Wer schuld ist an Trumps Präsidentschaft

Michael Moores «Fahrenheit 11/9» bietet mehr als plumpe Trump-Witze. Der Regisseur nimmt den US-Präsidenten dafür zu ernst.

«Tyrann, Lügner und Rassist»: In seinem jüngsten Dokumentarfilm «Fahrenheit 11/9» nimmt sich Michael Moore US-Präsident Trump vor. (Trailer: Toronto International Film Festival)

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Gegen Ende kommt es dick: Auf der Leinwand ist Adolf Hitler zu sehen, bei einer seiner Reden. Aber aus dessen Mund ertönt, erstaunlich lippensynchron, eine Ansprache von Donald Trump. Regisseur Michael Moore lässt das eine Weile laufen. Um dann mithilfe eines Historikers zu relativieren, dass die beiden Personen nicht gleichgesetzt werden könnten. Aber dass es Parallelen gebe in den Mechanismen, die eine Demokratie zur Diktatur werden lassen. Damit ist das wuchtige Schlussplädoyer von «Fahrenheit 11/9» eröffnet.

Der Titel des Films, der am Wochenende am Festival von Toronto Premiere hatte, ist eine Anspielung auf jenen 11. November 2016, an dem der Wahlsieg Donald Trumps offiziell verkündet wurde. Und er ist eine Umkehrung von «Fahrenheit 9/11», dem erfolgreichsten Dokumentarfilm von Michael Moore. Damals beschäftigte er sich mit George W. Bush. Diesmal beschäftigt er sich... erstaunlich wenig mit Donald Trump.

Gut, am Anfang steht der amtierende Präsident und dessen – von Michael Moore übrigens vorhergesagter – Wahlsieg tatsächlich im Zentrum. Auf gewohnt fulminante Art präsentiert der Regisseur Thesen der originelleren Art. Zum Beispiel die, dass Sängerin Gwen Stefani schuld sei an Trumps Präsidentschaft, weil diese damals beim TV-Sender NBC als Jurorin in «The Voice» mehr Gehalt bekommen habe als Trump bei «The Apprentice» – was der Mann nicht auf sich habe sitzen lassen wollen und seine Präsidentschaft ankündigte.

Michael Moores neuer Dokumentarfilm «Fahrenheit 11/9» kommt in den USA am 21. September ins Kino. In der Schweiz soll er ab November zu sehen sein.

Darüber kann man lachen, aber Michael Moore nimmt Donald Trump viel zu ernst, um so weiterzufahren. Bald einmal spielt der Film in Flint, Michigan. Das ist die Geburtsstadt des Regisseurs, bekannt auch durch seinen ersten Film «Roger and Me», in der Moore die Schliessung der GM-Autowerke thematisierte.

Diesmal geht es um einen Skandal um verunreinigtes Trinkwasser. Das hat vordergründig nichts mit Trump zu tun, denn es geschah vor dessen Amtsantritt. Moores Punkt hier ist: Schuld am Debakel ist der Gouverneur Rick Snyder, der als erster seinen Bundesstaat – à la Trump – wie ein Unternehmer führen wollte, und mit Krisenmanagement die demokratischen Strukturen auszuhebeln versuchte.

Moores Film ist dabei wirklich ausufernd, manchmal zu seinem Nachteil, oft aber zum Vorteil. Der Regisseur nimmt die Medien ins Visier, die verkrustete demokratische Partei, sich selber als Filmemacher. Diese Mischung aber funktioniert und ist bei der Premiere in Kanada gut angekommen. Nach den ersten Reaktionen hat der Verleiher die Zahl der Kopien, die Ende September in den USA anlaufen sollen, von 1200 auf 1800 erhöht. In der Schweiz ist «Fahrenheit 11/9» voraussichtlich ab November zu sehen.

Der Film endet mit dem zornigen Faschismus-Vergleich. Und dem leisen Hoffnungsschimmer, dass neue Politiker und hauptsächlich Politikerinnen einen noch grösseren Schaden verhindern könnten. Ob er da zuversichtlich sei, wurde Michael Moore nach der Premiere gefragt. Die Antwort des sonst wortegewaltigen Regisseurs fiel knapp aus: «No». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2018, 13:56 Uhr

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