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Weiss und mächtig gegen schwarz und arm

Noch weiss die Staatsanwaltschaft nicht, ob sie die Klage gegen Strauss-Kahn fallen lassen wird. In den USA ist inzwischen eine heftige Debatte über Rasse, Klassenzugehörigkeit und Macht entbrannt.

Sein erster Auftritt beim Supreme Court: Dominique Strauss-Kahn am 19. Mai 2011.
Sein erster Auftritt beim Supreme Court: Dominique Strauss-Kahn am 19. Mai 2011.
Keystone

Der Fall des ehemaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn hat in den USA eine heftige Debatte über das Für und Wider eines Prozesses eingesetzt. Die einen vertreten dabei die Ansicht, dass der Fall zum Scheitern verurteilt ist, andere fordern, dass die Strafverfolgung trotz der Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers fortgeführt werden muss.

Was zu Beginn noch eine Diskussion unter Rechtsanwälten war, hat sich mittlerweile zu einer vielstimmigen Debatte ausgewachsen, in der auch die Aspekte der Rasse, der Klassenzugehörigkeit und der Macht eine Rolle spielen. Da geht es um den reichen, weissen, früheren Direktor des Währungsfonds auf der einen Seite, und die afrikanische Migrantin, die als Hotelangestellte ihr Geld verdient und sagt, eben dieser Mann habe versucht, sie zu vergewaltigen.

Für muslimische Frauen

«Wenn es einen Beweis gibt, machst du aus dem Opfer keinen Bösewicht. Lass die Jury entscheiden», sagt Robina Niaz. Die Anwältin vertritt muslimische Frauen und demonstrierte in der vergangenen Woche vor dem Gericht in Manhattan, wo der Fall bereits manch entscheidende Wendung erlebt hat.

«Ich denke, diese Frau hat einen enormen Mut gezeigt, als sie davon berichtet hat, und sie haben mit seiner Festnahme das Richtige getan - und anschliessend machen sie eine 180-Grad-Drehung», sagt Niaz. «Was sagt das über ihre Glaubwürdigkeit?»

Empfindliche Folgen

Der 62-jährige Strauss-Kahn ist des Vergewaltigungsversuchs und anderer Verbrechen angeklagt, nachdem die Frau ausgesagt hatte, er habe sie in seiner Luxussuite verfolgt und zum Oralverkehr gezwungen, sowie ihre Strumpfhose zerrissen. Strauss-Kahn bestreitet die Vorwürfe, die bereits zu seinem Rücktritt als IWF-Chef geführt und ihn weitgehend aus dem Rennen um die französische Präsidentschaft geworfen haben.

Nachdem Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens aufkamen, wurde der Hausarrest des ehemaligen IWF-Direktors diesen Monat aufgehoben. Die Anklage gegen ihn besteht allerdings weiterhin, auch das Land darf Strauss-Kahn nicht verlassen.

Hinweise nicht infrage stellen

«Die Staatsanwaltschaft hat gesagt, dass es Gründe für die Festnahme gab. Die Polizei dachte genauso. Sie sagten, dass es Hinweise gebe», sagt der Abgeordnete Eric Stevenson, in dessen Bezirk in der Bronx auch die guineische Gemeinde liegt, in die das 32-jährige mutmassliche Opfer mit ihrer minderjährigen Tochter nach ihrer Immigration zog. «Ich sehe diese Hinweise jetzt nicht infrage gestellt, ich sehe ihre Lebensgeschichte infrage gestellt. Also weiss ich nicht, warum dieser Fall nicht von einer Jury entschieden werden sollte.»

Ähnlich äusserte sich in der vergangenen Woche auch der «New York Times»-Kolumnist Jim Dwyer. «Was ist falsch an dem ursprünglichen Plan, einen Prozess für Dominique Strauss-Kahn abzuhalten, um festzustellen, ob er sexuelle Gewalt gegen eine Hotelangestellte angewandt hat?», fragte Dwyer.

Druck auf Staatsanwaltschaft wächst

Unterdessen muss die Staatsanwaltschaft ihr eigenes Vorgehen verteidigen. So haben die Anwälte des Beschuldigten gefordert, die Ermittlungen einzustellen und die Vertreter des mutmasslichen Opfers einen Sonderstaatsanwalt verlangt. Doch Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance hat bereits klar gemacht, dass sein Büro eine vom öffentlichen Diskurs unabhängige Entscheidung treffen will.

«Strafverfahren sind immer ein Test, nicht nur darüber, wer unschuldig ist und wer schuldig, sondern auch, ob unser System funktioniert oder eben nicht», sagt der demokratische Senator im Staat New York, Bill Perkins. Dies nun sei einer dieser Tests - in seiner dramatischsten Form, wenn man das Ungleichgewicht zwischen Opfer und mutmasslichem Täter in Betracht ziehe: «(Der Mann) reich, weiss und mächtig, die Frau arm und afrikanisch», sagt Perkins.

Der Drang der Gesellschaft

Ariel Zwang von der Gruppe Safe Horizon, die Opfer von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt unterstützt, ist sich nicht sicher, ob ein Gerichtsverfahren die Lage verbessert und verschlimmert. So macht Zwang ein Gesamtklima der Feindseligkeit gegenüber Vergewaltigungsopfern aus.

Ungeachtet des Ausgangs des Verfahrens wurde das Privatleben der Anklägerin bereits ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, sie wurde kritisiert und als Prostituierte bezeichnet - ein Vorwurf, der sie Verleumdungsklage gegen die «New York Post» einreichen liess. Die Zeitung sagt, sie stehe zu ihrem Bericht. «Es ist eine gute Gelegenheit für unsere Gesellschaft, einmal einen Blick auf diesen sehr starken Drang zu werfen, das Opfer verantwortlich zu machen», sagt Zwang.

dapd/177/rt/gü

dapd/wid

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