Trumps erste Präsidentenrede verstanden sogar 13-Jährige

Unsere Analyse aller amerikanischen Antrittsreden zeigt: Bei einer Inauguration sprach seit 1789 nie ein US-Präsident kürzere Sätze als Donald Trump.

Keeping it simple! Eine Rede hat Wirkung, wenn sie auch verstanden wird. Das weiss der neue US-Präsident Donald Trump. Seine Reden im Wahlkampf wurden von elfjährigen Schülern verstanden, wie eine Studie der Carnegie Mellon University zeigte. Weitere computerlinguistische Untersuchungen kamen zu ähnlichen Schlüssen. In einer Analyse entdeckte «The Boston Globe» eine Rede, die gar von neunjährigen Schülern erfasst wurde. Das passt zum twitternden US-Präsidenten, der gerne einfache Botschaften verbreitet.

Auch in der gestrigen Antrittsrede vor dem Capitol in Washington erwies sich der neue Präsident erneut als Meister der einfachen Rede. Trump hielt eine der simpelsten «Inaugurial Addresses» eines amerikanischen Präsidenten. Dies zeigt eine des TA-Interaktiv-Teams durchgeführte formale Sprachanalyse von über 30 Antrittsreden seit Ende des 18. Jahrhunderts. Trump kommt auf Platz 4 – nach George H. W. Bush (1989), Lyndon B. Johnson (1965) und Dwight D. Eisenhower (1957). Gemäss Angaben seines Teams hat Trump seine Inaugurationsrede selbst geschrieben.

Die Lesbarkeit eines Textes lässt sich mit dem Flesch-Kincaid-Index bestimmen. Die mathematische Formel dahinter berechnet aus der durchschnittlichen Satzlänge und der Silbenanzahl pro Wort die Komplexität eines Textes. Und sie ermittelt, ab dem wievielten Schuljahr ein Schüler den jeweiligen Text verstehen kann. Je tiefer der Flesch-Kincaid-Index ist, desto einfacher ist der Text. Die gesammelten Reden der ehemaligen US-Präsidenten finden Sie hier.

Bei seiner Antrittsrede erreichte Trump gemäss der Flesch-Kincaid-Formel einen Wert von 7,7, was gemäss dem US-Schulsystem dem Niveau eines knapp 13-jährigen Schülers (Junior Highschool) entspricht. Zum Vergleich: Trumps Vorgänger im Präsidentenamt, Barack Obama, kam bei seinen «Inaugurial Addresses» von 2009 und 2013 auf Werte von 9,6 und 9,1 – für das Verstehen dieser Obama-Ansprachen ist das Niveau eines 14- bis 15-jährigen Highschool-Schülers erforderlich. Trumps Rede war auch deutlich einfacher als jene von Ronald Reagan, der als grosser Kommunikator galt. Reagans Reden von 1981 und 1985 sind vergleichbar mit den Werten von Obama.

Noch mehr Jahre Schulbildung braucht es für das Verständnis der berühmten Ansprachen von Abraham Lincoln (1865), Franklin D. Roosevelt (1933) und John F. Kennedy (1961). Diese Antrittsreden mit Werten von 11,4, 11,5 und 10,9 konnten gemäss dem Flesch-Kincaid-Index 16- bis 17-jährige Highschool-Absolventen verstehen. Sobald eine Rede einen Wert von 12 übersteigt, ist für das Verstehen eine akademische Bildung nötig. Die komplizierteste Antrittsrede hielt John Adams (1797) – mit einem Wert von 28,6. Adams verwendete auch am meisten Worte pro Satz (62,7).

Antrittsreden sollen nicht nur verständlich sein, sondern auch möglichst kurz gehalten werden. Dieser Ratschlag stammt von Ted Sorensen, der als Redenschreiber von John F. Kennedy Berühmtheit erlangte. JFK brauchte in seiner denkwürdigen «Inaugurial Address» von 1961 exakt 1363 Worte. Die kürzeste Rede hielt George Washington (1793) mit 135 Worten, die längste Ansprache stammt von William H. Harrison (1841) mit 8459 Worten. Trump fasste sich in seiner Antrittsrede vergleichsweise kurz. Der neue US-Präsident hat rund 16 Minuten respektive 1457 Worte lang gesprochen. Pro Satz brauchte er 14,3 Worte: Dies ist der tiefste Wert bei einer Antrittsrede seit seit 1789 (das ist der Zeitraum, den wir untersucht haben).

«America first»: Kämpferische Rhetorik des neuen Präsidenten Trump bei Amtsantritt. Video: Tamedia/AFP/Reuters

Auch punkto Inhalt hielt Trump eine einfache, verständliche Rede. Dabei erinnerte er mehrmals in unterschiedlichen Formulierungen an das einprägsame Motto seines Wahlkampfes: «Make America Great Again». «Zusammen werden wir Amerika wieder stark machen, wir werden Amerika wieder stolz machen», sagte Trump. «Und ja, zusammen werden wir Amerika wieder gross machen.» Und weiter: «Gemeinsam werden wir für viele, viele Jahre den Kurs Amerikas und der Welt bestimmen.»

Möglichst viele Menschen erreichen und inspirieren

Im Lauf der US-Geschichte sind die Inaugurationsreden deutlich kürzer und einfacher geworden. Eine gute Verständlichkeit allein macht aber noch lange keine grosse Rede aus. Es kommt vor allem auf den Inhalt an – sowie auf die Gabe, dem Publikum positive Emotionen zu vermitteln. Nur wenige US-Präsidenten können für sich in Anspruch nehmen, Antrittsreden gehalten zu haben, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind. Zu diesen Präsidenten zählen Abraham Lincoln (1865), Franklin D. Roosevelt (1933), John F. Kennedy (1961) oder auch Barack Obama (2009).

Nicht alle einfachen Reden sind gross, aber alle grossen Reden sind einfach. Dass die Sprache eines Politikers einfach sein soll, betont auch Jon Favreau, einer der Redenschreiber von Obama. Der Job eines politischen Leaders sei nicht die Belehrung des Publikums. «Es geht darum, die Menschen zu inspirieren und zu überzeugen.» Deshalb müsse man die Menschen so erreichen, wie sie auch sind. Und man solle so sprechen, dass ein breitestmögliches Publikum eine Rede verstehen könne. Der vielleicht wirkungsmächtigste und inspirierendste Satz der letzten Jahrzehnte besteht laut Favreau aus drei der einfachsten Worte der englischen Sprache: «Yes, we can.»

Lesen Sie Donald Trumps Inaugurationsrede im Wortlaut – im Original und in deutscher Übersetzung.

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