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«Alle packen mit an, die Solidarität ist unglaublich»

Nach dem Erdbeben in Mexiko graben Rettungskräfte, Soldaten und Freiwillige nach Verschütteten – viele mit den blossen Händen.

In Mexiko sind bisher knapp 300 Menschen dem Erdbeben zum Opfer gefallen: Ein Helfer fordert mit dem Handsignal alle auf, ruhig zu sein. Nur so kann man die Rufe von Verschütteten hören. (22. September 2017)
In Mexiko sind bisher knapp 300 Menschen dem Erdbeben zum Opfer gefallen: Ein Helfer fordert mit dem Handsignal alle auf, ruhig zu sein. Nur so kann man die Rufe von Verschütteten hören. (22. September 2017)
Rocio Vazquez, AFP
Zahlreiche professionelle Retter und Freiwillige, versuchen noch Überlebende aus den Trümmern zu bergen: Arbeiten bei einem eingestürzten Haus in Mexiko Stadt. (20 September 2017)
Zahlreiche professionelle Retter und Freiwillige, versuchen noch Überlebende aus den Trümmern zu bergen: Arbeiten bei einem eingestürzten Haus in Mexiko Stadt. (20 September 2017)
Yuri Cortez, AFP
Menschen während der Übung in Mexiko-Stadt.
Menschen während der Übung in Mexiko-Stadt.
Yuri Cortez, AFP
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In Mexiko-Stadt graben viele mit den blossen Händen, weil Schaufeln fehlen. Rund um die Uhr, denn es ist ein erbitterter Kampf gegen die Zeit. Auch nachts geht die Suche weiter, selbst wenn die vielen Rettungskräfte und freiwilligen Helfer dann kaum etwas sehen können. Es ist zu dunkel, vielerorts ist die Strassenbeleuchtung ausgefallen. Nur an wenigen Stellen wurden mit Generatoren betriebene Scheinwerfer aufgestellt. Taschenlampen waren binnen weniger Stunden in der ganzen Stadt ausverkauft.

Es ist der zweite Tag nach dem schweren Erdbeben, das vor allem die mexikanische Hauptstadt hart getroffen hat. Mindestens 230 Menschen starben in den betroffenen Regionen, etwa 50 Gebäude stürzten ein. In der Grundschule «Enrique Rebsamen» kamen alleine 21 Schulkinder und vier Lehrer in den Trümmern ums Leben. Doch immer wieder gibt es auch gute Nachrichten, die den Helfern Mut machen: Bereits 52 Menschen konnten lebend aus den Trümmern geborgen werden.

Grosse Verwüstung: Das Erdbeben der Stärke 7,1 hat Mexiko erschüttert. (Video: Tamedia/AFP/Storyful)

In der Hauptstadt hat es insbesondere die Innenstadtviertel La Condesa und La Roma schlimm erwischt. «In Condesa liegt alles in Trümmern. Aber die Leute, die hier wohnen, halten zusammen», sagt Anwohnerin Heike Arzapalo. «Alle packen mit an, die Solidarität ist unglaublich.» Ohne Pause transportieren die Nachbarn die Trümmer der eingestürzten Gebäude in langen Menschenketten weg. Die Armee hat auch Soldaten geschickt, die mit Hand anlegen.

Arzapalo musste ihr Haus in Condesa verlassen. Das Beben hat mehrere tiefe Risse in den Mauern hinterlassen. «Es ist so nicht mehr bewohnbar», sagt die 45-Jährige, die mit ihrem Sohn bei Freunden untergekommen ist.

«Alle Leute wollen helfen»

Trotz des persönlichen Unglücks hilft Arzapalo weiter mit, so gut es geht. Doch die gerade jetzt so wichtigen Gerätschaften für die Bergung sind nicht mehr aufzutreiben.«Die Supermärkte und Baumärkte sind quasi leer. Es gibt praktisch nichts zu kaufen.»

Arzapalo hat deshalb auf die Schnelle koordiniert, dass ein Paket mit Taschenlampen mit einem Lufthansa-Flug aus Deutschland geliefert wird. Schaufeln zum Graben werden aus Cancún geschickt. «Die Sachen braucht man auch noch die nächsten Tage, bis alle Opfer geborgen sind. Beim Erdbeben 1985 hat es zwei Wochen gedauert, bis alle gefunden waren», sagt sie. Langsam kämen jetzt auch die Leichen zum Vorschein. «Wir brauchen Eis, um sie zu kühlen. Es gibt aber kein Eis mehr.»

Nahrung scheint derzeit kein Problem zu sein. Um Helfer und Bedürftige mit Essen zu versorgen, wurden in der ganzen Stadt provisorische Versorgungszentren eingerichtet. Dort können Essensspenden abgegeben werden. Die Schwierigkeit liegt woanders: Direkt nach einem Unglück wird oft zu viel Nahrung gespendet, während nach ein paar Tagen dann das Essen fehlt.

Hunderte Häuser eingestürzt: Bewohner suchen in den Trümmern nach ihrem Hab und Gut.
Hunderte Häuser eingestürzt: Bewohner suchen in den Trümmern nach ihrem Hab und Gut.
AFP
Ein Unglück kommt selten allein: Hurrikan Katia sorgt in Mexiko für heftige Niederschläge (8. September 2017)
Ein Unglück kommt selten allein: Hurrikan Katia sorgt in Mexiko für heftige Niederschläge (8. September 2017)
Jesus Martinez, Keystone
Die Angst ist gross: Menschen flohen, teils im Schlafanzug, auf die Strasse.
Die Angst ist gross: Menschen flohen, teils im Schlafanzug, auf die Strasse.
Pedro Pardo, AFP
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«Wir brauchen vor allem nachhaltige Hilfe», sagt Arzapalo deshalb. «In manchen Versorgungszentren hier in Condesa haben sie bereits gesagt: Stopp!, bitte bringt jetzt kein Essen mehr, das verdirbt nur. Wir haben im Moment zu viel.»

Um die Verteilung und Rationierung über mehrere Tage besser hinzubekommen, werden deshalb jetzt von Privatleuten Online-Einkaufslisten organisiert. «Freunden habe ich gesagt, wenn sie spenden wollen, sollen sie über die App Cornershop Essen kaufen», erzählt Arzapalo. In dem Online-Supermarkt können Spendenwillige Einkäufe machen und an bestimmte Adressen schicken lassen. Arzapalo hat ein paar Sammelstellen wie etwa in der Deutschen Schule im Viertel organisiert, die das Essen in Empfang nehmen. Dort wird mit den Lebensmitteln gekocht, die fertigen Gerichte werden dann verteilt.

Am ersten Tag organisierten die Hauptstadtbewohner die Hilfe vor allem durch das Weitererzählen in der Nachbarschaft – es gab in vielen Vierteln keinen Strom, also auch kein Internet und kein Telefon. «Wir haben an den Kreuzungen Autos aufgehalten und den Fahrern gesagt: Wenn ihr wieder in einer Zone seid, wo ihr Empfang habt, postet ihr bitte im Netz, was wir alles brauchen», berichtet Arzapalo.

Helfer versuchen, ein Mädchen zu befreien. Video: Reuters

Am zweiten Tag funktioniert die Kommunikation zwischen den Helfern schon ein wenig besser, immerhin geht das Internet weitgehend wieder. Vor allem über die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter verbreiten sich Infos und Hilfsaufrufe am besten und schnellsten. Die Telefongesellschaften bieten alle Anrufe kostenlos an, auch die ins Ausland. Und selbst bei den Taxi-Unternehmen sind die Fahrten derzeit gratis.

Viele Menschen, die ihre Häuser wegen Einsturzgefahr verlassen mussten, sind auf die Hilfe ihrer Freunde und Familien angewiesen. Oftmals bekommen sie nur wenig Zeit, um die wichtigsten Sachen aus der Wohnung zu holen, bevor das Gebäude aus Sicherheitsgründen gesperrt oder von Baggern komplett eingerissen werden muss. Die Aufräumarbeiten werden Monate dauern

Die Stadt hat bislang Glück, dass das Wetter gut ist und die durch die Katastrophe obdachlos gewordenen Mexikaner, die nirgends unterkommen, draussen im Freien in den Parks der Stadt campieren können. Doch nun müssen dringend Notunterkünfte organisiert werden. Sollte es anfangen zu regnen, brauchen die Menschen ein Dach über dem Kopf – zumindest ein Zeltdach.

Das Erdbeben forderte mehr als 200 Tote. Video: Reuters

Doch auch wenn die Lage in Mexiko-Stadt nicht mehr ganz so verzweifelt wirkt wie unmittelbar nach dem Beben, ist die Gefahr noch lange nicht vorbei. Immer noch stürzen Häuser in sich zusammen. Unter vielen Trümmern liegen noch Menschen, von denen niemand weiss, wo genau sie sich in dem Schuttberg befinden und ob sie überhaupt noch leben. Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto hat bereits eine dreitägige Staatstrauer zu Ehren der Opfer ausgerufen.

Und wenn, vermutlich in einigen Tagen, erst einmal alle Opfer geborgen sind, geht es erst richtig los mit dem Wiederaufbau. Viele Menschen haben bei dem Erdbeben ihr Hab und Gut verloren. Es wird Monate dauern, bis die betroffenen Viertel aufgeräumt und wieder aufgebaut sind.

«Es ist total tragisch, was passiert ist», sagt Arzapalo. «Aber es ist auch schön zu sehen, wie die Menschen hier in Mexiko zusammenhalten.»

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