Um den Präsidenten wird es einsam

Während der Aufruhr im Weissen Haus kein Ende zu nehmen scheint, hat Trump immer grössere Mühe damit, wichtige Posten zu besetzen.

Standen sich auch schon näher: Trump im vertraulichen Gespräch mit Bannon während einer Vereidigungszeremonie im Weissen Haus. (Archivbild: 22. Januar 2017)

Standen sich auch schon näher: Trump im vertraulichen Gespräch mit Bannon während einer Vereidigungszeremonie im Weissen Haus. (Archivbild: 22. Januar 2017)

(Bild: Reuters Carlos Barria)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Die Präsidentschaft Donald Trumps steht an einem Scheideweg: Nach Trumps schockierendem Auftritt am Dienstag, als er sich weigerte, rechtsextreme Rassisten für die Ausschreitungen in Charlottesville verantwortlich zu machen, wird es einsam um den Präsidenten. Heute wurde in Washington bekannt, dass sich Trump offenbar von Stephen Bannon, seinem umstrittenen Chefstrategen, trennen wird.

Überraschend ist nichts daran: Seit Monaten schiesst der Nationalist Bannon quer im Weissen Haus, nicht nur legte er sich mit anderen engen Mitarbeitern des Präsidenten an, sondern auch mit Ivanka Trump und Jared Kushner. Wahrscheinlich hatte sich Bannon endgültig sein politisches Grab geschaufelt, als er in einem Interview in dieser Woche Trumps Nordkorea-Politik widersprach und weisse Nationalisten als «Clowns» und «Verlierer» bezeichnete.

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Nicht Bannons bevorstehender Abgang aber wird die Zukunft der Trump-Präsidentschaft definieren. Eher schon werden Historiker die Ereignisse in Charlottesville als Zäsur begreifen: Unablässig und aus allen politischen Quartieren prasselt seitdem Kritik auf Trump nieder. So warnte Mitt Romney, der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2012, am Freitag vor der «Zerstörung des nationalen Gewebes», wenn Trump «nicht extreme Massnahmen zur Abhilfe» ergreife. Was der Präsident kommuniziert habe, so Romney, «hat Rassisten erfreut, Minderheiten zum Weinen gebracht und das grosse amerikanische Herz in Trauer versetzt».

«Weder die Stabilität noch die Kompetenz»

Für Trump nicht weniger gefährlich war, was der republikanische Senator Bob Corker (Tennessee) bereits am Donnerstag gesagt hatte: Der Präsident habe «weder die Stabilität noch die Kompetenz gezeigt, um erfolgreich zu sein».

Dass ein angesehener Senator wie Corker, der überdies zu Trumps frühesten Verbündeten zählte, öffentlich nicht nur die Kompetenz des Präsidenten anzweifelt, sondern auch seine psychische Stabilität, mag ein Schock für die amerikanische Öffentlichkeit sein. Für Donald Trumps Stab hingegen ist nichts daran neu: Seit Monaten beobachten Mitarbeiter in nächster Umgebung des Präsidenten seine Wutanfälle, seine irrationalen Beschuldigungen, seine leichte Verletzlichkeit sowie seine Unfähigkeit, Attacken wegzustecken.

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Trumps dünne Haut und seine charakterlichen Schwächen verbinden sich mit toxischen ideologischen Positionen zu einem politischen Hexengebräu, das eine erfolgreiche Präsidentschaft zusehends unwahrscheinlicher werden lässt. Und zu Recht fragte der angesehene liberale Kommentator Jonathan Chait im der Zeitschrift «New Yorker», ob Trumps Mitarbeiter «wirklich arbeiten, um das Land vor ihm zu schützen, oder ob sie daran arbeiten, seine wahre Natur vor dem Land zu verschleiern».

Stühle bleiben leer

Es ist bemerkenswert, dass dieser Tage in Washington als Held gefeiert wird, wer die Nation angeblich vor Trump bewahrt – Stabschef John Kelly, Wirtschaftsberater Gary Cohn oder Pentagon-Chef James Mattis. Kaum einer drängt sich danach, weshalb der Präsident immer grössere Mühe hat, wichtige Posten zu besetzen. Insidern zu Folge lehnten mindestens drei Kandidaten die Stelle von Trumps Kommunikationsdirektor ab, auch andere Stühle bleiben leer, weil sich keine Bewerber dafür finden.

Wie isoliert Trump inzwischen ist, zeigte die Reaktion amerikanischer Wirtschaftsbosse auf die Entgleisungen des Präsidenten nach den Ereignissen in Charlottesville ebenso wie die öffentliche Distanzierung der Stabschefs aller US-Waffengattungen. Donald Trump hat sich in eine Ecke manövriert, und aus ihr herauszukommen erforderte wahrscheinlich eine andere mentale Beschaffenheit als die Trumps.

Gegen Senatoren seiner eigenen Partei

Besonders verblüffend ist, wie unbekümmert und regelmässig sich der Präsident mittlerweile mit mächtigen Senatoren seiner eigenen Republikanischen Partei anlegt, darunter auch Mitglieder des Justizausschusses, die über Trump richten müssten, falls er jemals vom Repräsentantenhaus angeklagt würde. Einer von ihnen, Lindsey Graham aus South Carolina, ging mit dem Präsidenten besonders hart ins Gericht:

«Wegen der Art und Weise, wie Sie die Ereignisse in Charlottesville handhabten, werden Sie jetzt von einigen der rassistischsten und hasserfülltesten Gruppen in unserem Land gelobt – bitte ändern Sie dies zum Wohl unsere Nation».Lindey Graham

Mit Stephen Bannon mag einer der rabiatesten Trump-Gehilfen das Weisse Haus verlassen, doch auch der Abschied des Ex-Breitbart-Chefs wird dort keine Veränderung bringen, wo sie am dringendsten nötig wäre: Im Kopf von Donald Trump.

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