Sehnsucht nach dem Alten

Der Tod von George H. W. Bush löst in den USA unerwartet heftige Trauer aus. Denn einer wie er hätte heute keine Chance mehr auf die Präsidentschaft.

Viele Menschen erweisen dem aufgebahrten George H. W. Bush im Capitol die letzte Ehre. Foto: Keystone

Viele Menschen erweisen dem aufgebahrten George H. W. Bush im Capitol die letzte Ehre. Foto: Keystone

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Im Angesicht des Todes wird ­Washington plötzlich ganz zahm. Sogar Donald Trump benimmt sich. Er ist ins Capitol gefahren und hat dem verstorbenen George H. W. Bush die letzte Ehre erwiesen. Er hat die Familie des ehemaligen Präsidenten im Blair House untergebracht, dem Gästehaus der Regierung. Und am Mittwoch sass Trump in der ­Kathedrale von Washington und nahm zusammen mit der Nation und Politikern aus aller Welt Abschied von seinem Vorgänger.

Die Bushs hatten sich Trumps Anwesenheit ausdrücklich gewünscht. Denn Trump hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Bush-Präsidenten – Vater George Herbert Walker Bush und dessen Sohn George W. Bush – für Versager und Weichlinge hält. Und Jeb Bush hatte er im Vorwahlkampf 2016 fertiggemacht. Am rechten Rand der Republikaner kam das gut an, dort hält man die Bushs ebenfalls für elitäre Pseudokonservative.

Aber Trump hat ein gutes Gespür für Stimmungen. Und als am vergangenen Wochenende die Nachricht vom Tod Bushs bekannt wurde, war die überwältigende Stimmung im Volk Trauer, in die sich eine unmissverständliche Sehnsucht mischte. Eine Sehnsucht nach der Zeit, als Politik noch kein mörderischer Nahkampf war und Politiker noch halbwegs anständig miteinander umgingen; als Kompromisse noch nicht als Verrat galten und die andere Partei nicht als Feind.

Amerika hat sich seit Bush verändert, und mit dem Land die Parteien.

Bei Twitter, Trumps bevorzugtem Medium, machte sofort ein Bild jenes freundlichen, ermutigenden Briefchens die Runde, das Bush nach der verlorenen Wahl 1992 seinem Nachfolger Bill Clinton auf den Schreibtisch im Oval Office gelegt hatte. Er drücke ihm die Daumen, schrieb der Wahlverlierer, denn Clintons Erfolg sei nun Amerikas Erfolg.

Dass Trump sich nach einer Niederlage so grosszügig verhalten könnte, glaubt niemand, am wenigsten wohl Trump selbst. Doch er sah, wie sehr sich die Amerikaner nach dieser Art von Respekt, Zivilität und Patriotismus sehnten – vielleicht genau deswegen, weil ihr amtierender Präsident auf derartige altmodische Tugenden normalerweise pfeift. Also twitterte Trump freundliche Dinge über den alten Bush und dessen Familie.

All die Lobpreisungen, mit denen Demokraten und Republikaner den Verstorbenen überhäufen, können freilich nicht über eine Wahrheit hinwegtäuschen: Keine Partei in den USA würde heute einen Mann wie George Herbert Walker Bush als Präsidentschaftskandidaten aufstellen, egal was er geleistet oder wie heldenhaft er seinem Land im Krieg gedient hat. Amerika hat sich seit Bush verändert, und mit dem Land die Parteien.

So mögen die Demokraten Bush jetzt verklären. Aber dass sie selbst einen reichen, weissen, privilegierten Mann aus dem Ostküstenadel, den Spross einer politischen Dynastie zum Kandidaten fürs Weisse Haus machen, ist heute kaum vorstellbar. Das sollte zum Beispiel dem jungen Abgeordneten Joseph Patrick Kennedy III zu denken geben, dem Enkel von Bobby Kennedy und Grossneffen von JFK, der angeblich eine Präsidentschaftskandidatur erwägt. Vielleicht sollte sich aber auch der ehemalige Aussenminister John Kerry die Sache mit der Kandidatur nochmals überlegen. Die Zeit der Neuengland-Patrizier dürfte bei den Demokraten vorbei sein.

Bob Dole salutiert

Auch bei den Republikanern hätte jemand wie Bush heute keine Chance. Das musst Jeb Bush 2016 bitter erfahren. Die Partei hat kein Problem mit weissen Männern, aber sie hat sich Trumps xenophobem, polterndem, engstirnigem Nationalismus unterworfen, den Leute wie George H. W. Bush stets ablehnten. Trump ist in politischer wie persönlicher Hinsicht das Gegenteil des alten Bush. Genau das ist der Grund, warum dieser, ein stolzer Republikaner, 2016 nicht für den Präsidentschaftskandidaten seiner Partei gestimmt hat. Und es ist kein Zufall, dass jene Kommentatoren, die Trump am heftigsten verteidigen, am wenigsten um Bush trauerten.

Und so waren die Trauer­feierlichkeiten für Bush vor allem eine Gelegenheit, das alte, ­«bessere» Washington und die Erinnerung an die bröckelnde westliche Weltordnung zu feiern. Einer der eindrücklichsten Momente der letzten Tage war jener, als der greise frühere republi­kanische Senator Bob Dole im Capitol vor Bushs Sarg salutierte – zwei Veteranen, die für diese Weltordnung fast ihr Leben gegeben hätten, der eine wurde 1945 in Italien von einem deutschen Maschinengewehr durchsiebt, der andere 1944 von den Japanern abgeschossen. Sie repräsentieren ein anderes Amerika, eines, das es nicht mehr gibt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 20:38 Uhr

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