Zum Hauptinhalt springen

«Viele wissen gar nicht, dass sie Rassisten sind»

Ibram Kendi analysiert die rassistischen Ideen, die seit Jahrhunderten die USA prägen. Er sagt: Diskriminiert wird nicht nur aus Hass und Unwissen.

Fordert eine möglichst klare Rassentrennung: Ein Mitglied des Ku-Klux-Klan in Charlottesville. Foto: AFP
Fordert eine möglichst klare Rassentrennung: Ein Mitglied des Ku-Klux-Klan in Charlottesville. Foto: AFP

Als Ibram Kendi sein Buch «Gebrandmarkt» im Frühjahr 2016 präsentiert, ist Donald Trump noch weit vom Weissen Haus entfernt. Der Republikaner gibt so regelmässig rassistische und frauenfeindliche Sprüche von sich, dass liberale US-Amerikaner und ganz Europa überzeugt sind: So jemand wird nie Präsident.

Kendi dachte nicht so, denn schliesslich hatte der junge Schwarze jahrelang erforscht, wie rassistische Überzeugungen die US-Gesellschaft geprägt haben und sich die Argumentationsmuster dem Zeitgeist anpassen.

Trumps Wahlsieg machte «Gebrandmarkt» zum Buch der Stunde, noch bevor es Ende 2016 den National Book Award gewann. Seitdem ist Kendi in vielen US-Medien mit Interviews präsent. Die Aufmerksamkeit hat der 1982 geborene Kulturhistoriker verdient, denn seine ambitionierte Studie ist ein grosser Wurf und auch für deutsche Leser gut geeignet, um die aktuellen Debatten in den USA zu verstehen. Egal ob Charlottesville, protestierende Footballstars oder der Streit um Denkmäler aus dem Bürgerkrieg: Kendi liefert den dringend nötigen Kontext.

Er argumentiert stets, dass nicht Hass und Unwissenheit am Anfang stehen und rassistische Ideen befeuern, die dann zur Diskriminierung von Minderheiten führen. Er zeigt hingegen, wie über Jahrhunderte hinweg «intellektuell brillante und mächtige Männer und Frauen rassistische Ideen» verbreiteten, «um die Verantwortung der ethnisch bedingten Ungleichheiten ihrer Zeit von dieser Politik weg auf die Schwarzen zu lenken». Aus wirtschaftlichem und politischem Eigeninteresse werden Gründe vorgeschoben, um den Status quo zu sichern.

So behalfen sich etwa die Portugiesen, die im 15. Jahrhundert den lukrativen Sklavenhandel vor dem Papst rechtfertigen mussten, mit rassistischen Argumenten: Die Afrikaner seien Barbaren und müssten zivilisiert werden. Dass der Leser in dieser 550 Seiten langen Chronik des Rassismus weder den Überblick noch das Interesse verliert, liegt am klugen Aufbau: Für jede Epoche wählt Kendi eine prominente Person als «Reiseführer» aus und erläutert mit ihrer Biografie die Debatten der Zeit.

Drei Gruppen sind stets präsent: Die Segregationisten fordern eine möglichst klare Rassentrennung, während die Antirassisten die ethnische Diskriminierung betonen und diese bekämpfen. Die Assimilationisten versuchen, beiden Seiten irgendwie recht zu geben. Im Streit um Polizeigewalt heisst dies: Die von Trump unterstützte «Blue Lives Matter»-Kampagne gibt gewalttätigen Schwarzen die Schuld, während die antirassistische «Black Lives Matter»-Bewegung institutionellen Rassismus und schlechte Ausbildung der Cops beklagt und Reformen fordert. Hinter dem Slogan «All Lives Matter» versammeln sich jene, die ein klares Urteil scheuen.

Kendi zerstört die Illusion, wonach die US-Geschichte von einer langsamen, aber stetigen Verbesserung des Miteinanders von Schwarzen und Weissen geprägt sei. Stattdessen fänden Rückschläge und Fortschritte oft nahezu parallel statt – und zwar seit Jahrhunderten.

Alle schwarzen Vorbilder lösen kein Umdenken der weissen Mehrheit aus

Als erster Reiseführer fungiert in «Gebrandmarkt» Cotton Mather, der wichtigste Prediger und Intellektuelle des frühen Amerikas. Mather war überzeugt, dass die «dunklen Seelen versklavter Afrikaner weiss werden, wenn sie sich zum Christentum bekehren». Thomas Jefferson, der 1776 die Unabhängigkeitserklärung verfasste, steht für die Widersprüchlichkeit seiner Zeit: Er schrieb stolz in der Präambel, «dass alle Menschen gleich geschaffen sind». Dass Frauen und Schwarzen das Wahlrecht verweigert wurde, verblüfft damals kaum jemand. Im 19. Jahrhundert warb William Lloyd Garrison für die Befreiung der Sklaven und forderte jene Bürgerrechte ein, die sie erst nach Ende des Bürgerkriegs 1865 erhielten. Doch für den hellhäutigen Garrison stand trotz allem fest, dass die Schwarzen minderwertig seien.

Der in Harvard ausgebildete Afroamerikaner W. E. B. DuBois (1868 – 1963) war der brillanteste Kritiker der Jim-Crow-Gesetze, durch die Schwarze oft in die Leibeigenschaft gezwungen und ihres Wahlrechts beraubt wurden. Medien und Politiker stellten dunkelhäutige Frauen als unmoralisch dar, während die Männer als «hypersexuelle Raubtiere» angeblich weisse Frauen bedrohten. So rechtfertigte man die Lynchmorde, und mit den Worten «Wir müssen unsere schönen Frauen schützen» begründet Trump die Forderung nach der Mauer.

Wie Bücher, Filme und TV-Serien rassistische Vorstellungen verbreiten

Eine Stärke des Buches liegt darin, dass Kendi den jeweils populärsten Büchern, Filmen und TV-Serien viel Raum widmet und darlegt, wie diese rassistische Vorstellungen ins öffentliche Gedächtnis einbrannten. So sorgte «Onkel Toms Hütte» 1852 für viel Empathie für das Leid der Sklaven, doch im Roman waren sie intellektuell unterlegen und auf «weisse Retter» angewiesen. In den Achtzigerjahren sollte die TV-Serie «Die Bill Cosby Show» die schwarze Familie rehabilitieren. Ihr Erfolg, gerade unter Weissen und der schwarzen Mittelschicht, erklärt sich auch damit, dass die Familie Huxtable den Eindruck erweckte, dass Rassismus durch Strebsamkeit überwunden werden könne. Dieses Konzept der «Verbesserung durch Selbstverbesserung» hält sich seit Jahrhunderten, doch alle schwarzen Vorbilder lösen kein Umdenken der weissen Mehrheit aus.

Die Sichtweise, wonach Minderheiten sich nur mehr anstrengen müssten, ist allemal bequemer, als sich der verstörenden Realität zu stellen, die die Aktivistin Angela Davis seit einem halben Jahrhundert anprangert. Präsident Nixon verbarg seinen Rassismus hinter der Parole «Recht und Gesetz» und setzte härtere Strafen für Schwarze durch. Ronald Reagans «War on Drugs» sorgte dafür, die Gefängnisse mit schwarzen Männern zu füllen, und am Kurs, den Besitz der «schwarzen» Droge Crack härter zu bestrafen als den Konsum des «weissen» Kokains, hielt auch der Demokrat Bill Clinton fest.

Nicht erst Trump hat bewiesen, dass die Wahl von Barack Obama keineswegs zur «postrassistischen Gesellschaft» führte. Das Ausnahmetalent des ersten schwarzen US-Präsidenten sorgte nicht zu einem Umdenken in der Mehrheitsgesellschaft – und Obama selbst festigte mit Appellen an schwarze Väter, sich besser um ihre Kinder zu kümmern, tief verankerte Vorurteile, die statistisch nicht belegbar sind.

Engagiert euch lokal, Verbesserungen sind möglich, lautet Kendis Botschaft an die Antirassisten.

Obama ist eines von vielen Beispielen, an dem Kendi unerbittlich zeigt, dass fast alle Antirassisten ebenso unbewusst «rassistische Ideen» vertreten, wie Afroamerikaner es tun. «Viele Amerikaner wissen gar nicht, dass sie Rassisten sind und falsche Vorstellungen haben», sagte Kendi kürzlich der US-Website The Undefeated. Sich selbst nimmt er dabei schon im Vorwort des Buches nicht aus – und jeder Leser wird sich ertappt fühlen.

Im Schlusswort schreibt der Wissenschaftler, der derzeit in Washington, D. C., lehrt und an der American University ein «Zentrum für antirassistische Forschung» aufbaut, dass Fakten nur wenige Menschen umstimmen werden: Jeder kann wissen, dass die Finanzkraft eines weissen US-Haushalts dreizehnmal grösser ist als jene eines schwarzen Haushalts und Afroamerikaner fünfmal häufiger im Gefängnis landen als weisse Männer. Die dahinterstehenden Strukturen, so folgert Ibram Kendi, werden sich erst ändern, wenn die Abschaffung von Diskriminierungen den Politikern Vorteile bringt. So war Abraham Lincoln während des Bürgerkriegs bereit, die Sklaverei abzuschaffen, weil er so die Union retten konnte.

An die Antirassisten in aller Welt hat Kendi eine Botschaft: Engagiert euch lokal, Verbesserungen sind möglich. Und die Schwarzen fordert er auf, nicht nur zu protestieren, sondern eines zu verinnerlichen: «Das Einzige, was an Schwarzen nicht stimmt, ist der Gedanke, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.»

Ibram X. Kendi: «Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika.» Verlag C.H. Beck, München 2017, 604 Seiten, ca. 43 Franken. Zur Leseprobe.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch