US-Sanktionen treffen Venezuela ins Mark

Unter den Massnahmen der amerikanischen Regierung leidet vor allem die Zivilbevölkerung. Ist sie bereit, den Preis für Maduros Sturz zu bezahlen?

«Maduro = Hunger»: Anhänger der Opposition bei Protesten gegen Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro.

«Maduro = Hunger»: Anhänger der Opposition bei Protesten gegen Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro.

(Bild: Keystone)

Sandro Benini@BeniniSandro

Die von der US-Regierung gegen Venezuela verhängten Wirtschaftssanktionen sind äusserst einschneidend. Denn trotz aller antiamerikanischen Rhetorik der sozialistischen Regierung waren die USA bisher der wichtigste Abnehmer des einzigen venezolanischen Exportproduktes: Erdöl. Anders als es Maduro-Sympathisanten auch in Europa immer wieder behaupten, hat die USA keinen «Wirtschaftskrieg» gegen das südamerikanische Land geführt. Ganz im Gegenteil: Es waren gerade die Einnahmen aus den vorwiegend für den amerikanischen Markt bestimmten Erdölexporten, die Venezuela bisher vor dem kompletten Zusammenbruch bewahrt haben.

Das wirtschaftliche Elend des erdölreichsten Landes der Welt hat im Wesentlichen drei Gründe: erstens die willkürlichen Enteignungen, die staatlichen Preiskontrollen und die Korrumpierbarkeit, Ineffizienz und Aufblähung der Bürokratie – ein ökonomischer Amoklauf, zu dem schon Nicolás Maduros Vorgänger Hugo Chávez angesetzt hatte. Legendär ist etwa die Episode, als der Gründer der Bolivarianischen Revolution während einer Fernsehsendung einen Unternehmer anrief und vor laufender Kamera mit sofortiger Enteignung bedrohte. Zweitens der Zerfall des Erdölpreises auf den Weltmärkten. Und drittens der Umstand, dass die Produktion des staatlichen Erdölkonzerns PDVSA aufgrund unternehmerischer Stümperei allein zwischen 2013 und 2019 um fast 70 Prozent einbrach.

Bisher härteste Sanktionen der USA

Der sogenannte Chavismus hat Venezuela ins Elend gestürzt, und deshalb ist es nun ökonomisch äusserst verwundbar. Gegenwärtig exportiert PDVSA täglich 600'000 Fässer Erdöl in die USA, womit der Konzern einen Jahresumsatz von rund 11 Milliarden Dollar erzielt. Laut der spanischen Zeitung «El País» entspricht dies 75 bis 80 Prozent seiner Deviseneinnahmen. Das Geld wird nun auf eine Art Sperrkonto einbezahlt, auf das aber nicht mehr die sozialistische Regierung in Caracas Zugriff hat, sondern der oppositionelle Interimspräsident Juan Guaidó. Maduro sitzt vor verschlossener Geldschatulle. «Das sind die bisher härtesten wirtschaftspolitischen Massnahmen, die die USA gegenüber Venezuela jemals getroffen haben», sagte der Ökonom und Erdölspezialist Rafael Quiroz zu «El País».

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Da nach fast zwanzig Jahren Bolivarianischer Revolution auch die venezolanischen Erdölraffinerien in miserablem Zustand sind, ist das Regime in Caracas gezwungen, mehr als 70 Prozent des Benzins im Ausland zu produzieren und zu reimportieren. Auch hier waren die USA bis anhin Venezuelas wichtigster Handelspartner. Maduro kann nun zwar versuchen, den Rohstoff vermehrt seinen Verbündeten Russland und China zu verkaufen, doch braucht dies Zeit. Hinzu kommt, dass Venezuelas Regierung mit Rohöllieferungen chinesische und russische Kredite bedient, die sie bereits bezogen und zu einem grossen Teil ausgegeben hat.

Die von den USA beschlossenen Handelssanktionen werden in Venezuela zu einer Benzinknappheit führen, den Import von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Importgütern erschweren und die horrende Inflation zusätzlich anheizen – dies in einem Land, in dem ohnehin seit Jahren eine unfassbare Misere herrscht. Das Leiden der venezolanischen Bevölkerung verschlimmert sich, der Preis für Maduros Sturz erhöht sich täglich. Das Kalkül der einheimischen Opposition und der USA besteht darin, dass die Mehrheit der Venezolaner in der Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang bereit ist, ihn zu bezahlen.

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