92 Jahre alt, Ex-Premier und gefeiert wie ein Popstar

Mahatir Mohamad tritt im hohen Alter nochmals bei den Regierungswahlen in Malaysia an – ein waghalsiges Experiment.

Malaysias Ex-Premier Mahathir Mohamad tritt mit 92 Jahren nochmal an.

Malaysias Ex-Premier Mahathir Mohamad tritt mit 92 Jahren nochmal an. Bild: Lai Seng Sin/Reuters

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Die Mädchen bilden eine dichte Traube am Hoteleingang, sie kichern so aufgeregt, als käme gleich ein Popstar um die Ecke. Sie wollen unbedingt ein Selfie mit dem Mann machen, auf den sie alle warten. Es ist schon dunkel, als Mahathir Mohamad durch die Tür der grossen Halle tritt, er könnte der Urgrossvater all dieser jungen Leute sein. Er lächelt milde und wirkt so zufrieden wie einer, der seine Grossfamilie um sich schart.

Die Bodyguards rücken zur Seite, Mädchen mit sehr grossen Smartphones umringen den 92-Jährigen, der den Auftrieb sichtlich geniesst. Wo immer er in den Tagen vor der Wahl auftaucht, spielen sich solche Szenen ab.

Mahathir Mohamad, der 22 Jahre lang Malaysia regierte und nach 15 Jahren Pause wieder auf die Bühne drängt, übt eine grosse Faszination auf die Bürger aus, vor allem auf die jüngeren. So alt und noch so fit. «Es ist der Wahnsinn», sagt die 30-jährige Händlerin Lim Poh Choo. «Und meine Stimme bekommt er.»

Aber wird es auch reichen? Wird dieser Mann die Wende im einstigen Tigerstaat Malaysia einleiten, dessen Führung unter massivem Korruptionsverdacht steht? Mahathir beschwört einen «malaiischen Tsunami». Er will erreichen, dass das Mehrheitsvolk im multi-ethnischen Staat nun das gesamte politische Establishment hinwegfegt. Seit sechs Jahrzehnten versammelt es sich unter dem Schirm der «United Malays National Organisation», kurz Umno. Diese Partei ist seit der kolonialen Unabhängigkeit beherrschende Kraft. Nun will Mahathir das Oppositionsbündnis Pakatan Harapan (PH) zum Sieg führen und Premier Najib Razak aus dem Amt befördern. Das allerdings kann nur gelingen, wenn die ethnischen Malaien Umno in Scharen den Rücken kehren – jener Partei, die ihnen immer Sonderrechte gegenüber den Minderheiten sicherte.

Malaien geniessen gegenüber Chinesen und Indern im Land viele Privilegien und Vorteile. Dieses System wurde einst eingerichtet, um die armen Massen ökonomisch zu fördern. Doch Kritiker klagen, dass das System eine Zweiklassengesellschaft geschaffen habe und Chinesen und Inder darunter zu leiden hätten.

Ein waghalsiges Experiment – das nicht der Ironie entbehrt

Kann Mahathirs harter Kampf Erfolg haben? Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Center vom Dienstag kommt zu dem Ergebnis, dass es für den alten Mann nicht ganz reichen dürfte. Demnach wird sich das Lager um Najib behaupten und die Mehrheit der Sitze halten, wenn die Wähler heute in Malaysia ihre Stimmen abgeben. Wie verlässlich die Vorhersage ist, werden die Bürger am Abend wissen, nach 22 Uhr Ortszeit dürfte klar sein, wer das Rennen gewonnen hat.

Für einen Sieg der Regierung spricht die Arithmetik der Wahlkreise. Zum einen hat Premier Najib deren Grenzen nochmal neu zuschneiden lassen. Zum anderen sind sie von sehr unterschiedlicher Grösse, was ihm ebenfalls in die Hände spielt: Wahlkreise, in denen die Opposition stark ist, haben häufig mehr als hunderttausend Wähler, in dünn besiedelten Gegenden wie auf der Insel Borneo umfassen sie manchmal kaum mehr 20'000 Menschen – und in diesen Gegenden ist Najib stark. So kann es passieren, dass Umno die Mehrheit aller abgegeben Stimmen weit verfehlt und trotzdem die meisten Sitze erobert. Womöglich braucht Umno nicht einmal 40 Prozent und kann dennoch siegen.

Es ist in jedem Fall ein waghalsiges Experiment, dem sich Mahathir auf seine alten Tage verschrieben hat. Und auch eines, das nicht der Ironie entbehrt. Denn Mahathir, der sein Land von 1991 bis 2003 regierte, gehörte zu den Architekten eben jenes Systems, das er jetzt besiegen will.

Ausserdem setzt er auf ein Bündnis mit jenem Mann, den er früher bitter bekämpfte: dem Oppositionellen Anwar Ibrahim hängte Mahathir einst ein Strafverfahren wegen angeblicher Sodomie an und beförderte ihn ins Gefängnis. Anwars politische Karriere war damit zerstört, er und die Familie haben schrecklich darunter gelitten, und noch immer sitzt der Mann hinter Gitter. Nun aber haben sich die beiden einstigen Rivalen angeblich wieder versöhnt. Bei einem Wahlsieg will Mahathir für Anwar Gnade beim König ersuchen, dann könnte er später Premier werden. Das gilt als ähnlich ungeheuerlich wie die unerschöpfliche Energie des 92-Jährigen, der behauptet, es treibe ihn alleine das Pflichtgefühl, Malaysia vor den Exzessen eines Lügners und Diebes namens Najib zu retten.

Premier Najib weiss, dass er mit wachsendem Widerstand zu kämpfen hat. Der Premier ist in Korruptionsskandale verstrickt, deren Ausmass viele schon schwindelig werden lässt. Die Vorwürfe kreisen vor allem um den Staatsfonds 1 MDB, Milliarden wurden offenbar abgezweigt. In der Schweiz, den USA und drei weiteren Ländern sind Untersuchungen wegen mutmasslicher Geldwäsche und Betrug in Gange. Najib hat genügend Hebel in der Hand, um Ermittlungen im eigenen Land zu verhindern und die Zustände zu verschleiern. Er tut so, als ginge ihn das alles gar nichts an. Doch vor allem die städtische Bevölkerung will sich so viel Filz und Korruption nicht mehr bieten lassen.

Weiteren Unmut hat Najib durch die Einführung einer 6-prozentigen Mehrwertsteuer auf sich gezogen, die Menschen schmerzt der Preisanstieg. Und das bleibt nicht ohne Wirkung, zum Beispiel in der Gemeinde Felda Bukit Goh, wo an einem Nachmittag Arbeiter vor einem Kiosk sitzen, Eistee trinken und gebratene Nudeln essen. Sie erzählen, dass die älteren Leute alle Umno wählen würden, sie könnten sich gar nicht vorstellen, dass es eine andere Kraft geben soll, die für die Interessen der Malaien eintritt. «Aber mich überzeugt das nicht», sagt der junge Schweisser Azmi Ahmad. «Alles ist so teuer geworden, ich muss um Aufträge und Kunden kämpfen.» Ausserdem ist er aufgebracht wegen des Skandals um den Staatsfonds, es könne ja nicht sein, dass Milliarden in dunklen Kanälen versickern, während das Volk jeden Ringgit zweimal umdrehen müsse. «Ich denke, es ist Zeit für den Wechsel.»

Mahathir hat auch das Thema chinesischer Investitionen in den Wahlkampf gezogen. Im Gespräch mit der SZ erklärte er vergangene Woche, warum er vor einem Ausverkauf Malaysias warnt: «Ich habe China früher verteidigt, sie waren es nicht, die uns kolonisierten, es waren die Europäer. Aber einige der Investitionen Chinas beinhalten den Kauf riesiger Landflächen, sie bauen ganze Städte und bringen Ausländer ins Land. Wir wollen diese zusätzlichen Leute nicht.» Mahathir beklagt, dass dies die ethnische Balance gefährde.

Zwar betont Mahathir zugleich, er habe nichts gegen Pekings Pläne einer neuen Seidenstrasse, doch als Wahlkämpfer befördert er das Bild, dass sein Rivale Najib eher sorglos alle Chinesen ins Land einlade, zum Nachteil der Einheimischen. Seine Kritiker halten dies für billige Stimmungsmache, die darauf abziele, das Vertrauen der Malaien in Umno zu untergraben. So sieht das auch Ahmad Shafie, der im Osten Malaysias von Haus zu Haus zieht, um die malaiischen Wähler für Umno zu mobilisieren. «Umno wird nie verlieren», macht er sich Mut. «Mahathir hat Verwirrung gestiftet, indem er die Partei attackiert, die früher seine Heimat war. Aber er ist einfach zu alt, um noch zu bestimmen. Er kann die Loyalität der Malaien für Umno nicht zerstören.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2018, 16:08 Uhr

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