«Dieses Restrisiko können wir uns nicht leisten»

Reportage

Eine Gruppe Schweizer Politiker hat die Fukushima-Region besucht. Am Ende der Japan-Reise berichten sie über ihre persönlichen Eindrücke und politischen Schlussfolgerungen.

Gruppenbild vor dem Sansoji-Tempel in Tokio: Nationalrat Josias Gasser (GLP, GR), Nationalrätin Yvonne Gilli (GP, SG), Nationalrat Max Chopard (SP, AG), Nationalrätin Rosmarie Quadranti (BDP, ZH), Nationalrat Christian Lohr (CVP, TG), Nationalrat Thomas Weibel (GLP, ZH) und Regierungsrat Willi Haag (FDP, SG).<p class='credit'>(Bild: Vincenzo Capodici)</p>

Gruppenbild vor dem Sansoji-Tempel in Tokio: Nationalrat Josias Gasser (GLP, GR), Nationalrätin Yvonne Gilli (GP, SG), Nationalrat Max Chopard (SP, AG), Nationalrätin Rosmarie Quadranti (BDP, ZH), Nationalrat Christian Lohr (CVP, TG), Nationalrat Thomas Weibel (GLP, ZH) und Regierungsrat Willi Haag (FDP, SG).

(Bild: Vincenzo Capodici)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Sechs Nationalräte und ein Regierungsrat aus der Schweiz waren letzte Woche in der Fukushima-Region unterwegs, um sich ein persönliches Bild über das Ausmass der AKW-Katastrophe vom 11. März 2011 zu machen. Sie besuchten die Geisterstadt Tomioka, die teilweise wieder zugänglich ist. Sie trafen Mütter und Kinder, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Sie liessen sich über die gesundheitlichen Auswirkungen des Super-GAUs informieren. Und sie hörten sich Vorträge von einheimischen Anti-AKW-Aktivisten und eines Bodenökologie-Experten der japanischen Regierung an.

Nach der Japan-Reise, die Green Cross Schweiz organisiert hatte, sind sich die Schweizer Politiker einig, dass eine AKW-Katastrophe wie in Fukushima gar nicht bewältigt werden kann.

«Selbst ein hoch entwickeltes Land wie Japan ist überfordert»

Die Dekontaminierung in der Region des havarierten AKW sei offensichtlich eine hilflose Sache, sagt der Zürcher GLP-Nationalrat Thomas Weibel. Auch der St. Galler Regierungsrat Willi Haag (FDP) stellt Ohnmacht und Verzweiflung fest. Tatsache ist, dass trotz grosser Anstrengungen die Dekontaminierung nur schleppend vorankommt. Max Chopard, SP-Nationalrat aus dem Kanton Aargau, meint, dass die japanische Regierung bei der Dekontaminierung zu viel versprochen habe. Auch das Problem der Entsorgung der verstrahlten Erde sei noch lange nicht gelöst.

«Bei einer solchen Katastrophe ist selbst ein hoch entwickeltes Land wie Japan überfordert», sagt die Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. Die Landverseuchung werde noch sehr lange ein Problem bleiben.

Persönlicher Augenschein hinterlässt starke Eindrücke und Betroffenheit

Die Fukushima-Reise hat bei den Politikern aus der Schweiz starke Eindrücke hinterlassen und sie nachdenklich gestimmt. Die Berichte und Bilder aus Fukushima sind zwar längst bekannt. Vor Ort ist die Wirkung des Gesehenen und des Gehörten aber deutlich stärker, wie die Politiker unisono bestätigen. Eindruck hinterlassen haben zum Beispiel die Aussagen einer 57-jährigen Frau, die seit dem Super-GAU in Koriyama lebt, etwa 70 Kilometer von ihrer Heimatstadt Tomioka entfernt. Die Frau klagte über Heimweh und sagte, dass sie höchstwahrscheinlich nie mehr zurückkehren könne. Und dieses Schicksal teilen sehr viele Menschen.

Betroffenheit löste der Umstand aus, dass es auch ausserhalb der Evakuierungszone radioaktiv belastete Gebiete gibt, wo Menschen leben. Oder dass die Sperrzonen in Tomioka und anderen Städten und Dörfern teilweise aufgehoben werden sollen, obwohl noch längere Zeit von einer erhöhten Radioaktivität auszugehen ist. Oder auch dass die psychischen Folgen der Atomkatastrophe unterschätzt werden.

Möglichst rascher AKW-Ausstieg

Nach dem persönlichen Augenschein in der Fukushima-Region sprechen sich die bereits vor der Reise AKW-kritischen Politiker für eine schnellere Energiewende in der Schweiz aus. «Wenn man diese Risiken sieht, sollten wir möglichst bald aus der Atomenergie aussteigen», sagt GLP-Nationalrat Weibel, dessen Partei bisher für einen Ausstieg frühestens per 2035 ist. Eine Verkettung technischer Probleme in Kombination mit menschlichem Versagen sei auch in Schweizer Kernkraftwerken möglich, sagt Weibel. BDP-Nationalrätin Quadranti meint, dass «wir den schnellstmöglichen Weg suchen sollten, um die AKW abzuschalten, denn dieses Restrisiko können wir uns schlicht nicht leisten».

Der St. Galler FDP-Regierungsrat Haag, dessen Partei in der AKW-Frage schwankt, plädiert für eine «beschleunigte Energiewende, aber geordnet und ohne Panik». Haag betont, dass bei allen Ausstiegsplänen die Stromversorgungssicherheit für Bevölkerung und Wirtschaft ständig gewährleistet werden müsse.

Anderer Meinung bezüglich des Tempos des Ausstiegs ist SP-Nationalrat Chopard, der in der Nähe des AKW Beznau lebt. Er fordert einen möglichst schnellen Ausstieg – und zwar mit verbindlichen Zeitplänen. Ginge es nach ihm, müsste Beznau 1 in spätestens einem Jahr und das AKW Mühleberg in den nächsten fünf Jahren abgestellt werden. «Denn», so Chopard, «die Folgen eines Super-GAUs in der dicht besiedelten Schweiz wären noch schlimmer als in Fukushima.»

DerBund.ch/Newsnet

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