Trumps Vordenker Bannon ist zurück

Der Chefstratege des US-Präsidenten weiss, wie man wütende weisse Männer mobilisiert. Das zeigt sich nicht erst seit Charlottesville.

«Pakt mit dem Teufel» heisst ein neues Buch über die Beziehung zwischen Stephen Bannon und Donald Trump. Wer hier der Teufel sei, lässt der Autor offen. Foto: Carlos Barria (Reuters)

«Pakt mit dem Teufel» heisst ein neues Buch über die Beziehung zwischen Stephen Bannon und Donald Trump. Wer hier der Teufel sei, lässt der Autor offen. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Matthias Kolb@matikolb

Donald Trump befindet sich am Tiefpunkt. Die Umfragewerte sind schlecht, das Medien-Echo auf seine Vorschläge kritisch bis verheerend, selbst Parteifreunde kritisieren seine Antwort auf die Ausschreitungen in Charlottesville, die Tweets von @realDonaldTrump dokumentieren Wut und verletzte Gefühle. Mit der Familie zieht sich der Republikaner zurück und brütet über einer neuen Strategie.

Im Sommer 2016 war Trumps Lage ähnlich verfahren wie im Sommer 2017. Nach den Parteitagen lag Trump klar hinter Hillary Clinton und verbrachte viel Zeit damit, über Wahlbetrug zu schwadronieren und die Soldatenfamilie Khan zu beleidigen. Am 17. August setzte Trump alles auf eine Karte und feuerte Wahlkampfchef Paul Manafort, dem in der Ukraine Korruption vorgeworfen wurde.

Sein Nachfolger wurde Steve Bannon, dessen Name damals nur Insidern ein Begriff war. Heute kennt die halbe Welt den Mann, der inzwischen Chefstratege im Weissen Haus ist. Der ehemalige Chef von Breitbart News gilt als Kopf jener Isolationisten rund um Trump, die stets «America First» fordern, er nennt sich selbst «ökonomischen Nationalisten» und vergleicht sich schon mal mit Satan.

Bilder: Bannon im Weissen Haus

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Das besondere Verhältnis der beiden Männer zeichnet Joshua Green im Buch «The Devil's Bargain» nach. Es bleibt dem Leser überlassen zu entscheiden, wer der Teufel ist, mit dem ein Pakt geschlossen wurde.

Green analysiert nicht nur, wieso die Welt vom Sieg des Milliardärs überrascht wurde. Er liefert auch Hinweise, wie sich die Beziehung von Trump und Bannon entwickeln könnte. Denn anders als Ex-Stabschef Priebus hat der stets zerzaust wirkende Bannon weiter ein Büro im West Wing und Zugang zum US-Präsidenten. Im Frühjahr rügte Trump den 63-Jährigen scharf, nachdem etwa das Magazin «Time» den Berater auf die Titelseite gehoben hatte und bei Twitter von #PresidentBannon die Rede war. Der Präsident fühlte sich gekränkt – und warf ihn aus dem Nationalen Sicherheitsrat.

Heute ist jedoch klar: Dieser Liebesentzug ist vorbei und der Ex-Breitbart-Chef findet wieder Gehör beim US-Präsidenten. Dessen düstere Rede in Warschau vor dem G-20-Gipfel («Der Westen wird nur mit dem Blut von Patrioten gerettet») war Bannon pur: Er sieht die westliche Zivilisation durch den Islam und political correctness bedroht. Und dass Trump im Herbst den Bau der Grenzmauer zu Mexiko im Streit um eine mögliche Zahlungsunfähigkeit (government shutdown) einfordern will, geht ebenso auf Bannon zurück wie der Austritt der USA aus dem Pariser Klimadeal.

Video: «Ihr werdet das Land nicht ohne Kampf zurückkriegen»

Im Februar 2017 erklärte Bannon Trumps Ziele und gab sich martialisch. Quelle: Reuters/TA

Für sein Buch konnte Green, der für Bloomberg Businessweek arbeitet, Bannon insgesamt 20 Stunden lang interviewen. Er hatte ihn schon 2011 kennengelernt, als dieser einen Film über Sarah Palin mit dem Titel «Die Unbesiegte» präsentierte. Green schildert, dass Bannon früh erkannte, dass die Amerikaner wütend waren auf die abgehobenen Eliten («Diese Globalisten haben die US-Arbeiterklasse zerstört und die Mittelschicht in Asien aufgebaut»), sich um ihre Jobs sorgten und Einwanderung skeptisch sahen.

Der Katholik und Sohn irischer Einwanderer verfolgte genau den Erfolg von Marine Le Pen in Frankreich oder des Brexit-Vorkämpfers Nigel Farage – und suchte nach einem US-Politiker, der diese Botschaft auf die grosse politische Bühne hob. Bannon gilt nicht nur als belesen und gebildet, sondern auch als gefährlich: Er sieht Chaos als etwas Positives und möchte die bestehende Ordnung stürzen. Für ihn ist nicht Nordkorea der grösste Feind, sondern China – in spätestens zehn Jahren werde es Krieg im Südchinesischen Meer geben. Beruhigend sind diese Ansichten nicht.

Wie Bannon den Hass auf die Clintons multiplizierte

Vergeblich versuchte Bannon, den heutigen Justizminister Jeff Sessions zu einer Präsidentschaftskandidatur zu bewegen. Das explosive Potenzial von Donald Trump erkannte Bannon erst einige Zeit nach deren ersten Treffen 2011. Damals begann Trump, sich ernsthaft fürs Weisse Haus zu interessieren und bei Republikaner-Events aufzutreten. Mit Bannon teilte er jene Weltsicht, dass die USA bei Handelsabkommen betrogen und im Ausland verlacht würden. Schon 2013 sprach Trump von «Make America great again» und registrierte den Jubel des konservativen Fussvolks.

Über Jahre hinweg war Bannon ein Ratgeber von Trump, und seit Sommer 2015 setzte der Absolvent der Harvard Business School auf den Immobilienmogul. Joshua Green schildert anschaulich, wie Bannon als Last-Minute-Wahlkampfleiter mithalf, Trump ins Weisse Haus zu kriegen. Entscheidend waren diese drei Punkte:

  • 1. Clinton-Hass muss sich auf Fakten stützen Bannon gehört zu jenen konservativen Amerikanern, die Bill und Hillary Clinton verachten und für korrupt halten (dies verbindet ihn mit Beraterin Kellyanne Conway und Milliardär Robert Mercer, der viele Bannon-Projekte finanzierte). Er erkannte früh, dass sich Zweifel an der Redlichkeit der Clintons nur durchsetzen würden, wenn sie nicht in Form von Verschwörungstheorien durchs Internet schwirren, sondern gestützt mit Fakten und Details von seriösen Journalisten verbreitet werden. Also überzeugte er 2013 den Thinktank Government Accountability Institute davon, die Familienstiftung zu prüfen. Im Frühjahr 2015 erschien das Buch «Clinton Cash», das etwa die New York Times vorab auswerten durfte – deren Reporter recherchierten weiter und konfrontierten die scheinbar unbesiegbare Demokratin mit Fragen bezüglich Redehonoraren (Bill verdiente damit mehr als 100 Millionen Dollar) und Interessenskonflikten. Dieses Image wurde Clinton auch wegen eigener Fehler nie mehr los. Ungewollt war die NYT in Bannons Falle getappt. Dieser brüstet sich damit, die Mainstream-Medien zu Waffen (weaponize) gemacht zu haben.
  • 2. Breitbart als Narrativ-MaschineBannon war ein Bewunderer des konservativen Medien-Unternehmers Andrew Breitbart und übernahm nach dessen überraschenden Tod die gleichnamigen Website. Ob er selbst antisemitistisch und homophob ist, bleibt offen: Solche Meinungen toleriert er auf alle Fälle. Bannon trieb seine Redaktion dazu an, auf «rolling narratives» zu setzen, also ständig über bestimmte Themen zu schreiben, die eine entsprechende Weltsicht zementieren: «Einwanderung, die Bedrohung durch den Islamischen Staat, Rassen-Unruhen, den ‹Verfall der traditionellen Werte› und natürlich Hillary Clinton». Es war genau das, worüber Trump im Wahlkampf permanent sprach. Vieles davon gehört auch zum Glaubensbekenntnis der Rechtsextremisten, die sich in Charlottesville versammelt hatten.
  • 3. Gespür für Stimmungen wütender MännerNach seiner Zeit bei Goldman Sachs arbeitete Bannon in Kalifornien als Berater und Investor im Filmgeschäft. Green berichtet von einer besonderen Geschäftsidee: 2005 stieg Bannon in Hongkong bei «Internet Gaming Entertainment» (IGE) ein: Diese Firma verkaufte an Fans des Online-Rollenspiels «World of Warcraft» die dafür nötige Währung. Eigentlich dauert es Stunden, um diese zu erlangen – wer nicht genug Zeit hatte, konnte sie für Geld kaufen. IGE half also beim Betrug. Es dauerte nicht lange, bis Hunderttausende Spieler das Unternehmen online attackierten und in die Knie zwangen. Der Grund? Das «gold farming» und die damit verbundenen Verkäufe verstiessen gegen ihre Vorstellung von Fairness und Ehre. Plötzlich war nicht mehr entscheidend, wer am besten spielte – sondern wer am meisten Geld ausgeben konnte. Heute sagt Bannon, dass er so nicht nur diese Unterwelt des Netzes mit 4chan, Reddit und Frosch Pepe entdeckte, er erkannte auch, wie junge Männer aus Middle America ticken und mit welcher Leidenschaft sie sich wochenlang für Dinge engagieren, die ihnen wichtig sind. Diese Emotionen nutzte Bannon bei Breitbart aus, um Clinton zu attackieren und später für Trump zu werben.

Lenker des Präsidenten: Demonstrant mit Bannon-Maske und Trump-Marionette. Foto: Shannon Stapleton (Reuters)

Bannon heuerte Reporterinnen an, die erst Mitte 20 waren und beauftragte sie, über die Clintons zu schreiben. Von ihnen wusste er, dass junge Amerikaner und Amerikanerinnen die Skandale aus den Neunzigern nicht mehr kannten – und diese als Argument gegen die Demokratin nutzbar waren. Sein Team setzte auf die so genannten double haters, also auf Bürger, die beide Kandidaten ablehnten. Es gelang, die Mehrheit der parteiunabhängigen Wähler zu überzeugen, dass eine Stimme für Trump riskant sei – aber dass er in Washington alles anders machen werde.

Als Wahlkampfmanager sorgte Bannon nicht nur dafür, dass Trump stündlich mit neuen Details über die Politkarriere der Clintons gefüttert wurde. Er hatte auch eine disziplinierende Wirkung auf den Kandidaten: Trump attackierte seine Gegnerin auf oft niveaulose Art, aber er deutete in der Einwanderungsfrage Flexibilität an und beschimpfte in den letzten Wochen vor der Wahl nicht mehr Latinos und Schwarze. Sein Werben um diese Gruppen war plump, aber diese Initiativen reichten aus, um moderatere Republikaner zu überzeugen, dass Trump kein Rassist sei.

Joshua Green zeichnet in seinem Buch ein faszinierendes Doppelporträt des US-Präsidenten und seines Chefstrategen, in dem Bannons Einfluss vielleicht ein wenig übertrieben wird – der Autor hat zu ihm deutlich mehr Zugang als zu Trump. Klar wird, dass jeder der beiden den anderen als Werkzeug sah. In den letzten Monaten ist es Bannon nicht mehr gelungen, Trump auf Linie zu halten – was angesichts der radikalen Ideologie des Ex-Breitbart-Chefs eher beruhigend ist. Das Bild von Trump als Marionette, die an Bannons Fäden hängt, ist überzogen.

Selbst Papst-Verbündete warnen

Es wundert wenig, dass konservative Online-Medien berichten, dass Trump die Zitate aus Greens Buch nicht gefallen. Angeblich hat er gesagt: «Ich hasse es, wenn jemand so tut, als sei er für den Sieg verantwortlich. Diese Wahl habe ich gewonnen.» Könnte Trump seinen Chief Political Strategist also feuern? Natürlich, denn der US-Präsident definiert Loyalität stets nach seinen eigenen Regeln.

Allerdings ist das Bündnis zwischen beiden eng: Als einen Monat vor der Wahl das Pussygate-Video Trumps Sexismus blossstellte, stellten sich nicht alle im Team hinter den Kandidaten: Reince Priebus, Paul Ryan oder Sean Spicer zum Beispiel: Die treuesten Unterstützer waren neben der Familie und Jared Kushner eben Kellyanne Conway und Steve Bannon, der auf Attacken stets mit Gegenattacken reagiert. Dies sichert ihm grossen Einfluss auf Trump und dessen Vertrauen.

Wie ernst man Bannon und seine Verbündeten (neben Sessions vor allem Trump-Redenschreiber Stephen Miller) nehmen muss, zeigt ein aktueller Artikel der einflussreichen Vatikan-Zeitschrift La Civilta Cattolica. Darin warnen zwei Vertraute des Papstes die konservativen US-Katholiken davor, mit christlichen Hardlinern eine Allianz des «Hasses» einzugehen. Explizit genannt wird dabei ein Name: Steve Bannon.

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