Trump wettert gegen seinen Justizminister

Einer ist Sadist, der andere Masochist: Das Verhältnis Donald Trumps zu seinem Justizminister Jeff Sessions ist einmalig.

Die Beziehung des US-Präsidenten zu seinem Justizminister bröckelt. Bild: AP/Evan Vucci

Die Beziehung des US-Präsidenten zu seinem Justizminister bröckelt. Bild: AP/Evan Vucci

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Am Mittwoch teilte Donald Trump Prügel aus. Der Geprügelte hat sich bereits daran gewöhnt, dem Präsidenten als Pinãta zu dienen. Jefferson Beauregard Sessions war einmal ein stolzer Senator aus Alabama. Sein lebenslanger Traum war es, Justizminister zu werden. Trump erfüllte ihm diesen Traum, weil sich Sessions, ein unerbittlicher Gegner illegaler Zuwanderung und erzkonservativer Südstaatler, 2016 als erster republikanischer Senator für Kandidat Trump erklärt hatte.

Damals mochten sie sich, der Senator, der wie ein gealteter Pfadfinder daherkommt, und Trump, der ungestüme Lautsprecher. Sessions genoss im Senat den Ruf eines ehrenhaften Manns. Seine Kollegen verstanden nicht, dass er sich mit Trump einliess. Denn Trump war kein ehrenhafter Mann. Das einst herzliche Verhältnis der beiden ungleichen Politicos ist längst Geschichte.

«Ich wünschte, ich hätte jemand anderen ausgesucht», twitterte Trump am Mittwoch und zitierte den republikanischen Abgeordneten Trey Gowdy: «Es gibt viele gute Rechtsanwälte im Land, er hätte einen anderen wählen können.» Sessions hat sich an die Rolle des Prügelknaben gewöhnt. Seit er im März 2017 wegen Befangenheit die Aufsicht über die Russland-Untersuchung abgeben musste, sieht Trump in ihm einen Verräter.

Sessions blieb keine Wahl: Nachdem er zugegeben hatte, während des Wahlkampfs und danach mehrmals mit dem damaligen russischen Botschafter Sergei Kislyak zusammengetroffen zu sein, zwangen die Vorschriften des Justizministeriums Sessions an die Seitenlinie. Seitdem werden die Russland-Ermittlungen vom stellvertretenden Justizminister Rod Rosenstein beaufsichtigt.

Trump ist deshalb ausser sich. Am liebsten würde er Rosenstein auf den Mond schiessen. Immer wieder macht Trump Sessions öffentlich nieder und demütigt ihn. Regelmässig gerät er ausser sich über den Justizminister. Sessions, so Trump, habe ihn hängen lassen. Der Vorgang ist einmalig. Doch Sessions zu feuern, traut sich Trump nicht: Republikanische Senatoren haben den Präsidenten vor diesem Schritt eindringlich gewarnt. Sie würden keinen Nachfolger im Senat bestätigen, sagten sie.

Dass Sonderermittler Mueller sich inzwischen für das vergiftete Verhältnis zwischen Trump und Sessions interessiert, macht den Präsidenten noch wütender. Trumps Verhalten sei womöglich Justizbehinderung.

Trump rastete wegen Robert Mueller aus

Anfang März 2017 hatte sich Sessions von seiner Aufseherrolle über die Russland-Untersuchung verabschiedet, kurze Zeit später verlangte Trump bei einem gemeinsamen Essen in seinem «Traumschloss» in Mar-a-Lago, der Justizminister müsse seine Entscheidung rückgängig machen. Sessions lehnte ab, Trump tobte danach vor Vertrauten. Es kam noch schlimmer: Im Mai 2017 war Sessions Teil einer Gesprächsrunde im Weissen Haus, bei der ein Nachfolger für den von Trump gefeuerten FBI-Chef James Comey gesucht wurde. Anwesend waren Vizepräsident Mike Pence, der Rechtsbeistand des Weissen Hauses, Don McGahn, sowie mehrere Mitarbeiter. Mitten in den Beratungen erhielt McGahn einen Anruf von Rod Rosenstein: Er habe sich entschlossen, den ehemaligen FBI-Direktor Robert Mueller als Sonderermittler in der Russland-Affäre zu berufen, so Rosenstein.

Als McGahn die Nachricht weiterreichte, rastete Trump aus. Er beschimpfte Sessions vor der Runde und nannte ihn unter anderem einen «Idioten». Der schwer getroffene Justizminister wollte daraufhin seinen Rücktritt einreichen – was Trumps Mitarbeiter verhinderten. Statt als Pensionierter das Leben zu geniessen, muss sich Sessions nahezu wöchentlich von Trump in der Öffentlichkeit beleidigen lassen. Mal war Sessions «schwach», mal «belagert» und überhaupt war er ein Versager. Und wiederholt drückte Trump sein Bedauern aus, ihn zum Justizminister ernannt zu haben.

Bilder: Robert Mueller ermittelt gegen Trump

Gefeuert aber wurde Sessions nicht. Er meidet den Präsidenten, soweit es möglich ist – was ihm kaum hilft: Regelmässig saust Trumps Hammer auf ihn nieder. Denn in Trumps Augen trägt Sessions Schuld an allem, was den Präsidenten zwickt: Russland, der Sonderermittler, die ewigen Untersuchungen. Hätte Sessions nicht seine Befangenheit erklärt, könnte er als Trumps Ausputzer fungieren: Mueller in Schranken weisen, die Ermittlungen einengen, Mueller sogar feuern. Stattdessen ist Jeff Sessions’ Traumberuf zu einem Albtraum geworden. Und am Mittwoch war wieder mal Pinãta-Tag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 13:31 Uhr

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