Trumps Beitrag: Ein Schweineblut-Tweet

In einem ersten Tweet drückte Donald Trump sein Mitgefühl für die Opfer von Barcelona aus – der zweite ist historisch falsch.

Donald Trump verweist auf eine Legende, nach der ein General auf den Philippinen muslimische Gefangene mit in Schweineblut getauchten Kugeln hatte erschiessen lassen.

Donald Trump verweist auf eine Legende, nach der ein General auf den Philippinen muslimische Gefangene mit in Schweineblut getauchten Kugeln hatte erschiessen lassen.

(Bild: Keystone Pablo Martinez Monsivais)

Nach dem tödlichen Anschlag von Charlottesville hatte US-Präsident Donald Trump eine klare Verurteilung der Tat und ihrer Hintergründe vermieden. Im Zuge des Terrorangriffs von Barcelona ist dies anders. «Die Vereinigten Staaten verurteilen die Terrorattacke», twittert er kurz nach der Tat. «Bleibt stark und hart, wir lieben euch!» Keine Stunde später aber entfacht er mit einem weiteren Tweet eine neue Kontroverse: «Schaut euch an, was der amerikanische General Pershing mit Terroristen getan hat, wenn sie gefangen wurden. Es gab keinen radikalen islamischen Terror für die nächsten 35 Jahre!»

Trump spielt damit auf die Legende an, wonach der US-General John J. Pershing Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Philippinen 50 muslimische Gefangene hatte erschiessen lassen. Die Kugeln habe er vorher in Schweineblut getaucht und damit den gläubigen Muslimen den Weg ins Paradies für immer versperrt. Bereits im Wahlkampf hatte Trump die Anekdote vor jubelnden Anhängern erzählt. Das Problem: Die Geschichte stimmt nicht, sagen Historiker.

Pershing war zwischen 1909 und 1913 Gouverneur der mehrheitlich muslimischen Provinz Moro. Seit Beginn des philippinisch-amerikanischen Kriegs (1899–1902) hatte es dort ständig Aufstände gegen die amerikanischen Invasoren und Besatzer gegeben.

Keine historischen Indizien

Mit der Materie vertraute Historiker berichten, dass die Anekdote von den blutgetränkten Kugeln erstmals nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 kursierte und sie deshalb Nachfragen erhalten hätten. In der Tat verbreitete zu der Zeit sogar der damalige Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, der Demokrat Bob Graham, die Geschichte – unter Berufung auf Geheimdienst-Erzählungen. Biografen und Historiker sprachen bereits im Wahlkampf von «völliger Erfindung» und «lange diskreditierten Geschichten». Es gebe keine historischen Indizien dafür, dass Pershing dies getan oder auch nur angeordnet habe; das Verhalten hätte überhaupt nicht dem Charakter des Generals entsprochen, der Besetzungen und Drohungen bevorzugt habe, um die Gegner zum Verhandeln zu bewegen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte es zu einem weitverbreiteten Kolonialmythos, dass Muslime allergisch auf Schweine und Schweineblut reagieren würden – ähnlich wie Vampire von einem Kreuz abgeschreckt würden. Auch Hollywood verbreitete diese Erzählung im Geiste des antimuslimischen Rassismus. 1939 spielte Gary Cooper im Film «Verrat im Dschungel» einen amerikanischen Doktor, der «Eingeborene» auf den Philippinen vor «muslimischen Fanatikern» beschützt und Schweinehaut um einen Gefangenen wickelt. Mit der Ankündigung, dies künftig auch mit den Toten zu tun, will er die Fanatiker von weiteren Angriffen abhalten.

Das Drehbuch basiert allerdings nicht nur auf Mythen. Die US-Streitkräfte waren durchaus offen für religiöse Demütigungen und Tabubrüche. Mindestens zwei amerikanische Zeitzeugen berichteten unabhängig voneinander, dass die Soldaten getötete feindliche Kämpfer zur Abschreckung gemeinsam mit Schweinen beerdigt hätten. Auch Pershing, der später ein bekannter General im Ersten Weltkrieg wurde, beschreibt laut der US-Site Politifact in seinen Memoiren einen solchen Vorfall – allerdings beruft er sich dabei auf den Bericht eines ihm bekannten Offiziers.

Was es gab: Anstrengungen, die religiösen Gefühle der Muslime zu verletzen

Wie die Website History Network schreibt, findet sich doch noch eine Erwähnung, die einen Zusammenhang zwischen «Blutpraktiken» und Pershing herstellt: Die «Chicago Daily Tribune» schrieb 1927, dass Pershing Gefangene mit Schweineblut bespritzt und sie dann freigelassen hätte, um andere zu warnen. «Diese Tropfen Schweineblut waren machtvoller als Patronen», so der Artikel. Unklar ist allerdings, woher der Autor seine Informationen hatte. Christopher Capozzola, Geschichtsprofessor am MIT in Massachusetts, bilanziert in «Time»: «Ja, es gab absichtliche Anstrengungen, die religiösen Gefühle der muslimischen Filipinos zu verletzen. Ja, es gab ausufernde Gewalt gegen ihre Gemeinschaften. Aber mir ist kein Ereignis bekannt, wie es Mr. Trump beschreibt.»

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Andere Historiker weisen darauf hin, dass der Aufstand der Moro-Gruppen nur zu einem Teil religiös motiviert war. In der Tat aber kehrte nach 1913 für längere Zeit – 25 Jahre, nicht 35 – Ruhe ein. Heute machen die muslimischen Moro-Gemeinschaften etwa fünf Prozent der katholisch geprägten Philippinen aus, sie sind die grösste religiöse Minderheit im Land.

Unabhängig von Trumps Geschichtsbild stellt sich die Frage, welche Rolle der US-Präsident mit seinem Tweet einnehmen möchte – soweit es sich um mehr als das übliche Twitter-Fingerspiel mit Hardliner-Rhetorik handelt.

In zahlreichen Reaktionen hagelte es erneut Kritik für den 71-Jährigen, dessen Regierung Muslimen als nicht gerade zugeneigt gilt. Nicht nur, weil der US-Präsident in Charlottesville rechtsradikalen Terrorismus weit weniger eindeutig verurteilt hatte, sondern weil er in der Lesart der Kritiker mit seinen Tweets die Exekution Gefangener glorifiziere und im Kampf gegen den Terrorismus Verstösse gegen das Völkerrecht fordere.

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