japanischen Regierung geworden. In stets der gleichen Aufmachung machen sich die beiden mediengerecht ein Bild der Lage im Katastrophengebiet und informieren später die Presse. Was bizarr wirken mag, hat in Japan System.

Naoto Kan will mit seiner Uniform der Bevölkerung zeigen, dass er in diesem Moment des Notstandes präsent ist und die Sache anpackt. «Premier Kan will auf keinen Fall den Eindruck vermitteln, dass er nichtstuend in seinem Anzug am Bürotisch sitzt», meint Kohei Isohata, Asssistenzprofessor an der Universität Chuo in Tokio, gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Dies würde kein Japaner goutieren.

Die blaue Arbeitskleidung hat aber auch noch eine andere Bedeutung. «Mit dieser Uniform vermitteln der Premier und sein Kabinett, dass sie auf gleicher Höhe wie die Betroffenen der Katastrophe sind», erklärt Isohata weiter. Alle Japaner sitzen in einem Boot, laute die Botschaft. «Damit wird ein Gefühl der Solidarität zum Ausdruck gebracht», sagt Isohata weiter. Es ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt in einem Land, das überaus hierarchisch geregelt ist. Die Japaner wollen eine Regierung sehen, die sich für sie einsetzt und mit aller Kraft mit den Betroffenen zusammenarbeitet. Die blaue Uniform vermittelt dies zumindest optisch.

Müde und abgearbeitet

Die Dauerpräsenz fordert ihren Preis. Besonders bei Kabinettssekretär Yukio Edano, der regelmässig über die Atomkatastrophe zu berichten hat. Der Schlafmangel ist derzeit bei keinem anderen Regierungsmitglied besser ersichtlich als bei Edano. Die rechte Hand des Premiers ist in dieser Katastrophe zum Gesicht der Regierung geworden. «Die ganze Regierung gibt sich Mühe, besonders bei Kabinettssekretär Edano ist die aufrichtige Haltung nur schon optisch sichtbar», meint der Tokioter Internetunternehmer Yusuke Ishimatsu gegenüber DerBund.ch/Newsnet.

Auf Twitter rufen sie Edano bereits zum Schlafen auf. «Edano schlaf!», «Edano nero!», wird auf dem Kurznachrichtenportal gefordert. Auch die Gesundheit des Kabinettssekretärs ist zu einem Thema geworden. «Herr Edano, nehmen Sie Rücksicht auf ihre Gesundheit. Gönnen sie sich eine Pause», schreibt etwa Nutzerin Cocokitune auf Twitter.

Kan in der Kritik

Derweil tut sich Premierminister Naoto Kan etwas schwer. In den japanischen Medien wurde am Sonntag Kritik an seiner Informationspolitik zur Atomkatastrophe laut. «Von der Explosion bis zur detaillierten Informationsfreigabe dauerte es am Samstag fünf Stunden», kritisiert «Jiji News» die Regierung. Ausserdem hätten sich die Informationen der Regierung, Nuklearbehörde und des Atomkraftwerkbetreibers Tepco zeitweilig widersprochen. Naoto Kan gab die Kritik umgehend an Tepco weiter. Dessen Informationsweitergabe sei langsam gewesen, zitierte ihn die «Yomiuri Shimbun».

Nicht allen Japanern scheint der Auftritt in Blau übrigens Eindruck zu machen. «Mir ist es egal, ob Kan sich als arbeitsamer Premier gibt. Ich verlange von der Spitze unseres Landes nur, dass sie gegenüber der Öffentlichkeit mehr Stellung bezieht», zeigt sich die japanische Nutzerin amy_nnn auf Twitter kritisch. Inzwischen gibt es auch zum Premier auf dem Kurznachrichtenportal eine eigene Kategorie. Sie heisst «Kan Okiro!», zu Deutsch «Wach auf, Kan!».

DerBund.ch/Newsnet

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