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Wenn der Irrsinn die Normalität ermordet

Die Todesfahrt von New York erschüttert die Amerikaner tiefer als das Blutbad in Las Vegas.

MeinungHubert Wetzel, Washington
Dem Täter droht die Todesstrafe: In dieser Zeichnung aus dem Gerichtssaal erschien Sayfullo S. im Rollstuhl. (1. November 2017)
Dem Täter droht die Todesstrafe: In dieser Zeichnung aus dem Gerichtssaal erschien Sayfullo S. im Rollstuhl. (1. November 2017)
Elizabeth Williams/AP, Keystone
Ermittler untersuchen den zerstörten Lieferwagen. (1. November 2017)
Ermittler untersuchen den zerstörten Lieferwagen. (1. November 2017)
Andres Kudacki, AP, Keystone
Polizeiaufnahme des mutmasslichen Täters von New York.
Polizeiaufnahme des mutmasslichen Täters von New York.
AFP
This handout photograph obtained courtesy of the St. Charles County Dept. of Corrections on October 31, 2017 shows Saifullah Saipov, the suspectecd driver who killed eight people in New York on October 31, 2017, mowing down cyclists and pedestrians, before striking a school bus in what officials branded a 'cowardly act of terror.'Eleven others were seriously injured in the broad daylight assault and first deadly terror-related attack in America's financial and entertainment capital since the September 11, 2001 Al-Qaeda hijackings brought down the Twin Towers. In April of 2016 a warrant was issued in Missouri for his failure to pay a traffic citation. / AFP PHOTO / St. Charles County Dept. of Corrections / == RESTRICTED TO EDITORIAL USE  / MANDATORY CREDIT:  'AFP PHOTO /  ST. CHARLES COUNTY DEPT. OF CORRECTIONS' / NO MARKETING / NO ADVERTISING CAMPAIGNS /  DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS  ==
This handout photograph obtained courtesy of the St. Charles County Dept. of Corrections on October 31, 2017 shows Saifullah Saipov, the suspectecd driver who killed eight people in New York on October 31, 2017, mowing down cyclists and pedestrians, before striking a school bus in what officials branded a 'cowardly act of terror.'Eleven others were seriously injured in the broad daylight assault and first deadly terror-related attack in America's financial and entertainment capital since the September 11, 2001 Al-Qaeda hijackings brought down the Twin Towers. In April of 2016 a warrant was issued in Missouri for his failure to pay a traffic citation. / AFP PHOTO / St. Charles County Dept. of Corrections / == RESTRICTED TO EDITORIAL USE / MANDATORY CREDIT: 'AFP PHOTO / ST. CHARLES COUNTY DEPT. OF CORRECTIONS' / NO MARKETING / NO ADVERTISING CAMPAIGNS / DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS ==
AFP
Menschen aus Argentinien und Belgien unter den Toten: Der demolierte Lieferwagen des Attentäters. (31. Oktober 2017)
Menschen aus Argentinien und Belgien unter den Toten: Der demolierte Lieferwagen des Attentäters. (31. Oktober 2017)
Don Emmert, AFP
Das Gebiet um den Tatort in New York wurde weiträumig abgesperrt. (31. Oktober 2017)
Das Gebiet um den Tatort in New York wurde weiträumig abgesperrt. (31. Oktober 2017)
Kena Betancur/Getty Images, AFP
Passanten und Medienvertreter verfolgen die Ermittlungen von der Absperrung aus. (31. Oktober 2017)
Passanten und Medienvertreter verfolgen die Ermittlungen von der Absperrung aus. (31. Oktober 2017)
Andres Kudacki, Keystone
Ein Mann bringt seine zwei Kinder in Sicherheit. (31. Oktober 2017)
Ein Mann bringt seine zwei Kinder in Sicherheit. (31. Oktober 2017)
Andres Kudacki, Keystone
Pick-up rammt Passanten: Ein anderes Fahrzeug wurde ebenfalls angefahren, Augenzeugen zufolge dieser Schulbus.
Pick-up rammt Passanten: Ein anderes Fahrzeug wurde ebenfalls angefahren, Augenzeugen zufolge dieser Schulbus.
Mark Lennihan, Keystone
Der Angreifer hat ein Bild der Zerstörung hinterlassen.
Der Angreifer hat ein Bild der Zerstörung hinterlassen.
Craig Ruttle, Keystone
Zwischen den Einsatzkräften ist der beschädigte Pick-up zu sehen.
Zwischen den Einsatzkräften ist der beschädigte Pick-up zu sehen.
Kena Betancur/Getty
Schock in Manhattan: Der Angreifer befindet sich in Polizeigewahrsam.
Schock in Manhattan: Der Angreifer befindet sich in Polizeigewahrsam.
Don Emmert, Keystone
Polizei und Ambulanz am Tatort.
Polizei und Ambulanz am Tatort.
Keystone
Mehrere Menschen wurden getötet und verletzt.
Mehrere Menschen wurden getötet und verletzt.
Don Emmert, AFP
Ein Schulbus soll gemäss Zeugen gerammt worden sein.
Ein Schulbus soll gemäss Zeugen gerammt worden sein.
Bebeto Matthews, Keystone
Die Einsatzkräfte räumen den Tatort.
Die Einsatzkräfte räumen den Tatort.
ndy Kiss/Getty, Keystone
Eine Person sei in Gewahrsam genommen worden, es werde nach niemand anderem mehr gefahndet.
Eine Person sei in Gewahrsam genommen worden, es werde nach niemand anderem mehr gefahndet.
Andy Kiss/Getty
Rettungsmediziner bei einer Person unter einem weissen Tuch.
Rettungsmediziner bei einer Person unter einem weissen Tuch.
Bebeto Matthews, Keystone
Der beschädigte Pick-up nach dem Vorfall in der West Street in Manhattan. (31. Oktober 2017)
Der beschädigte Pick-up nach dem Vorfall in der West Street in Manhattan. (31. Oktober 2017)
Martin Speechley/NYPD, Keystone
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Es gab Zeiten, in denen konnten die Amerikaner das Normale noch von Irrsinn trennen. Normal war, in Las Vegas zu einem Country-Konzert zu gehen – ohne dass ein Verrückter aus einem Hotel auf einen schiesst. Normal war, in Manhattan Velo zu fahren – ohne dass einem ein Psychopath in einem Laster entgegengerast kommt. Aber diese Zeit ist vorbei. 2017 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Irrsinn in Amerika die Normalität überfallen und ermordet hat.

Es waren spezielle Arten von Irrsinn, die da in mörderisches Werk mündeten. Die Attacke in New York war, nach allem, was man bisher weiss, reiner islamistischer Terrorismus. Der Attentäter, ein Einwanderer aus Usbekistan, schrie «Gott ist gross», als er seine Opfer niederwalzte; die Polizei fand eine Notiz, in der er sich zur Terrororganisation Islamischer Staat bekannte. Bisher kannte man diesen Modus Operandi – ein Auto, Fussgänger, Vollgas, Tote – nur von IS-Anhängern in Europa. Nun ist diese Mordmethode offenbar in den USA angekommen.

Was kann man schon tun, wenn das Leben plötzlich durch Mordlust in einem Blutbad endet?

Das Massaker in Las Vegas wiederum hatte nach dem gängigen Verständnis mit Terrorismus nichts zu tun. Bis heute ist unklar, was den Täter dazu trieb, 59 Menschen zu erschiessen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er dabei irgendein politisches oder ideologisches Ziel verfolgte, und sei es ein noch so pervertiertes, wie die Definitionen von Terrorismus es verlangen. Las Vegas war blanker Massenmord, wenn auch verübt auf eine sehr amerikanische Art und Weise – mit jenen modernen Sturmgewehren, die man in den USA in den meisten Campingläden für ein paar Hundert Dollar kaufen kann.

Was beide Anschläge eint, ist, dass Attacken dieser Art fast nicht zu verhindern sind. Was kann man schon tun, wenn das Leben plötzlich durch Mordlust in einem Blutbad endet? Jeder Amerikaner hat das Recht, Waffen zu besitzen. Das steht in der Verfassung, und das wird nicht geändert werden. Und wie soll man sicherstellen, dass jemand, der einen Kleinlaster mietet, damit tatsächlich Zementsäcke transportiert? Und nicht Velofahrer und Fussgänger damit umbringt?

Paranoide Stimmung

Auf Amerikas Psyche freilich haben die beiden Attentate sehr unterschiedliche Auswirkungen. Das Blutbad in Las Vegas wurde zumeist mit bedauerndem Schulterzucken und Mitleid quittiert – ja, grässlich, aber was soll man machen? Der Ruf nach schärferen Waffengesetzen verebbte nach 48 Stunden, entsprechende Vorschläge versinken gerade im parlamentarischen Treibsand. Die Todesfahrt von New York hingegen erschüttert die Amerikaner tiefer, da können die abgeklärten New Yorker so tapfer tun, wie sie wollen.

Man kann diese unterschiedlichen Wahrnehmungen nicht rational erklären. 59 Tote in Las Vegas, 8 Tote in Manhattan – die Gefahr, von einem abgedrehten Landsmann erschossen zu werden, ist für die Amerikaner immer noch weit, weit grösser, als einem islamistischen Terroristen zum Opfer zu fallen. Doch vielleicht gibt es in Gesellschaften einen Mechanismus, der die Verbrechen, die Angehörige dieser Gesellschaft verüben, leichter hinnehmbar erscheinen lässt als die Untaten jener, die von aussen kommen.

Amerika ist ein nervöses, verunsichertes Land. Das hat mit vielen ­Dingen zu tun, nicht zuletzt mit einem Präsidenten, der sich nach Kräften bemüht, Nervosität und Angst zu steigern, weil er davon politisch profitiert. Das Attentat von New York schürt diese paranoide Stimmung, die Furcht vor allem Fremden. Es gibt denjenigen Auftrieb, die behaupten, alles würde gut, wenn Amerika nur endlich wieder ein Land voller weisser, patriotischer Christen wäre. Und es hilft denen nicht, die sich gegen diese nationalistische Sichtweise stemmen, dass der Attentäter von Manhattan tatsächlich ein muslimischer Immigrant ist, der erst vor wenigen Jahren in die USA gekommen war.

S. S. durfte angeblich 2010 ins Land, weil er in einer Lotterie ein Visum gewonnen hatte, die nur zu dem Zweck veranstaltet wird, mehr Einwanderer aus den Ländern anzulocken, aus denen besonders wenige Immigranten stammen. Für viele Amerikaner sieht das – nicht ganz zu Unrecht – so aus, als sei ihre Grosszügigkeit und Offenheit der wahre Grund dafür, dass nun acht Menschen tot sind. Das wird Folgen haben. Das Misstrauen gegenüber der Welt und der Wunsch nach Abschottung werden wachsen.

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