Sie wollen die Welt, jetzt

Mit dem Bataclan haben die Terroristen des IS erstmals in Europa die Popkultur angegriffen. Doch warum hassen sie, was sie selber benutzen?

Die Eagles of Death Metal bei ihrem Auftrit im Bataclan. Die Aufnahme entstand nur wenige Minuten, bevor die ersten Schüsse fielen. Foto: Marion Ruszniewski (AFP)

Die Eagles of Death Metal bei ihrem Auftrit im Bataclan. Die Aufnahme entstand nur wenige Minuten, bevor die ersten Schüsse fielen. Foto: Marion Ruszniewski (AFP)

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Sein Name steht für die Faszination der alten Europäer für den exotischen ­Osten. Das Bataclan, 1864/65 gebaut, erhielt seinen Namen nach der gleichnamigen Operette von Jacques Offenbach, einer frivolen, für die Zeit typischen ­Chinoîserie. Doch als in diesem Theater am Freitagabend um die hundert Personen getötet wurden, wurden da schon lange keine Sing- und Lustspiele mehr gezeigt. Seit 1983 ist das Bataclan eine der begehrtesten Bühnen für Pop, Rock und Hip-Hop in Europa. Jane Birkin hat hier ein Live-Album aufgenommen, ebenso wie Lou Reed, Jeff Buckley und Cheb Mami, der algerische Star des Raï. Das Bataclan ist – oder war – ein Ort des Vergnügens, an dem kulturelle oder ­religiöse Grenzen wenig galten. Das machte die Pariser Bühne zum, wie sie selber sagten, «sorgfältig ausgesuchten» Ziel der Terroristen.

Dass sie nun erstmals einen Ort der Popkultur angriffen, mag überraschen, sind sie doch selber deren Kinder. So nennen sich einzelne Kämpfer des ­Islamischen Staates nach John, Paul, George und Ringo von den Beatles, oder sie posen, hustlen und sneaken auf Fotos wie Rapper. Sie zitieren in ihren Pro­paganda- und Rekrutierungsfilmen die schnell geschnittene, suggestive Ästhetik von Popvideos und Shooterspielen und zielen damit auf eine virale Ver­breitung in den sozialen Netzwerken des Internets.

Gegenkulturelles Abenteuer

Und sie imitieren schliesslich, wie der Schriftsteller Clemens J. Setz in einem Aufsatz in der «Zeit» gezeigt hat, in den Enthauptungvideos die Erzähltechniken des US-amerikanischen Kinos, als «grelle Projektionen direkt in unser Bewusstsein». Und weiter schreibt der Österreicher: «Früher musste man noch LSD nehmen, um das Gefühl zu bekommen, dass sich hier von selbst einstellt.» Die Fanatiker stammen also nicht aus einer Parallelgesellschaft, sondern sind imprägniert mit westlicher Alltagskultur, die sie genauso benutzen, wie sie sie hassen.

Zumindest jene IS-Kämpfer, die aus dem Westen in den Jihad gezogen sind, haben für sich persönlich das grosse Versprechen der Popkultur wahr gemacht. Sie haben sich neu erfunden und sich aus der normalen, langweiligen ­Gesellschaft in ein grosses, gegenkultu­relles Abenteuer davongemacht. Die ­bittere Ironie dabei ist, dass jeder ­Fundamentalist diese Freiheit zuletzt von sich weisen muss: Pop mit all seinen Angeboten, eine Identität und damit auch eine Lebensweise in postmoderner Bricolage individuell zu verbasteln, wird für die Terroristen zum Inbegriff einer westlichen Dekadenz, die angegriffen werden muss. Ein religiöser Fundamentalist kann die Posen des Pop benutzen; aber damit spielen darf er nicht, wenn er sich selbst und seine neue Brotherhood ernst nimmt. Es ist leicht ein­zusehen: Wer ein Selbstmordattentat vorbereitet, experimentiert nicht mit Lebensentwürfen.

Wer ein  Selbstmordattentat vorbereitet, experimentiert nicht mit Lebensentwürfen.

Und vielleicht liegt ja hier der Grund dafür, dass der IS in Paris ausgerechnet ein Konzert der Eagles of Death Metal stürmte. Spielt die US-amerikanische Band, wie sich bereits in ihrem Namen zeigt, doch auf eine ironische Weise mit den Stilen und Klischees der Rockmusik, nicht zuletzt mit ihrer tief sitzenden ­Homophobie. Man kann nur darüber spekulieren, wie gut die Angreifer die Musik der Band kannten, doch zählt ein Sinn für Ironie wohl kaum zu den vordersten Eigenschaften von Jihadisten. Wahrscheinlicher ist, dass im Bataclan nicht wie gleichenabends im Stade de France eine Integrationsmaschine wie die Fussballnationalmannschaft angegriffen wurde, die arabisch-stämmige Männer zu französischen Helden macht. Sondern die USA und die Form von Rock ’n’ Roll, den sie seit den An­schlägen vom 11. September 2001 in New York über den arabischen Raum gebracht ­haben.

Rock ’n’ Roll in Trümmern

Der Filmemacher Michael Moore hat die Szene in «Fahrenheit 9/11» aus Bagdad überliefert: Zu sehen ist eine Gruppe von US-Marines, die sich auf eine Razzia in einem vermuteten Terroristenversteck vorbereiten und sich, bevor sie aufbrechen, die Losung für mehr Mut zuschreien: «Rock and Roll!» Was fa­natische Islamisten an der Pop- und Rockkultur verachten, ist auch dies: Schlimm genug, dass sie sich die Freiheit nimmt, mit Identität, Geschlecht und Biografie zu spielen. Zusätzlich aber entleeren Pop und Rock diese Freiheit auch ständig, sei dies auf dem Massenmarkt oder im Kriegsgetümmel von Bagdad. Auch sie ist nur ein westlicher Wert, der nichts mehr bedeutet.

Das ist die grausamste der Ironien, die sich in der Terrorattacke im Bataclan aufgetan haben. Sie trifft eine Popkultur, die alles und nichts bedeutet und die als Kraft der gesellschaftlichen Veränderung weitgehend abgedankt hat. Schon Kurt Cobain hatte 1991 in «Smells Like Teen Spirit», dem grössten Hit ­seiner Band Nirvana, darüber gesungen: Wie nämlich der Geruch der Jugendkultur imitiert, abgefüllt und aus den Flacons des Lifestyles so lange versprüht worden ist, bis sie sich verflüchtigte. Und bald war da wie in einem bekannten Lied von Tocotronic nur noch die Sehnsucht, Teil einer Jugendbewegung zu sein – aber keine Jugendbewegung mehr.

Seither hat sich die Popkultur zu einem immer virtuoseren Mash-up ihrer alten Bestände beschleunigt, zu einem rasenden und morphenden Pixel­haufen, zu dem die versteinerte Ideo­logie der Jihadisten die passgenaue ­Antithese ist. Und falls dies wie ein ­geschmackloser Witz klingt, so ist er doch von phänomenalem Timing. Denn als die Truppen des IS erstmals im Irak und auf den Bildschirmen auftauchten, hatten westliche Trendsetter gerade den Normcore zur neuen Jugendkultur ausgerufen – also die demonstrative ­Angepasstheit, in der alle angeblich so aufregenden, so alternativen Lebensläufe zurückgewiesen werden. Weil nun mal ­jeder weiss: Die Türen sind ­eingerannt, aber dahinter sind keine Räume auf­gegangen.

In gewisser, perverser Weise traten die Jihadisten auf wie Jim Morrison von den Doors.

Wenn derzeit eine Jugendbewegung die Fantasien europäischer Aussenseiter anregt, dann ist es der Feldzug des IS. Im Bataclan sind die Jihadisten ins Herz des Normcore vorgestossen, in ein ­Klassentreffen ironisch beschlagener Kinder der späten Popkultur. In ge­wisser, perverser Weise traten sie auf wie Jim Morrison von den Doors, der vor fast fünfzig Jahren in «When the Music’s Over» sang: «We want the world and we want it now.» Sie wollen die Welt, jetzt, und sie meinen es todernst. Die Jugendkultur hat schon immer von der Zivili­sationsmüdigkeit gehandelt, vom Hass auf die ganz normale Langeweile und auf den alles fressenden Konsum. Von allem, was man ablehnte und für das man keine Zukunft sah, no future. Von einer anderen Welt.

Und so wurde jede Jugendkultur ­irgendwann hinweggefegt, von einer neuen Generation popkulturell hoch­gerüsteter Alltagsrebellen. Dass dabei die Musik ausgeht, war allerdings nie vor­gesehen. Dass geschossen wird, schon gar nicht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2015, 22:53 Uhr

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