Trump legt nach und schaufelt sich ein tieferes Loch

Donald Trump vollzog gestern bezüglich der Ausschreitungen in Charlottesville neuerlich eine Kehrtwende. Dabei offenbarte er eine bemerkenswerte historische Ignoranz.

US-Präsident Donald Trump verteidigt seine erste Reaktion auf die Gewalt in Charlottesville. Quelle: TA/Reuters
Martin Kilian@tagesanzeiger

Donald Trumps Verurteilung von Rassisten und Neonazis im Anschluss an die Ereignisse in Charlottesville hielt nur einen einzigen Tag. Hatte der Präsident zuerst alle Seiten, also auch die linken Gegendemonstranten, für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht, so beugte er sich am Montag dem Druck der Öffentlichkeit und seiner Partei und kritisierte ausdrücklich die rechtsextremen Gruppen und ihren Rassenhass.

Aber Trump ist eben Trump. Was immer ihn am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz in New York umgetrieben haben mochte: Der Präsident schien verärgert, ja wütend. Er verurteilte erneut beide Seiten, nahm einige der rechtsradikalen Demonstranten in Charlottesville in Schutz und beschuldigte die Gegendemonstranten, geradeso gewalttätig gewesen zu sein.

Bilder: Eskalation rechter Gewalt in Charlottesville

  • loading indicator

Damit unterschlug Trump neuerlich den Rassismus und Antisemitismus, der in Charlottesville offen gezeigt wurde. Es waren nicht linke Demonstranten, die mit Hitlergruss und «Heil Trump»-Rufen über den Campus der Universität von Virginia zogen. Zumal der mutmassliche Todesfahrer von Charlottesville nachgewiesenermassen ein überzeugter Neonazi war.

Trump erfreut Ultrarechte

Mit seinem gestrigen Ausbruch hat Trump einmal mehr seine Anhänger in der ultrarechten Ecke erfreut. Artig bedankte sich etwa Ex-Klansmann David Duke beim Präsidenten. Wer aber in der multikulturellen amerikanischen Gesellschaft wie Trump spricht, legt gefährliche Feuer und verspielt zudem jegliche moralische Autorität, die das Amt des Präsidenten traditionell innehat.

Darüber hinaus scheint dieser Präsident offenbar nur wenig Ahnung von amerikanischer Geschichte zu haben. Er verteidigte den Aufmarsch der Rassisten in Charlottesville als legitim, weil sie ja nur gegen die Entfernung der Statue des konföderierten Oberbefehlshabers Robert E. Lee protestiert hätten. Als nächstes, so Trump schneidend, seien wohl Denkmäler von George Washington und Thomas Jefferson dran. Beide seien schliesslich auch Sklavenhalter gewesen.

Jawohl, Mr. President, beide waren Sklavenhalter, aber keiner von ihnen führte in einem Akt von Hochverrat eine sezessionistische Armee zu Verteidigung der Versklavung von Afroamerikanern Richtung Washington. Wenn Donald Trump diesen Unterschied nicht begreift, ist ihm kaum mehr zu helfen.

Es sprach Bände, wie Trumps Stabschef John Kelly den Ausführungen seines Chefs zuhörte: Mit verschränkten Armen, den Blick auf den Boden gerichtet.

Schon in den gestrigen Abendstunden reagierten sowohl Republikaner wie Demokraten scharf auf Trumps schräge Darbietung in New York: Von Paul Ryan, dem republikanischen Sprecher des Repräentantenhauses, bis zu Virginias Senator Mark Warner waren diese Reaktionen von Fassungslosigkeit geprägt. Zugleich erteilten sie eine klare Absage an die Ideologie jener, die in Charlottesville aufmarschiert waren.

Es sprach Bände, wie Trumps Stabschef, Ex-General John Kelly, den Ausführungen seines Chefs unweit des Podiums in New York zuhörte: Mit verschränkten Armen, den Blick auf den Boden gerichtet. Kellys Körpersprache verriet, dass er den politischen Schaden mitsamt der Peinlichkeit dieses Moments einzuordnen wusste. Andere Mitarbeiter des Präsidenten seien «benommen» gewesen von Trumps Eruption, hiess es. Was sonst sollten sie empfinden?

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt