Amerikas diskreter Grosseinsatz

Exklusiv

Der vom Tsunami verwüstete Flughafen Sendai in Japan ist wieder offen. Die rasche Inbetriebnahme ist einer im Hintergrund operierenden US-Spezialeinheit zu verdanken. Die Diskretion hat ihre Gründe.

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Jan Knüsel

Der Tsunami vom 11. März verwandelte den Flughafen in der japanischen Grossstadt Sendai innert Minuten in einen Trümmerhaufen. Autos, Flugzeuge und Häuser wurden auf die Landebahn gespült, der Kontrollturm überflutet. Einen Tag nach der Katastrophe stand das Areal immer noch tief im Wasser. «Ein derartiges Ausmass der Zerstörung hatte ich noch nie gesehen, nicht einmal im Krieg», beschrieb US-Major Traxler der «New York Times» seine Eindrücke.

Die rund 1400 Passagiere, die zum Zeitpunkt des Tsunami im Terminal festsassen, konnten gerettet werden. Der Flughafen selbst schien komplett verloren zu sein. Doch bereits am 13. April konnte die Kontrolle über den Flughafen wieder den japanischen Behörden übergeben werden. Um 8 Uhr morgens landete die erste Maschine der japanischen Fluglinie ANA in Sendai.

Einsatz ohne grosses Aufsehen

Zu verdanken ist dieses Wunder einer amerikanischen Spezialeinheit, die auf Okinawa stationiert ist. Ihr Kommandeur, Colonel Robert P. Toth, erkannte kurz nach der Katastrophe die Chance, aus dem verwüsteten Flughafen einen Stützpunkt für amerikanische Hilfslieferungen zu machen. Erfahrung im Wiederaufbau zerstörter Landebahnen hatte die Einheit bei Einsätzen im Irak, in Afghanistan und Somalia gesammelt. Die japanische Regierung stimmte dem Vorhaben zu.

Nur drei Tage nach der Katastrophe kamen die ersten US-Fahrzeuge auf dem zerstörten Gelände an, wie die «New York Times» berichtet. Es begann eine immense Aufräumarbeit. In Zusammenarbeit mit den japanischen Behörden beseitigten rund 260 US-Soldaten über 5000 Autos. Zahlreiche Leichen mussten aus den Trümmern geborgen werden. Nur wenige Tage später war der Flughafen Sendai für Militärmaschinen wieder geöffnet. Über Funkradios leitete die US-Armee die Flieger auf die Landebahn. Über zwei Millionen Tonnen an Hilfsgütern konnten so direkt in die Krisenregion gebracht werden.

Der diskrete Einsatz

Die offizielle Wiedereröffnung hatte die beteiligte amerikanische Spezialeinheit nicht mehr erlebt. Sie war so schnell wieder weg, wie sie gekommen war. «Unser Ziel ist es, dass unsere Präsenz gar nicht wahrgenommen wird», erklärte Major John Traxler der «New York Times». Die amerikanische Hilfsaktion in Japan unterscheidet sich grundsätzlich von denen in Haiti nach dem Erdbeben oder Indonesien nach dem Tsunami, als die US-Armee viel öffentliche Präsenz markierte.

In Japan war der US-Einsatz nicht kleiner, aber diskreter. Gleich 18'000 Soldaten, 20 Kriegsschiffe, den Flugzeugträger Ronald Reagan, Drohnen zur Aufklärung und eine Spezialeinheit zur Bekämpfung der nuklearen Katastrophe hat Präsident Barack Obama in die Krisenregion entsandt, wie die «Tokyo Shimbun» berichtet. Tomodachi (Freund) nennt sich die Operation.

Zwiespältiges Verhältnis

Noch heute haben die USA rund 50'000 Mann in Japan stationiert, 35'000 alleine auf Okinawa. Ein Sicherheitsvertrag macht die beiden Länder zu militärisch engen Allianzpartnern.

Die Präsenz der US-Armee ist in Japan aber nicht unumstritten. Immer wieder kommt es zu alkoholisierten Übergriffen von amerikanischen Soldaten auf Japaner, welche die beidseitigen Beziehungen zu einer ewigen Belastungsprobe machen. Seit Jahrzehnten kämpfen die Bewohner auf Okinawa um eine Reduktion der zahlreichen US-Stützpunkte. Yukio Hatoyama, der Vorgänger von Premier Naoto Kan, musste letztes Jahr seinen Platz räumen, weil er sein Versprechen, eine US-Basis auf der kleinen Inselgruppe zu schliessen, nicht einhalten konnte.

Eine Imagekampagne

Selbst zur eigenen Armee haben die Japaner ein zwiespältiges Verhältnis. Die pazifistische Verfassung verbietet dem Land, ein Heer für Angriffskriege zu unterhalten. Das Land hat einzig das Recht, sich selbst zu verteidigen. Daher nennt Japan seine Armee offiziell Selbstverteidigungskräfte, die vornehmlich zur Katastrophenhilfe eingesetzt wird.

Entsprechend zurückhaltend sind die US-Truppen bei ihrem Einsatz. So geht es vornehmlich darum, das Wohlwollen in der japanischen Bevölkerung für sich zu gewinnen. Es ist eine wirksame Imagekampagne für die 50'000 US-Soldaten in Japan.

DerBund.ch/Newsnet

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