Warten auf ein Anti-Trump-Wunder

Es steht nicht gut um Donald Trump. Die Republikanische Partei überlegt, wie sie sich von ihm absetzen kann.

Besorgte Republikaner sind auf der Hut: Trump-Anhänger vor einem Wahlkampfauftritt des umstrittenen Präsidentschaftsanwärters in Youngstown, Ohio. Foto: Eric Thayer (Reuters)

Besorgte Republikaner sind auf der Hut: Trump-Anhänger vor einem Wahlkampfauftritt des umstrittenen Präsidentschaftsanwärters in Youngstown, Ohio. Foto: Eric Thayer (Reuters)

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Donald Trump gibt sich und seinem flatternden Wahlkampf einen Anschein von Normalität: Am Montag stellte der republikanische Präsidentschaftskandidat sein Programm für den Kampf gegen den Islamischen Staat vor, auch reist Trump weiterhin von Bundesstaat zu Bundesstaat, um in der Menge seiner Anhänger zu baden.

Der Schein eines normalen Wahlkampfs aber trügt. Tatsächlich regiert Chaos im trumpschen Lager und mehren sich Zweifel, dass der New Yorker Lautsprecher die amerikanische Präsidentschaftswahl nach einer Serie von Patzern und selbst verschuldeten Fehltritten gewinnen kann.

Trump muss endlich Ernst machen

Viel Zeit bleibt nicht: Insider und Strategen in beiden grossen Parteien glauben, dass Trump auf der Verliererstrasse enden wird, wenn es ihm nicht gelingt, seinen Wahlkampf und vor allem sein Auftreten bis Anfang September zu stabilisieren. Am Montag erhielt der wackelnde Kandidat einmal mehr eine Abmahnung aus den eigenen Reihen: Er müsse «sein Verhalten ändern» und endlich einen «kompetenten Wahlkampf» führen, verlangte das «Wall Street Journal» in einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel. Gelinge es Trump nicht, das Steuer spätestens bis zum amerikanischen Tag der Arbeit Anfang September herumzureissen, solle er gefälligst abtreten und die Präsidentschaftskandidatur seinem Vize Mike Pence überlassen.

Damit drückte das Zentralorgan des republikanischen Establishments offen aus, was hinter vorgehaltener Hand in Washington seit Wochen geflüstert wird: Trump müsse endlich Ernst machen und sich nicht dauernd sabotieren, andernfalls drohe der Partei am Wahltag im November ein Debakel historischen Ausmasses. Denn so weit liegt die Demokratin Hillary Clinton bei Umfragen im gesamten Land und besonders in entscheidenden Bundesstaaten inzwischen vor Trump, dass republikanischen Kandidaten für Kongressämter zusammen mit dem Präsidentschaftskandidaten der politische Untergang droht.

Die Angst in den eigenen Reihen

Nicht nur die Mehrheiten der Partei im Kongress wären dann gefährdet: Auch Gouverneure sowie Senatoren und Abgeordnete in den Parlamenten der Einzelstaaten könnten im Sog eines Absturzes von Trump ihre Ämter verlieren. Schon befürchten republikanische Strategen eine ähnlich vernichtende Niederlage wie bei der Präsidentschaftswahl 1964, als der republikanische Rechtsaussen Barry Goldwater die Partei in den Abgrund riss.

Angekreidet wird Trump nicht nur sein loses Mundwerk: Seinem Stab fehlt eine organisatorische Infrastruktur, es mangelt an Koordination und Talent. Sogar in wahlentscheidenden Staaten wie Florida oder Ohio existieren kaum Wahlkampfbüros oder Pläne zur Mobilisierung republikanischer Wähler. Unter Berufung auf Insider berichtete die «New York Times» zudem, der Kandidat sei gereizt und erschöpft von einem Wahlkampf, bei dem ihm nichts gelingen wolle.

Der Kandidat steht sich selbst im Weg

Mit jeder verschenkten Woche wächst innerhalb der Partei unterdessen der Unmut über Trumps amateurhaften Auftritt. Schon forderten namhafte Parteimitglieder in einem vertraulichen Brief an Parteichef Reince Priebus, Trump den Geldhahn zuzudrehen und Parteigelder stattdessen an gefährdete Kongressmitglieder umzuleiten. Ähnlich war das Republikanische Nationalkomitee 1996 verfahren, als sich eine Niederlage des damaligen Präsidentschaftskandidaten Robert Dole bereits Anfang Oktober abzeichnete, also fünf Wochen vor dem Wahltag.

Trump wiederum scheint eine Pleite im November nicht mehr auszuschliessen: Falls er verliere, werde er einen «schönen und langen Urlaub» antreten, sagte der Kandidat in einem Interview mit dem TV-Sender CNBC. Noch könnte er von schweren Schnitzern Hillary Clintons oder sensationellen Enthüllungen über seine Rivalin profitieren, auch bieten die drei Debatten zwischen den Kandidaten im September und Oktober reichlich Gelegenheiten, den Abstand zu Clinton zu verringern oder die Demokratin sogar abzufangen.

Im republikanischen Lager aber möchte kaum jemand darauf wetten: Zu sehr stehe sich Donald Trump im Weg, zu undiszipliniert sei er, um die drohende Wahlschlappe abzuwenden. «Falls nicht etwas Radikales und Unerwartetes passiert, wird Donald Trump diese Wahl verlieren», resignierte der einflussreiche Kommentator Kevin Williamson im republikanischen Hausblatt «National Review». Wenn es dazu komme, so Williamson weiter, müsse mit jenen abgerechnet werden, die Trump zu seiner Kandidatur verholfen hätten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2016, 19:56 Uhr

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