Trump zögert Hilfe für Puerto Rico hinaus

Puerto Rico ist nahezu völlig zerstört. Trotzdem läuft die Hilfe für das US-Territorium nur schleppend an.

Angesichts der schweren Zerstörung durch den Wirbelsturm Maria in Puerto Rico wächst die Kritik am Katastrophenmanagement von US-Präsident Donald Trump. (Video: Reuters)
Martin Kilian@tagesanzeiger

Eine Woche nach dem verheerenden Wirbelsturm Maria steht Puerto Rico vor einer «humanitären Katastrophe», warnt der Gouverneur der Karibikinsel, Ricardo Roselló. Das amerikanische Territorium ist weitgehend ohne Trinkwasser, 58 von 69 Hospitälern sind nicht funktionsfähig. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, Monate werden vergehen, bis das Stromnetz von Ingenieuren der US-Armee repariert worden ist. Kläranlagen sind sämtlich ausser Betrieb, nur sporadisch funktioniert das Telefonnetz. Benzin und Lebensmittel werden knapp.

Die Situation sei «verzweifelt», warnte Chuck Schumer, der demokratische Fraktionsvorsitzende im Senat. Doch die Hilfe für die dreieinhalb Millionen Einwohner läuft nur schleppend an – ein starker Kontrast zu Florida und Texas, wo der Katastropheneinsatz nach den Wirbelstürmen Irma und Harvey schnell und unbürokratisch erfolgte.

Die Verzögerungen sowie der eher langsame Fortschritt eines finanziellen Hilfspakets im Washingtoner Kongress – erst Mitte Oktober wird mit einem Beschluss gerechnet – schüren inzwischen den Verdacht, die Puertorikaner seien US-Bürger zweiter Klasse. Zwar besitzen die Einwohner der Insel das amerikanische Bürgerrecht, ihre Heimat aber ist ein US-Territorium und kein Bundesstaat. Im Kongress hat Puerto Rico kein Stimmrecht, Sozialleistungen für die Menschen dort fallen geringer aus als für andere US-Bürger, und antiquierte Gesetze beeinträchtigen die Wirtschaftsleistung des Territoriums.

So schreibt etwa der fast 100 Jahre alte «Jones Act» vor, dass nur US-Handelsschiffe den Warenverkehr mit Puerto Rico erledigen dürfen. Seit Jahrzehnten ist sich das Territorium uneins, welchen Status es anstreben soll: Völlige Unabhängigkeit von den USA, ein Territorium wie bisher oder die Aufnahme in die amerikanische Union als ein Bundesstaat. Der jetzige Gouverneur sieht die Lösung in einem Bundesstaat Puerto Rico. Nur so könne sich die Insel wirtschaftlich festigen und «unser 500-jähriges koloniales Dilemma» überwunden werden, glaubt Ricardo Rosselló.

Verschiedene Abstimmungen über den künftigen Status des Territoriums blieben bislang ergebnislos. Die Republikanische Partei steht einem Bundesstaat Puerto Rico überdies skeptisch gegenüber: Mit grosser Wahrscheinlichkeit würde dies den Demokraten zu zwei zusätzlichen Senatoren und mehreren Kongressabgeordneten verhelfen – wie auch ein Bundesstaat Washington DC, gegen den sich die Kongressrepublikaner seit Jahzehnten sperren.

Der Exodus droht

Schon vor den Verwüstungen durch Maria war der Zustand Puerto Ricos schlecht: Die Insel ist extrem verschuldet und faktisch bankrott, ihre Infrastruktur veraltet, die Armutsrate hoch. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung haben ihre karibische Heimat seit 2005 verlassen und sich vor allem in Florida sowie New York niedergelassen. Erfolgt jetzt keine rasche und grosszügige Hilfe, rechnen Experten mit einem weiteren Exodus.

Es half nicht, dass Präsident Trump in einer Serie von Tweets am Wochenende die «kaputte Infrastruktur» sowie die «massiven Schulden» Puerto Ricos beklagte und befand, die Insel stecke in «riesigen Problemen». Am Dienstag erkannte der Präsident dann, dass Puerto Rico «viel Geld» brauche. Erst nächste Woche aber will Trump sich vor Ort einen Eindruck verschaffen.

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