Trump geht auf Tour

Er könnte sich in komplexe Dossiers einarbeiten, sein Kabinett komplettieren, sein Amt planen. Doch nein, Donald Trump macht lieber etwas anderes.

Auf dieser Bühne will er sein Comeback geben: Donald Trump in Cincinnati, Ohio – aufgenommen mitten im Wahlkampf am 13. Oktober 2016. Foto: Evan Vucci (AP, Keystone)

Auf dieser Bühne will er sein Comeback geben: Donald Trump in Cincinnati, Ohio – aufgenommen mitten im Wahlkampf am 13. Oktober 2016. Foto: Evan Vucci (AP, Keystone)

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Wahlkampf nach einer gewonnenen Wahl – das ist neu in der US-Politik. Eigentlich kümmert sich ein gewählter Präsident darum, seine Regierungsmannschaft zusammenzustellen. Insgesamt müssen 4000 Stellen besetzt werden. Vor allem die Position des Aussenministers gibt offensichtlich Anlass zu Diskussionen. Inzwischen wird der Name des früheren Generals und Ex-CIA-Chefs David Petraeus häufig genannt. Auch Rudy Giuliani scheint weiterhin im Rennen zu sein. Oder wird es doch Mitt Romney? Ausserdem gibt es wohl noch ein paar komplexe Dossiers, in die sich ein angehender Präsident einarbeiten muss.

Doch damit verschwendet Donald Trump nicht seine Zeit. Er macht weiterhin das, was er am besten kann, und was ihm den Wahlsieg eingebracht hat: Er schiesst Tweets ab mit Behauptungen, die nicht einmal ansatzweise belegt sind, wie etwa jene, dass er auch das Volksmehr gewonnen hätte, wären da nicht Millionen illegal abgegebener Stimmen gewesen.

Einfach mal Danke sagen

Damit aber nicht genug: Der gewählte US-Präsident hat angekündigt, dass er sich bei seinen Wählerinnen und Wählern bedanken möchte mit einer «Thank you»-Tournee. Zurück in die grossen Hallen also. Los geht es am Donnerstagabend in der US-Bank-Arena in Cincinnati, Ohio. Trump hat diese Bühne bereits im Wahlkampf gerockt. Der Bundesstaat Ohio liegt im Herzen des Rustbelts, des traditionellen amerikanischen Industriegebiets im Nordosten des Landes, wo Trump seinen überraschenden Wahlsieg eingefahren hat.

Die Wahlveranstaltungen, bei denen jeweils Zehntausende Anhänger aufmarschierten, betrachtet Trump als zentral für seinen Triumph über Hillary Clinton. Die Happenings wurden vom Fernsehen live übertragen und hatten eine entsprechende Wirkung. Der zweite Stopp der «Thank you»-Tour ist angeblich Des Moines, Iowa, wie Bloomberg berichtete.

Welchen Trump sehen wir jetzt?

Donald Trump dürfte sich nirgends wohler fühlen als in einer vollgepackten Halle. Auf jeden Fall behagt dies dem begnadeten Showman besser als die Arbeit an einem Bürotisch, auf dem sich Memoranden und dicke Dossiers stapeln. Trump gab sich unmittelbar nach dem Wahlsieg moderat, zunächst bei seiner Siegesrede, aber auch tags darauf beim Treffen mit US-Präsident Barack Obama im Weissen Haus oder etwa beim Besuch bei der «New York Times», die er zuvor mit Hasstiraden eingedeckt hatte.

Linke Demonstranten protestieren vor dem Trump Tower. Video: Tamedia/Storyful

Deshalb fragt man sich, welchen Trump wir nun in den grossen Arenen im Rustbelt sehen werden. Er ist ein Meister darin, eine Menschenmasse zu elektrisieren. Aber eigentlich ist der Wahlkampf fürs Erste abgeschlossen. Was werden die Amerikanerinnen und Amerikaner also zu hören bekommen? Einmal mehr, dass Barack Obama die Terrororganisation Islamischer Staat gegründet habe? Oder dass Amerika in Kriminalität versinke, obwohl die Verbrechensrate beinahe auf dem tiefsten Stand ist seit den frühen 70er-Jahren?

«Spaltende und feurige Rhetorik»

Nicht ausgeschlossen ist auch, dass Trump einmal mehr die E-Mail-Affäre aufwärmt, obwohl bisher Hillary Clinton kein Geheimnisverrat nachgewiesen werden konnte. Oder geht es Trump etwa darum, die Nachzählaktion in Wisconsin zu kontern? Das amerikanische Magazin «Politico» schreibt, es bestehe die «gefährliche Möglichkeit», dass Trump zu seiner «spaltenden und feurigen Rhetorik» aus dem Wahlkampf zurückkehre. Das stünde in scharfem Kontrast zu seiner Siegesrede am frühen Morgen des 9. November, als Trump ankündigte, die Vereinigten Staaten wieder zu vereinen.

George Gigicos aus dem inneren Zirkel des Trump-Teams legte Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um eine «Victory»-Tour, sondern um eine «Thank you»-Tour handle, wie Bloomberg weiter berichtet. Auch die Berater des künftigen US-Präsidenten sind nach wie vor damit beschäftigt, den unerwarteten Wahlsieg zu verdauen, wie «Politico» weiter schreibt. Sie würden immer noch Videos von ihren Smartphones verbreiten mit dem Stolz jener, die sagen können: «Alle lagen falsch ausser wir!»

Donald Trump tritt sein Amt als Präsident am Freitag, den 20. Januar an. Das sind noch genau 50 Tage.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2016, 13:43 Uhr

Drei Merkmale des gewählten Präsidenten fallen dem Karikaturisten besonders auf.

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