Sie preisen ihn als den Allergrössten

Nach der Verabschiedung der Steuerreform werfen sich die Kongressrepublikaner vor Donald Trump reihenweise in den Staub – für das unbeliebteste legislative Werk seit Jahrzehnten.

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Bekanntlich verlangt das zerbrechliche Ego des amerikanischen Präsidenten nach steter Huldigung und erblüht je nach dem Ausmass der Schmeicheleien, die er, Donald Trump, erhält. Wladimir Putin weiss das, Präsident Xi Jinping ebenfalls. Wer Trump genügend preist, darf auf politisches Entgegenkommen hoffen und kann sich in seinem Wohlwollen sonnen.

Wurde das Einschleimen beim Präsidenten bislang besonders von medialen Haubitzen wie Fox News perfektioniert, so setzten seine republikanischen Parteifreunde am Mittwoch und Donnerstag neue Massstäbe. Anlass war die Verabschiedung und Unterzeichnung der Steuerreform, beim US-Volkskörper nachweislich das unbeliebteste legislative Werk seit Jahrzehnten, für Trump und die Kongress-Republikaner indes ein hymnisch verklärtes Projekt von historischer Dimension.

Die Lobhudelei kannte keine Grenzen

Die Reform mochte unlauteren Beweggründen entsprungen sein und unter anderem der Selbstbereicherung Trumps sowie vermögender republikanischer Geldgeber dienen. Die Lobhudelei aber kannte keine Grenzen, ja Trump fand sich plötzlich im Pantheon der amerikanischen Präsidentschaft, wo Washington, Lincoln und Jefferson hausen. «Wir würden ohne Sie nicht hier stehen», schleimte Mehrheitsführer Mitch McConnell, derweil Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, Trumps «exquisite Führung» besang.

Tatsächlich hatte sich der Präsident zur Freude der Kongress-Republikaner weitgehend aus der Bastelei an der Steuerreform herausgehalten, anstatt den Parlamentariern mit rabiaten Tweets oder problematischen verbalen Absonderungen dazwischenzufunken. «Ohne Ihre Führung wären wir heute nicht hier», behauptete trotzdem Kevin McCarthy, der Mehrheitsführer im Abgeordnetenhaus.

Das nachweislich unbeliebteste legislative Werk seit Jahrzehnten: Trumps Steuerreform. Bild: Keystone / Michael Reynolds

Wohnungsbauminister Ben Carson, fromm wie immer, bedankte sich sogar beim Allerhöchsten «für einen Präsidenten und für Minister, die sich mutig kontroversen Winden entgegenstellen für eine bessere Zukunft derjenigen, die nach uns kommen». Worauf Trump artig antwortete: «Dankeschön, Ben, sehr schön.»

Der Kuss des Vizes auf Trumps Derrière

Niemand aber surfte rasanter auf dem schleimigen Gelände rings um Trump als Vizepräsident Mike Pence. In weniger als drei Minuten pries er Trump 14-mal und pumpte das Ego des Präsidenten auf Grösse XL. «Sie haben die amerikanische Energie entfesselt», bescheinigte er der Ikone im Weissen Haus. Und: «Ich bin von tiefer Demut erfüllt, dass ich als Ihr Vizepräsident hier sein darf.»

Der Kuss des Vizes auf Trumps Derrière wurde durch weitere Ergebenheitsbekundungen und schöne Redewendungen abgerundet. «Vor allem aber, Herr Präsident, will ich so schliessen, wie ich angefangen habe: Ich möchte Ihnen danken, Herr Präsident!» Denn «Sie haben einen Optimismus in Gang gesetzt, der alle Rekorde schlägt». Und ausserdem «die amerikanische Glaubwürdigkeit auf der Weltbühne wiederherstellt».

«Herr Präsident, Sie sind allen Erwartungen gerecht geworden.»Orrin Hatch, Senator

Angesichts solcher Heldenverehrung wollte der alte Senator Orrin Hatch, der in 83 Jahren etliche amerikanische Superstars, vorneweg Ronald Reagan, hautnah erlebt hat, nicht hintanstehen. «Herr Präsident, Sie sind allen Erwartungen gerecht geworden, Sie sind ein unglaublicher Führer, von dem wir alle profitieren. Der Präsident ist nicht einmal ein Jahr im Amt, schauen Sie doch nur, was er alles gemacht hat – oft nur durch blossen Willen», überschüttete Hatch den Magier aus New York mit verbalem Puderzucker.

Danach katzbuckelte der Senator munter weiter: «Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen», erklärte er. Deshalb sei es «eines der grössten Privilegien in meinem Leben, hier auf dem Rasen des Weissen Hauses mit einem Präsidenten zu stehen, den ich so sehr liebe und schätze». Gewiss werde man Trumps Präsidentschaft «zur grössten Präsidentschaft nicht nur in Generationen, sondern vielleicht aller Zeiten machen».

Video: Stundenlange Lobhudelei
Video: Youtube / RSBN (20. Dezember 2017)

Derlei Anbiederung hatte Adolph Freiherr von Knigge im Sinn, als er «eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, zu rechter Zeit Verleugnung» als hohe Kunst der Arschkriecherei empfahl. Noch geschmeidiger als Hatch aber verleugnete sich die republikanische Abgeordnete Diane Black: «Dankeschön, Präsident Trump, dass Sie uns erlauben, Sie als Präsidenten zu haben», warf sie sich vor Trump in den Staub.


«Das waren für mich die Bilder des Jahres»

Bildredaktor Boris Müller über Trumps Fake-Triumph und den berührenden Abschied von toten Rockstars.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2017, 19:10 Uhr

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