Tief im Sumpf

Der Pharmariese Novartis versucht den Befreiungsschlag, indem er seinen Topjuristen opfert. Die Zahlungen an einen Trump-Anwalt bleiben suspekt.

Ein Novartis-Gebäude in den USA, wo der Konzern ein Drittel seines Umsatzes macht. Foto: Reuters

Ein Novartis-Gebäude in den USA, wo der Konzern ein Drittel seines Umsatzes macht. Foto: Reuters

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Was vor einem Jahr vielleicht noch wie eine gute Idee getönt hatte, fliegt Novartis jetzt um die Ohren: das Engagement des Trump-Vertrauten Michael Cohen für Lobbydienste im Weissen Haus. Millimeter für Millimeter versucht jetzt der Pharmakonzern, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Nach einem Fehlereingeständnis des Konzernleiters folgte gestern die Ankündigung, dass der Chefjurist wegen der Affäre das Unternehmen verlässt. Dennoch: Der Schaden für den Ruf des Schweizer Medikamentenherstellers bleibt enorm. Mit treuherzigen Erklärungen und einem Bauernopfer kommt man nicht davon, wenn man sich mit dem skandalumwitterten Umfeld von Donald Trump eingelassen hat.

Gut möglich, dass das Engagement Cohens wie ein cleverer Schritt von Novartis aussah – ganz am Anfang. Ende 2016 wurde Trump völlig überraschend ins Weisse Haus gewählt. Nebst vielem anderem hatte er versprochen, das US-Gesundheitssystem völlig umzukrempeln und mit Druck auf «Big Pharma» die Medikamentenpreise radikal zu senken. Aber er galt als unberechenbar und gerade darum vielleicht auch als formbar. Für den Pharmariesen Novartis, der ein Drittel seines 49-Milliarden-Dollar-Umsatzes in den USA macht, war es überlebenswichtig, mehr über diesen irrlichternden Politiker zu wissen.

Zu diesem kritischen Zeitpunkt kam das Angebot von Michael Cohen. Dem persönlichen Anwalt des Präsidenten! Novartis unterschrieb einen Beratungsvertrag und begann ein monatliches Honorar zu überweisen, insgesamt umgerechnet 1,2 Millionen Franken.

Um halbwegs glaubwürdig zu bleiben, musste auch Novartis ein prominentes Opfer bringen.

Wie das Unternehmen im Nachhinein bestätigte, musste es die in Cohen gesetzten Hoffnungen über Nacht begraben. Er hatte viel versprochen, konnte nichts halten. Das Engagement war ein Fehler, aber ein finanziell verschmerzbarer. Das Honorar macht nicht mehr aus als einen Rundungsfehler in der Konzernrechnung. Zudem: Niemand würde ja jemals vom missglückten Abenteuer in Trumpland erfahren.

Aber in der Achterbahn der Wirrungen um Trump und sein Privatleben erwies sich das als Fehleinschätzung. Über den abenteuerlichen Umweg des Anwalts eines Pornostarlets kamen die Zahlungen von Novartis an Cohen an die Öffentlichkeit. Seither steht das Unternehmen im Scheinwerferlicht: Medien, Sonderermittler Robert Mueller, weitere Justizbehörden, US-Abgeordnete untersuchen, stellen Fragen, ziehen Motive und Vorgehen beim Cohen-Engagement infrage.

Vasant Narasimhan (41), ursprünglich Arzt, erst seit drei Monaten an der Novartis-Spitze, steckt tief in seiner ersten Krise als Unternehmenschef. «Vas» schlief, wie er seinen Angestellten freimütig mitteilte, schlecht. Tags darauf wollte er die Geschichte auf einen Schlag aus der Welt schaffen: Narasimhan gestand ein, das Cohen-Engagement sei ein Fehler gewesen. Es war allerdings einer, den er leicht seinem Vorgänger Joe Jimenez in die Schuhe schieben konnte.

Bohrende Fragen

Aber der Befreiungsschlag erwies sich als Schlag ins Wasser. AT&T, ebenfalls tief in die Geschichte verstrickt, war schon einen Schritt weiter: Der Telecomkonzern schickte seinen Cheflobbyisten in die Wüste. Um halbwegs glaubwürdig zu bleiben, musste auch Novartis ein prominentes Opfer bringen. Gestern fiel dem Chefjuristen Felix Ehrat diese Rolle zu: Ein «Irrtum» sei es gewesen, gemeinsam mit Jimenez den Vertrag unterschrieben zu haben. Juristisch aber sei die Sache nicht zu beanstanden. Dass die öffentliche Debatte darüber nun «beendet» ist, wie Ehrat hofft, ist allerdings ungewiss. Höchst ungewiss.

Denn es bleiben Fragen: Warum fiel Novartis auf Cohen herein, während andere Firmen wie Uber und Ford die Avancen des Anwalts ignorierten? Warum hat Novartis das monatliche Honorar brav weiterbezahlt bis zum vollen Betrag von 1,2 Millionen? Obwohl doch offenbar so bald klar gewesen sein soll, dass Cohen sein Geld nicht wert war? Hatte Novartis eben doch etwas erreicht, was aber vielleicht geheim bleiben sollte? Joe Jimenez erklärte gestern, er habe nur die Folgekosten einer Vertragsauflösung gescheut. Stimmt das wirklich?

Und, eher noch wichtiger: Was wusste Shannon Thyme Klinger, die oberste Ethik­verantwortliche von Novartis, zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung? Jetzt soll die Amerikanerin auf Ehrat als Chefjuristin folgen – und zwar nur Tage nachdem der Journalist Lukas Hässig auf dem Finanzblog Insideparadeplatz.ch ans Licht gebracht hat, dass die Juristin zu Unrecht auf Websites mit einem Doktortitel geführt wurde. War das wirklich nur ein harmloses Versehen, wie Novartis beteuert, schnell korrigiert und bedeutungslos? Vertrauensbildung in einer Krise, jedenfalls, sieht anders aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 19:47 Uhr

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