Trump und die Wahl des Charakters

Das gab es noch nie: Neokonservative Republikaner warnen vor dem eigenen Präsidentschaftskandidaten. Donald Trump machts möglich.

Im Wahlvolk geniesst Donald Trump mehr Kredit als in der eigenen Partei. Foto: Reuters

Im Wahlvolk geniesst Donald Trump mehr Kredit als in der eigenen Partei. Foto: Reuters

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Mit der Nomination als erste Frau zur Präsidentin der USA hat Hillary Clinton bereits Geschichte gemacht. Auch Donald Trump dürfte einen historischen Eintrag schreiben, aber keinen ruhmvollen: Noch nie ist der Charakter eines Kandidaten von führenden Köpfen der eigenen Partei so brutal infrage gestellt worden wie beim ihm. In einem offenen Brief warnen 50 frühere Nachrichtendienstchefs, Sicherheitsberater und Verteidigungsexperten vor seiner Wahl. Ein Präsident Trump wäre ein unhaltbares Sicherheitsrisiko für das Land und damit die Welt. Er wäre «der verantwortungsloseste Präsident in der Geschichte Amerikas».

Es wäre leicht, diese unerhörte Distanzierung mit zynischen Augen zu betrachten, besteht die Gruppe der 50 doch überwiegend aus der neokonservativen Elite, die Präsident George W. Bush beraten und die Kriege im Irak und in Afghanistan unterstützt hat. Zu ihnen gehören der frühere CIA-Direktor Michael Hayden, der Ex- Topgeheimdienstchef John Negroponte, die Ex-Direktoren des Ministeriums für Innere Sicherheit, Tom Ridge und Michael Chertoff, sowie die frühere Nummer zwei im Bush-Aussenministerium Robert Zoellick. Ihre Mitverantwortung für die Kriege im Mittleren und Nahen Osten und den damit verbundenen Aufstieg der islamistischen Terroristengruppen dürfte ihre Kritik am Kandidaten schwächen, sind sie doch Teil der politischen Insider, deren Versagen sowohl Trump als auch dessen Wähler antreibt.

Leere Stimme oder Sprengkandidat?

Doch der offene Brief gilt nicht dem harten Kern der Trump-Anhänger, die ihn wählen werden, was auch immer noch passiert. Die Absetzbewegung offenbart vielmehr den immer tieferen Graben zwischen dem Kandidaten und der Partei. Angesprochen sind Republikaner, die hin- und herschwanken zwischen ihrer Abscheu vor der Person Trump und dem fehlenden Vertrauen in Hillary Clinton. Ihnen machen die Kritiker von Trump klar: Wie gross auch immer die Zweifel an der Demokratin sind, eine Stimme für Trump kommt nicht infrage. Und es gibt Alternativen: Entweder eine leere Stimme abgeben oder einen Sprengkandidaten wählen. Beide Optionen sind indirekte Stimmen für Hillary Clinton.

«64 Prozent der ­Behauptungen von Trump sind Lügen.»

So klar, wie es scheinen mag, ist die Wahl für konservative und parteilose Wähler also nicht. Umfragen bestätigen, dass rund zwei Drittel aller Bürger weder Trump noch Clinton vertrauen und beide als ebenso verlogen betrachten. Und dies, obwohl Trump punkto Halb- und Unwahrheiten historische Rekorde setzt. So zeigen die Faktenprüfer der «Washington Post», dass 64 Prozent seiner Behauptungen blanke Lügen sind. Das sind viermal mehr Falschaussagen, als Clinton zugeschrieben werden, deren Ausmass an Schwindeleien als typisch für einen Politiker gelten.

Dass Clinton es nicht schafft, ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen, muss als eine persönliche Schwäche gesehen werden, doch ist die aus der Sicht der Gruppe der 50 nichts im Vergleich zu ihrem Widersacher. «Niemand von uns wird für Donald Trump stimmen», und zwar nicht wegen dessen politischer Agenda, die mit jedem Tag wieder eine andere ist, sondern allein wegen seiner Person. Für das Amt des Präsidenten fehlten Trump «der Charakter, die Erfahrung und die moralischen Werte». Seine Unstetigkeit, sein Narzissmus und seine Unberechenbarkeit seien ein immenses Sicherheitsrisiko, machen die Experten geltend. «Er ist unfähig, Lügen und Wahrheit zu trennen. Er lässt keine anderen Meinungen zu. Er hat keine Selbstkontrolle. Er hat unsere engsten Verbündeten mit seinem wirren Verhalten im Alarm versetzt.»

Trump reagierte wie üblich mit einer Gegenattacke, doch sein Boden wird immer wackliger. Nachdem bereits der frühere Finanzminister Hank Paulson und HP-Chefin Meg Whitman sich hinter Clinton gestellt hatten, schloss sich zu Wochenbeginn auch die populäre republikanische Senatorin Susan Collins aus Maine den Trump-Gegnern an. Auch für sie sind nicht politische Differenzen mit Trump entscheidend, sondern sein Charakter und die «unablässige Flut von grausamen Kommentaren und seine Unfähigkeit, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen». Noch bleiben 90 Tage bis zur Wahl, aber die Zeit zur Selbsteinsicht läuft Trump rasch davon. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2016, 23:45 Uhr

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