Vom Sockel gerissen

Als Reaktion auf Charlottesville kommt es überall in den USA zu Protesten und Vandalismus – und Rechtsextreme haben bereits neue Kundgebungen geplant.

Nur der Anfang der Gewalt? Weisse Nationalisten und Gegendemonstranten prallen in Charlottesville aufeinander.

Nur der Anfang der Gewalt? Weisse Nationalisten und Gegendemonstranten prallen in Charlottesville aufeinander.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3

Amerika kommt nicht zur Ruhe. Im ganzen Land entbrannten nach den Vorfällen in Charlottesville neue Proteste. Am Wochenende hatten dort Neonazis, Mitglieder des Ku-Klux-Klans und Nationalisten gegen die geplante Entfernung einer Statue des konföderierten Generals Robert E. Lee protestiert. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen mit linken Gegendemonstranten. Ein Mann fuhr mit seinem Auto in eine Gruppe von Demonstranten, tötete eine 32-Jährige und verletzte 19 Menschen.

Der Aufschrei war riesig. In zahlreichen US-Städten gingen Menschen auf die Strasse, um gegen Rassismus und Gewalt zu demonstrieren. Auch heute wird dies wieder der Fall sein. Im Zentrum der Proteste stehen Denkmäler, die an die Konföderierten erinnern, die im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 gegen den Norden kämpften. Es gibt Hunderte solcher Monumente in der Hälfte aller Bundesstaaten, vor allem im Süden.

«Diese Denkmäler repräsentieren eine Zeit, die so vielen Leid zufügte.»Anna Lopez Brosche, Stadtverwaltung Jacksonville

Kritiker wollen die Statuen der Konföderierten, die sich damals für den Erhalt der Sklaverei starkmachten, nicht mehr im öffentlichen Raum sehen. Seit einigen Jahren gibt es vermehrt Initiativen, die ihren Abbau durchsetzen wollen. Nach Charlottesville hat sich das noch verstärkt. Amtsträger in verschiedenen Bundesstaaten machen sich für die Beseitigung der umstrittenen Monumente stark.

So will sich beispielsweise Anna Lopez Brosche, Präsidentin der Stadtverwaltung von Jacksonville, für eine Inventur aller konföderierten Symbole in ihrer Stadt einsetzen. «Diese Denkmäler repräsentieren eine Zeit, die so vielen Leid zufügte», schrieb sie in einem Statement. Sie gehörten deshalb nicht auf öffentlichen Grund, sondern in Museen und Erziehungsinstitutionen.

Doch vielen Kritikern gehen solche Vorstösse zu wenig schnell. Sie nehmen das Heft selbst in die Hand. Bei den jüngsten Anti-Rassismus-Protesten wurden zahlreiche konföderierte Gedenkstätten beschädigt. In Durham, North Carolina, stürzten linke Demonstranten ein Denkmal für gefallene Soldaten der ehemaligen Südstaaten Amerikas. Laut den Veranstaltern war die Aktion eine Antwort auf die Vorfälle in Charlottesville.

Sturm auf Bürgerkriegsdenkmal: Linke Demonstranten zerstören eine Statue in Durham. Video: Tamedia/AFP

Auch auf rechter Seite kam es zu Vandalismus. In Boston wurde in der Nacht auf heute das Holocaust-Denkmal beschädigt. Die Polizei nahm einen Mann fest, der die Stätte laut Augenzeugen mit einem Stein attackiert hat.

Linke wie rechte Gewalt halten die USA derzeit in Atem. Nach den Ausschreitungen in Charlottesville geriet die amerikanische Antifa-Bewegung in den Fokus der Medien. Sie soll Verbindungen zur Bewegung «Black Lives Matter» und verschiedenen Anarchistengruppen pflegen. Seit der Wahl Donald Trumps haben die Antifaschisten viel Zulauf erhalten. Sie waren beteiligt an den Protesten gegen den ultrarechten Redner Milo Yiannopoulos an der Universität Berkeley, bei gewaltsamen Demonstrationen gegen Trumps Amtseinführung und nun auch in Charlottesville.

Auf der anderen Seite stellen Beobachter auch bei rechten Gruppierungen einen Aufwärtstrend fest. In Charlottesville marschierten Neonazis, Mitglieder des Ku-Klux-Klans, weisse Nationalisten und Rassisten unter dem Motto «Vereinigt die Rechte» zusammen auf. Für Samstag haben sie zu weiteren Kundgebungen aufgerufen. In mindestens neun Städten (Atlanta, Los Angeles, Pittsburgh, Seattle, New York, Washington, Austin, Boston und dem kalifornischen Mountain View) gehen sie auf die Strasse, offiziell für Meinungsfreiheit. Der sogenannten Alt-Right-Bewegung geht es aber auch darum, Stärke zu zeigen und die momentan aufgeheizte Stimmung zu nutzen, um möglichst viele Sympathisanten zu mobilisieren.

Die Rechten spüren eine Art Aufbruchstimmung. Am Samstag kündigte Preston Wiginton, ein texanischer Nationalist, einen «White Lives Matter»-Marsch zum Campus der Universität Texas an – am 11. September, dem Gedenktag der Terroranschläge vom Jahr 2001 in New York. Heute will Austin Gillespie, ein konservativer Anwalt aus Florida, der an den Protesten in Charlottesville teilnahm, bekannt geben, dass er die Nomination für den republikanischen Sitz Floridas im Senat anstrebt.

Es scheint, als sei Charlottesville nur der Anfang gewesen.

DerBund.ch/Newsnet

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