Unglaubwürdig? Who cares!

Über 3000 Unwahrheiten hat Donald Trump seit seinem Amtsantritt verbreitet. Er ist der erste postfaktische Präsident.

Täglich mehr als sechs Lügen – wie lange geht das noch gut? Foto: Leah Mills (Reuters)

Täglich mehr als sechs Lügen – wie lange geht das noch gut? Foto: Leah Mills (Reuters)

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Die Lüge, schrieb Hannah Arendt 1964, sei «schon immer ein erlaubtes Mittel der Politik» gewesen. Ob Walter Ulbricht im Juni 1961 behauptete, «niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten», oder ob Bill Clinton 1998 log, er habe «keine sexuelle Beziehung» zu Monica Lewinsky: Die Lüge ist fester Bestandteil der Politik. So log auch George W. Bush über die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak, und Jimmy Carter verstieg sich 1976 zur Behauptung, er werde die Amerikaner «niemals anlügen» – was eine Lüge war.

Kunstvoll zu lügen, ist eine Fähigkeit, die Donald Trump nicht besitzt. Seine Lügen kommen geballt, oft sind sie derart plump, dass sie durchschaut werden, sobald er sie ausspricht. Siehe etwa das Gestrüpp von Unwahrheiten, in dem sich der Präsident und sein neuer Consigliere Rudy Giuliani verirrt haben, um die Affäre um die Pornodarstellerin Stormy Daniels aus der Welt zu schaffen.

Video – Stormy Daniels veräppelt Trump

Die ehemalige Pornoschauspielerin spielte in einem Sketch in der Comedysendung «Saturday Night Live» mit.

Donald Trump lügt permanent, er ist der erste «postfaktische» amerikanische Präsident. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2017 hat Trump laut den emsigen Zählern der «Washington Post» über 3000 Lügen und Unwahrheiten verbreitet – durchschnittlich rund 6,5 pro Tag.

Doch ist es nicht nur die Masse der Lügen, die erstaunt. Es ist auch ihre leichte Durchschaubarkeit und also ihre Kunstlosigkeit. «Nur wenige Lügen tragen den Stempel des Erfinders, und der schändlichste Feind der Wahrheit kann Tausende verbreiten, ohne dass man ihn als Urheber erkennt», schrieb Jonathan Swift 1710 in seiner Abhandlung über die «Kunst der politischen Lüge».

Bei Donald Trump verhält es sich nicht so: Durchsichtig kommen seine Unwahrheiten daher, leicht sind sie zu widerlegen wie beispielsweise Trumps Lüge über die Rekordmenge der Besucher anlässlich seiner Amtseinführung. Vergleichende Fotos bewiesen, dass wesentlich mehr Menschen zu Barack Obamas zwei Amtseinführungen erschienen waren – was Trump indes nicht davon abhielt, seine Lüge oft zu wiederholen.

Bilder – Blatt zahlte für Infos über uneheliches Trump-Kind

Ein Einzelfall war es nicht: 13-mal log der Präsident seit Ende März, seine Mauer an der Grenze zu Mexiko werde bereits gebaut. Sie wird nicht gebaut, denn der Kongress bewilligte keine Gelder dafür. Und immer wieder, insgesamt 72-mal, behauptete Trump, seine Steuerkürzungen seien die «grössten» in der amerikanischen Geschichte. Tatsächlich rangieren sie auf Platz acht. Dass die Löhne laut Trump «zum ersten Mal in vielen, vielen Jahren ansteigen», stimmt ebenfalls nicht: Die US-Löhne steigen seit 2014.

Das stete Selbstlob ist nicht nur penetrant, es ist zudem eine nie versiegende Quelle von Unwahrheiten. So viele sammeln sich an, dass ihre schiere Menge abstumpft und Trump mittlerweile das Privileg geniesst, nicht wirklich beim Wort genommen zu werden.

«Mr. Trump sollte sich Sorgen machen, dass die Amerikaner ihm nichts mehr glauben.»«Wall Street Journal»

Hinzu gesellen sich die besonderen Lügen wie etwa das Gesundheitszeugnis von Trumps langjährigem Hausarzt Dr. Harold Bornstein. Darin wurde Trump während des Wahlkampfs bescheinigt, eine Art Supermann zu sein: «Seine physische Stärke und Ausdauer» seien «aussergewöhnlich», Trump sei das «gesündeste Individuum, das jemals zum Präsidenten gewählt wurde», versprach das Attest den Wählern.

Nun stellte sich heraus, dass es von Trump stammte. Er diktierte Dr. Bornstein die Superlative. Trumps fantasievolle Selbstinszenierungen reichen weit zurück: 1984 verstellte er sich als «John Barron» und log einem Journalisten des Wirtschaftsmagazins «Forbes» telefonisch vor, im Besitz der gesamten Immobilien seines Vaters zu sein. Trump machte sich reicher, als er war, um so den Sprung in die «Forbes»-Liste der 400 reichsten Amerikaner zu schaffen.

Besserung ist nicht in Sicht: Wie kein amerikanischer Präsident vor ihm hantiert Donald Trump mit Erfindungen und Unwahrheiten, längst ist seine Glaubwürdigkeit beschädigt. Und je mehr ihm diverse Ermittlungen zusetzen werden, desto unverfrorener wird Trump Zuflucht beim «Postfaktischen» nehmen. «Mr. Trump sollte sich Sorgen machen, dass die Amerikaner ihm nichts mehr glauben», schrieb die dem Präsidenten stets freundlich gesonnene Meinungsseite des «Wall Street Journal» vor wenigen Tagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 22:12 Uhr

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