Sein Absturz war eine Frage der Zeit – das Gegenteil traf ein

Keine Chance gaben ihm Politbeobachter, jetzt führt Donald Trump das Rennen der Republikaner klar an. 6 Gründe, warum die Prognosen total daneben lagen.

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Ja, Donald Trump hat auch Positives bewirkt: Er provoziert seine republikanischen Mitkandidaten zu erstaunlich differenzierten Aussagen. Das wurde bei der letzten TV-Debatte der Präsidentschaftsanwärter deutlich. Ein Format, das in der Regel schrille Töne hervorbringt.

Umfrage

Schaffts Donald Trump zum Sieg bei den Republikanern?

Ja

 
52.8%

Nein

 
47.2%

2340 Stimmen


Die gab es auch dieses Mal. Aber nicht nur: Jeb Bush präsentierte sich mit seiner Aussage, dass ein Einreiseverbot für Muslime die Verbündeten in der arabischen Welt verprellen würde, weitsichtig. Oder Rand Paul, der in der Regel die Interessen der Tea Party vertritt, sagte: «Wenn sie die Familien von Terroristen töten, dann verstossen sie gegen die Genfer Konvention und missachten alle Normen, die Amerika ausmachen.»

Je mehr er kritisiert wird, desto mehr steigen die Umfragewerte: Donald Trump, der sich an der republikanischen TV-Debatte einen Schlagabtausch mit Jeb Bush lieferte. (Quelle: Youtube)

Es sind alles Reaktionen auf Trump. Der Immobilien-Tycoon mit der wippenden Haarmatte schafft es, allen anderen die Show zu stehlen. Noch immer.

Dabei ist Trump als schlechter Witz gestartet. Als er am 16. Juni im New Yorker Trump Tower seine Kandidatur für die Primary verkündete, rang dies seinen Mitkonkurrenten ein müdes Lächeln ab. Schon bei früheren Präsidentschaftswahlen wurde er als möglicher Kandidat gehandelt. Doch insgeheim wussten alle: Er wird sich zurückziehen, sobald der erste Applaus und die gewohnten Buhrufe erklingen.

Doch nun will Trump den Witz zu Ende erzählen. Er wird sich ernsthaft als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung stellen – sollten ihm die Republikaner im kommenden Juni das Vertrauen aussprechen. Danach sieht es zurzeit aus. In den aktuellen Polls lässt er mit doppelt so vielen Prozentpunkten die restlichen Kandidaten weit hinter sich. Viele Fragen sich: Wie macht er das bloss? Weshalb würden ihn nunmehr fast 40 Prozent der republikanischen Wähler gerne im Weissen Haus sehen?

Dafür gibt es Gründe:

Vorne weg: Donald Trump (blaue Farbe). (Quelle: RealClearPolitics)

1. Sein ansteckendes Charisma

Trump lügt. Und das ziemlich oft, wie das Portal Politifact in einem Faktencheck eindrücklich belegt. Doch das spielt keine Rolle. Entscheidend ist nicht, was, sondern wie Trump es sagt. Dynamik, Körperhaltung, die Art zu lachen und die Gesichtszüge sind gemäss Stanford-Psychologe Jeffrey Pepper entscheidend, um Autorität zu suggerieren: «Bei Trump ist alles kraftvoll und energiegeladen. Energie wirkt ansteckend.»

2. Er findet auf alles eine einfache Antwort

Trump versteht es, auf brennende Fragen einzugehen. Und das mit simplen Antworten. Machst du dir Sorgen über die steigende Immigration? Bau eine Mauer. Hast du Angst vor Islamisten? Lass sämtliche Muslime vom Geheimdienst überwachen. Stehst du auf der Seite der Polizei? Todesstrafe für alle Polizistenmörder! «Viele Menschen mögen sein vereinfachtes Weltbild», sagt John Hibbing, Psychologe an der Universität von Nebraska gegenüber der «Washington Post». «Sie suchen einfache Antworten auf eine Welt, die ihnen zusehends komplex erscheint.»

3. Trump profitiert von der Migration

Gemäss einer Erhebung zieht Trump seine Anhänger vor allem aus der unteren Gesellschaftsschicht. Seine Unterstützer haben oftmals eine schlechte Ausbildung und sind arbeitslos. Sie bewerben sich deshalb auf dieselben Jobs wie Einwanderer. Die ungebetene Konkurrenz machen sie dann für ihre eigene Misere verantwortlich. Gemäss dem Ökonomen Robert Shapiro stagniere das durchschnittliche US-Haushaltseinkommen seit der Jahrtausendwende oder sei gar zurückgegangen. Das heisst, dass Trumps potenzielle Wählergruppe stetig ansteigt.

Wenn sich Lügen auszahlen: Politifact unterzog Trump einem Faktencheck.

4. Viele haben genug von der politischen Elite

Trump hat sich geschickt positioniert. Die Rolle als Gegner des politischen Establishments ist ihm inzwischen nicht mehr zu nehmen. Mit Folgen: Je mehr er von «Mainstream»-Medien und gemässigten Politikern kritisiert wird, desto mehr Rückhalt geniesst er. Wenn die Presse ihm wieder einmal vorwerfe, dass er lüge, dann steigere dies das Wir-gegen-sie-Gefühl, schreibt die «Washington Post».

5. Die politische Unkorrektheit

Bei einer Wahlkampfveranstaltung im August sagte Trump: «Dieses Land hat ein grosses Problem und das ist seine politische Korrektheit.» Eine Aussage, die ihm grenzenlosen Jubel einbrachte. Er fügte an, dass er auf politische Korrektheit pfeife, weil er dafür schlicht keine Zeit habe. Er könne nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Auch das brachte ihm Erfolg. Seine umstrittensten Aussagen gehören gleichzeitig zu den populärsten. Etwa, dass nach 9/11 in New Jersey Tausende Muslime gejubelt hätten oder dass es unter den mexikanischen Migranten überdurchschnittlich viele Vergewaltiger geben soll.

6. Wäre Trump auch in Europa erfolgreich?

Der Nährboden für Trumps Erfolg ist sein negatives Weltbild. Sozusagen setzt er, wie andere Parteien, die in unseren Breitengraden zurzeit erfolgreich sind, auf ein simples Rezept: Angstmacherei. Der deutsche Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt ist deshalb überzeugt: «Wenn ein Donald Trump in Deutschland auftauchte, hätte er gute Chancen, zumindest in ein Parlament gewählt zu werden.» Rechte Demagogen, die mit diffusen Ängsten spielen, seien zurzeit auf dem Vormarsch, sagte er gegenüber «T-Online».

Trumps Gegner wären gut beraten, ihren Kontrahenten ernst zu nehmen. Sonst steigen seine Umfragewerte weiter an. (mrs)

Erstellt: 17.12.2015, 16:07 Uhr

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