«Belgien ist eine Drehscheibe für den Terrorismus»

Nach den Anschlägen von Paris führt schon wieder eine Terrorspur nach Belgien. Brüssel-Korrespondent Stephan Israel sagt, wieso das Land jetzt massiv unter Druck kommen wird.

Razzia in Belgien: Ein Handyfoto zeigt den Polizeieinsatz in Molenbeek. (14. November 2015)

Razzia in Belgien: Ein Handyfoto zeigt den Polizeieinsatz in Molenbeek. (14. November 2015)

(Bild: AFP)

Eine heisse Spur zu den Anschlägen von Paris führt nach Belgien. Welche Informationen sind bislang gesichert?
Es gibt die starke Vermutung, dass zumindest ein Teil der Attentäter von Brüssel aus nach Paris gereist ist. In einem der Fahrzeuge in Paris wurden Parkscheine aus der Brüsseler Gemeinde Molenbeek gefunden. Zwei der von den Attentätern verwendeten Autos hatten belgische Kennzeichen. Bei Razzien am Wochenende in Molenbeek hat die belgische Polizei drei Männer festgenommen, von denen einer möglicherweise an den Anschlägen vom Freitag in Paris beteiligt gewesen sein könnte.

Der belgische Rundfunk verbreitete gestern folgendes Bild einer Festnahme in Molenbeek.

Im Fokus steht das Brüsseler Viertel Molenbeek. Was ist das für eine Gegend?
Molenbeek ist eine der 19 Brüsseler Kommunen. Es leben dort knapp 100'000 Menschen. Molenbeek ist in Belgien die zweitärmste Gemeinde mit einem hohen Ausländeranteil und hoher Arbeitslosigkeit. Es ist leider nicht das erste Mal, dass die Gemeinde in den Fokus gerät. Das war schon so beim Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel im vergangenen Jahr und im Thalys-Zug zwischen Amsterdam und Paris vor wenigen Monaten. Und beim Anschlag auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» und den jüdischen Supermarkt von Anfang Jahr in Paris hatten sich die Attentäter die Waffen in Belgien beschafft.

Kann man Molenbeek mit einem der berüchtigten Vorortsviertel der französischen Grossstädte vergleichen?
Nein, denn Molenbeek ist keine Randgemeinde, sondern liegt nahe am Zentrum, in Fussdistanz zum Grand Place. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Molenbeek nicht gross von anderen Brüsseler Gemeinden. Wir haben hier keine grossen, verwahrlosten Wohnblocks oder Satellitenstädte wie in Paris, sondern die typischen Brüsseler Stadthäuser. Auffällig ist vielleicht, dass auch tagsüber sehr viele junge Männer in den Strassen und den Cafés zu sehen sind. Viele verlassen die Schule ohne Aussicht auf einen Job.

Blick auf einen Teil von Molenbeek. (Bild: Googlemaps)

Belgien scheint sich zu einem Hotspot für Terroristen mit einem islamistischen Hintergrund zu entwickeln. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das hat einerseits mit der geographischen Lage zu tun. In knapp zwei Stunden ist man in Köln, Amsterdam, Paris oder London. Dann spielt sicher auch die moralische und soziale Misere vieler Jugendlicher aus Einwandererfamilien eine Rolle. Belgien hat zur Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg viele Arbeitskräfte aus Marokko und der Türkei geholt. Die zweite Generation ist heute oft arbeitslos und die Jugendlichen fühlen sich in der Schule und danach bei der Suche nach einem Job diskriminiert. Das ist der ideale Nährboden für Hassprediger, radikale Imame und Netzwerke, die für den Syrienkrieg rekrutieren. Ein weiterer Grund dürfte die Fragmentierung Belgiens zwischen Flandern, der Wallonie und der Region Brüssel sein. Es ist hier einfacher als anderswo, unter dem Radar zu verschwinden.

Auch die Anzahl Belgier, die in den Jihad in Syrien oder Irak ziehen ist überdurchschnittlich hoch.
Ja, die Sicherheitskräfte schätzen, dass rund 450 Freiwillige mit belgischem Pass in Syrien kämpfen oder gekämpft haben. Im Verhältnis zur Bevölkerung steht Belgien hier an der Spitze.

Was tut der belgische Staat dagegen?
Offensichtlich zu wenig. Belgien dürfte jetzt nach den Anschlägen von Paris massiv unter Druck kommen. Belgiens Innenminister hat angekündigt, sich persönlich um Molenbeek kümmern zu wollen. Unter Terrorfahndern sind Molenbeek und andere Stadtviertel etwa in Antwerpen ja schon länger ein Begriff. Man muss hier inzwischen von einem Muster sprechen. Belgien spielt eine Rolle als Drehscheibe und gleichzeitig als Ruheraum oder Rückzugsort für den islamischen Terrorismus. Es war hier zu lange einfach, unterzutauchen oder auch sich Waffen zu beschaffen.

Wie konnte es soweit kommen?
Lange gab es Hemmungen, die Probleme der Integration überhaupt zu benennen. Man muss aber auch sagen, dass die Stimmung hier immer entspannter war als etwa in den Pariser Vororten mit den regelmässigen Zusammenstössen. Dass die belgischen Sicherheitsbehörden lange weggeschaut haben, spielte sicher auch eine Rolle. Das hat sich zuletzt aber geändert. Bei erfolgreichen Razzien wurden in diesem Jahr schon Anschläge in letzter Minute verhindert. Die Behörden haben zudem das wichtigste Rekrutierungsnetzwerk für Syrienkämpfer zerschlagen und den Verantwortlichen den Prozess gemacht.

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