Auf der Insel der Verdammten

Ein kurdischer Reporter musste nach Australien fliehen. Seine Berichte aus dem Flüchtlingslager schockieren.

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Hunger, Hitze, Durst und miserable hygienische Verhältnisse, überfüllte Unterkünfte, fauliges Wasser, Insektenbisse, offene Wunden und Krankheiten, Angriffe der Lokalbevölkerung, systematische Misshandlung durch die Polizei, ethnische Spannungen – so schildert der 34-jährige Flüchtling Behrouz Boochani im «Guardian» die Zustände auf der Insel Manus. Sie gehört zu Papua-Neuguinea, ist 100 auf 30 Kilometer gross und eine der vielen Offshore-Zentren, auf denen die australische Regierung Flüchtlinge festgehalten hat – mit Unterbrüchen.

Nachdem die obersten Gerichte von Australien und Papua-Neuguinea zum gemeinsamen Schluss gekommen waren, dass solche Zentren gegen die Verfassung verstiessen, liess man das Lager von Manus Ende Oktober räumen. Mehrere Hundert Gefangene wehrten sich, weil sie eine noch schlechtere Behandlung befürchteten. Sie sollen an einem neuen Ort auf der Insel untergebracht und später ausgeschafft werden.

Am wichtigsten ist die Abschreckung

Australien führt seit Jahren eine harte Flüchtlingspolitik, die von der Australian Labor Party mitgetragen wird. Wer auf dem Wasserweg auf den Kontinent gelangt, hat seine Chance auf einen Asylantrag bereits verwirkt. Stattdessen wird er aufgegriffen und wurde, bis vor kurzem, auf eine der umliegenden Inseln gebracht. Am bekanntesten ist Manus, «die Insel der Verdammten», wie die Flüchtlinge sie nennen. Den australischen Behörden sind solche Klagen recht: Je schlimmer die Nachrichten vor Ort, argumentieren sie, desto abschreckender die Wirkung für alle anderen, die nach Australien flüchten möchten.

Video: Polizei räumt das Camp auf Manus

Mitte November 2017 vertrieb die Polizei die etwa 380 zurückgebliebenen Asylbewerber. Video: TA/Reuters

Womit die australische Regierung nicht gerechnet hat, ist Behrouz Boochani. Der iranische Kurde wird seit Jahren auf der Insel festgehalten. Aber Boochani ist nicht nur Flüchtling, sondern auch Journalist. Und er schreibt eine Chronik für die australische Ausgabe des «Guardian», die weltweites Aufsehen erregt hat. Boochani hat mit seinem Handy auch schon einen Film über die Zustände auf der Insel gedreht und ist für sein Engagement von Amnesty International ausgezeichnet worden.

Der Reporter stammt aus der kurdischen Provinz Ilan im Iran. Laut Wikipedia hat er in Teheran Politgeografie studiert und dann als Journalist für verschiedene Medien und zu verschiedenen Themen gearbeitet. Er musste im Februar 2013 untertauchen, nachdem iranische Sicherheitsleute das von ihm gegründete kurdische Magazin «Werya» überfallen und mehrere seiner Kollegen verhaftet hatten.

«Hier ist die Hölle», schreibt Boochani in seinem Tagebuch.

Im Mai 2013 gelang Boochani die Flucht aus dem Iran. Als er im August versuchte, von Indonesien aus nach Australien zu gelangen, wurde er gefasst und auf die Insel Manus gebracht, wo er seit vier Jahren ausharrt. Am Montag hat der «Guardian» in seiner Hauptausgabe an die australische Flüchtlingskrise erinnert und seinen eingebetteten Journalisten wieder zu Wort kommen lassen.

Boochanis desillusionierte Prosa verdeutlicht, warum es immer noch Journalistinnen und Journalisten braucht. Warum kein Bericht, keine Statistik und kein Luftbild vermitteln kann, was ein Reporter vor Ort sieht, hört, erlebt und mitteilt. In drastischen Sätzen erzählt er vom Hunger, der ihn vom Morgen an umtreibt, der die Leute aggressiv macht, die zusätzlich unter der schwül drückenden Hitze leiden, weil die Generatoren abgestellt wurden. Es kommt zu Schlägereien, die Leute gehen aufeinander los, weil sie es nicht mehr aushalten. «Hier ist die Hölle», schreibt Boochani in seinem Tagebuch.

«Du hast unseren Ruf beschädigt»

Natürlich hat er sich mit seinen Kommentaren in Gefahr gebracht. Die Polizei suchte nach ihm, fand ihn und nahm ihn gefangen. Er sei von mehreren Polizisten geschlagen worden, schreibt er. «Du bist schuldig», hätten sie ihm gesagt, «du hast unseren Ruf beschädigt.»

Am selben Tag wurde er aus der Polizeihaft entlassen. Einen so bekannten, so weitherum gelesenen und gehörten, auch die australische Öffentlichkeit aufrüttelnden Journalisten verschwinden zu lassen, getrauen sich nicht einmal jene, die am liebsten hätten, wenn Behrouz Boochani kein Wort mehr sagen könnte. Noch nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 14:45 Uhr

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