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Frankreich jagt zwei Brüder

Spezialeinheiten sind den flüchtigen Attentätern von Paris auf der Spur. Die beiden Brüder wuchsen als Waisen auf. Zum radikalen Islam fanden sie nach der amerikanischen Invasion im Irak.

Schwer bewaffnete Polizisten suchen in Longpont, nördlich von Paris, nach den flüchtigen Brüdern. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)
Schwer bewaffnete Polizisten suchen in Longpont, nördlich von Paris, nach den flüchtigen Brüdern. Foto: Thibault Camus (AP, Keystone)

Wenn einer der beiden seine Identitätskarte nicht liegen gelassen hätte im verlassenen Fluchtauto, wäre die Suche noch schwieriger. Doch dank dieses Amateurfehlers erfuhren die Franzosen schon kurz nach dem Terroranschlag auf die Pariser Redaktion der Satirezeitung «Charlie Hebdo», wer die Täter gewesen sein mussten: Chérif und Saïd Kouachi, 32 und 34 Jahre alt. Zwölf Menschen brachten die Brüder um, Zeichner des Blatts und Polizisten. Elf weitere Personen verletzten sie mit ihrem Serienfeuer, vier von ihnen schwer. Seither läuft die Jagd.

Wer ihnen bei der Tat zugesehen hat, beschreibt die Kouachis als kalte, ruhige Mörder mit einem klaren Plan. Sie tauchten zur Wochensitzung der Redaktion auf. Unten, am Eingang des Gebäudes im XI. Arrondissement, zwangen sie eine Karikaturistin der Zeitung, die mit ihrer Tochter vorbeischaute, den Zugangscode einzutippen. So kamen sie rein. Dann betraten sie den Redaktionsraum und fragten: «Wo ist Charb?» Charb – ­unter diesem Namen zeichnete der 47-jährige Chefredaktor, Stéphane Charbonnier. Die Mörder brachten ihn als Ersten um. Dann eröffneten sie das Feuer auf den Rest der Versammelten. Nach fünf Minuten waren sie schon wieder weg.

Zunächst dachte die Polizei, die Brüder hätten einen Komplizen gehabt, einen 18-jährigen Mann, Schwager von einem der beiden Täter. Doch der junge Mann präsentierte sich, kaum hatte er seinen Namen zirkulieren gehört, in einem Kommissariat, um seine Unschuld zu beteuern. Offenbar hat er ein Alibi. Er soll zur Tatzeit, am Mittwoch um 11.30 Uhr, in der Schule gewesen sein.

Der Wandel des «Losers»

Und so fällt nun alles Interesse auf die Biografien der beiden Brüder Kouachi. Sie kamen in Paris zur Welt als Söhne algerischer Einwanderer mit französischer Staatsbürgerschaft. Die Eltern starben früh. Die Kinder wuchsen in einem Waisenhaus im bretonischen ­Rennes auf. Was dann folgte, ist nur vom Jüngeren der beiden im Detail bekannt. Manches davon wurde strafrechtlich relevant, öffentlich auch. Chérif Kaouchi zog bald zurück nach Paris, ins XIX. Arrondissement, erwarb ein Diplom als Fitnesstrainer, jobbte dann als Pizzakurier. Er hörte Rap, rauchte Hasch, trank Alkohol, hing mit Freunden im Quartier herum – eine Jugend wie viele. Geld machte er mit Drogengeschäften.

An der Religion, sagt sein früherer Anwalt, war Chérif Kouachi damals nicht interessiert. Mehr an Mädchen. Der Anwalt beschreibt ihn als «Loser», als «Kleinkriminellen», als «ratlosen jungen Mann» ohne Perspektive. Als Schlüsselerlebnis für seinen späteren Wandel sollte Chérif Kouachi später die Invasion der US-Streitkräfte im Irak 2003 und die Folterbilder aus dem Gefängnis Abu ­Ghraib nennen. In jener Zeit begann er, die Moschee Adda’wa zu besuchen – ein Gotteshaus im Quartier Stalingrad, mitten in Paris.

Nach dem Gebet traf er sich oft mit dem Prediger Farid Benyettou, der nur unwesentlich älter war als er und gut reden konnte. Der erzählte ihm und seinen Freunden vom vermeintlichen Paradies, vom Märtyrertum der Selbstmordattentäter, vom Jihad. Benyettou war nicht nur Prediger, er war auch Rekrutierer für den Jihad im Irak: Er führte dem damaligen Al-Qaida-Chef Abu Musab al-Zarqawi frisches Personal zu.

Kouachi hörte auf zu trinken, zu rauchen, zu dealen und nannte sich fortan Abou Issen. Er gehörte nun der «Aushebungsabteilung des XIX. Arrondissement» an. Der Prediger, so erzählte es Kouachi 2005 in einer Fernsehendung auf France 3, habe Selbstmordattentate als gottgefällige Wohltaten gepriesen und ihnen so eine «Rechtfertigung für den bevorstehenden Tod» gegeben. Einige seiner Freunde zogen in den Irak und kamen dort um. Vorbereitet waren sie nicht. Als Training genügten einige Jogging-Einheiten im Quartierpark Buttes-­Chaumont.

Chérif Kouachi fürchtete sich vor dem Jihad, wollte aber kein Feigling sein. Am 25. Januar 2005 überwand er seine Angst. Doch die Polizei verhaftete ihn am Pariser Flughafen, kurz vor seinem Abflug nach Damaskus. Er war froh darüber, wie er seinem Anwalt erzählte. Kouachi kam vor Gericht: Es verurteilte ihn zu drei Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation. Nach eineinhalb Jahren war er wieder frei – und noch ein Stück radikaler. Einige Jahre später schien sein Name wieder auf, diesmal im Zusammenhang mit der versuchten Befreiung eines algerischen Islamisten, der wegen seiner Verstrickung in das Attentat auf eine Pariser Metrostation 1995 eine lebenslängliche Strafe absitzt.

Erstmals fiel da auch der Name von Chérifs älterem Bruder Saïd. Die Polizei nahm die Brüder fest, liess sie aber mangels Beweisen bald wieder frei. Danach wurde es still um sie. Bis zum 7. Januar 2015, der manchen Franzosen wie «unser 11. September» erscheint. Es gibt nun eine Polemik darüber, ob die Polizei den Sitz und die Leute von «Charlie Hebdo» nicht besser hätte schützen können, wenn doch alle um die hohe Gefahr eines Attentats gewusst hatten. Doch die Brüder hätten sich wohl auch von einigen Polizisten mehr am Eingang, einigen Bodyguards mehr in der Redaktion nicht von ihrer Tat abbringen lassen. Im Fluchtauto der Kouachis fanden die Ermittler nicht nur die Identitätskarte, sondern auch schwarze Fahnen des Islamischen Staats.

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