Schöner fluchen mit Donald Trump

In Europa wird «Shithole» in Radio, Fernsehen und Zeitung verwendet. In Asien wird das Wort kreativ umschrieben. Eine Presseschau der besonderen Art.

«Shithole»: Nachdem der US-Präsident diesen Ausdruck an einer Sitzung im Zusammenhang mit Einwanderungsländern gebraucht hatte, projizierte ein Künstler das Fluchwort an Trumps Hotel in Washington.
Sandro Benini@BeniniSandro

Die halbe Welt diskutiert gerade über Donald Trumps jüngste Missetat: während einer Sitzung gefragt zu haben, weshalb eigentlich so viele Leute aus «Shithole Countries» in die USA einwandern. Die politischen und moralischen Implikationen der Aussage lassen wir in diesem Beitrag beiseite, um uns ganz auf ein linguistisches Problem zu konzentrieren: Wie sollen Medien mit dem Wort «Shithole» umgehen?

In den USA haben viele Medien eine traditionelle Scheu davor, vulgäre Wörter und Ausdrücke zu drucken oder zu senden. Der Komiker George Carlin hatte sich darüber bereits 1972 lustig gemacht, in seinem Monolog «Sieben Wörter, die du niemals am Fernsehen sagen darfst» (nämlich: shit, piss, fuck, cunt, cocksucker, motherfucker und tits). Als der Radiosender WBAI den Monolog ausstrahlte, reichte jemand Beschwerde ein. Es kam zu mehreren Prozessen und widersprüchlichen Gerichtsurteilen über die Frage, ob es das in den USA hochgehaltene Prinzip der Meinungsfreiheit den Medien erlaube, die sieben Wörter sowie andere Vulgärausdrücke zu verwenden.

Ein «Shithole» in der «New York Times»

Wie auch immer: Die bisherige Zurückhaltung schwindet, wie die Onlinepublikation «Quartz» festhält. «Dank Donald Trump fluchen endlich auch die Mainstream-Medien», titelt «Quartz» und hält fest: «Fluchen ist tabu, aber dies ändert sich gerade, dank Amerikas fluchendem Präsidenten Donald Trump.» In der Tat: Ein Bot (also ein automatisch arbeitendes Computerprogramm) hält fest, wann die ehrwürdige «New York Times» zum ersten Mal ein Wort verwendet. Demnach ist «shithole» in der Geschichte der Zeitung erstmals am 11. Januar 2018 gedruckt worden.

Fernsehbeiträge über Trumps Ausspruch haben teilweise einen Vorspann, der die Zuschauer darauf hinweist, dass gleich Anstössiges kommt. In einigen Nachrichtensendungen wurde das ominöse Wort gar nicht verwendet, und einige Zeitungen und Webseiten schrieben «Sh*thole». «USA Today» säuselte im Titel eines Beitrages, Trump habe einen «groben Ausdruck» verwendet, die Nachrichtenagentur Associated Press verharmloste, er habe afrikanische Länder mit «Vulgarität abgekanzelt». Die «Washington Post», die als Erste vom skandalumwitterten Ausspruch des US-Präsidenten berichtete, verwendet «Shithole» hingegen sowohl im Titel als auch im Text der jeweiligen Artikel. Dasselbe gilt für den britischen «Guardian».

Das deutsche «Drecksloch»

Interessant und zumindest auf den ersten Blick teilweise skurril ist es, wie nicht englischsprachige Medien «Shithole» übersetzen und dabei allenfalls versuchen, die Vulgarität des «Scheissloches» abzufedern. Schon das üblicherweise in deutschen Medien verwendete «Drecksloch» ist harmloser als das Original, weil «Dreck» im Unterschied zu «Scheisse» nicht vulgär ist. Dass deutsche Publikationen dennoch überwiegend «Drecksloch» verwenden, hat wohl weniger mit der Scheu vor Kraftausdrücken zu tun als damit, dass «Scheissloch» wie eine ungebräuchliche Übersetzung aus dem Englischen klingt.

Ansonsten zeigen europäische Publikationen wenig Scheu, «Shithole» in seiner ganzen Drastik zu übertragen, mit einer Ausnahme: Die holländische Zeitung «Volkskrant» liess es bei «rückständigen Ländern» bewenden. Spanische, französische, portugiesische und italienische Medien hingegen wagten es, «paises de mierda», «pays de merde», «buchi di merda» zu schreiben.

In Afrika, von Trumps verbalem Furor direkt betroffen, schrieb eine Zeitung aus Tansania laut dem US-Medienkonzern CBS von «schmutzigen Ländern», während eine kenianische Publikation das Wort «Exkremente» verwendete. Man könne Trumps Ausspruch auch direkter auf Suaheli übersetzen, beteuerte deren Chefredaktor, aber das sei «undruckbar».

«Wo Vögel keine Eier legen»

Undruckbar ist «Shithole» offensichtlich besonders für asiatische Medien, die deshalb laut einer Liste der deutschen Zeitung «Tagesspiegel» Umschreibungen wie «Bettlerhöhlen» (Südkorea), «Müll-Länder» (Vietnam), «schlechte Länder» (China) oder «Länder wie Toiletten» (Japan) wählten. Besonders kreativ und poetisch schien die staatliche Nachrichtenagentur Taiwans, schrieb sie doch von «Ländern, in denen Vögel keine Eier legen». Weniger zurückhaltend waren hingegen philippinische Medien, angeblich, weil sie durch die vulgären Ausbrüche des dortigen Präsidenten Rodrigo Duterte abgehärtet sind. Der englischsprachige «Philippine Star» brachte «Shithole» sogar in einer Überschrift.

Die sprichwörtliche asiatische Höflichkeit, die Scheu, durch einen Wutausbruch das Gesicht zu verlieren, haben laut Christoph Neidhart, der für DerBund.ch/Newsnet aus Ostasien berichtet, Kraftausdrücke mit einem starken Tabu belegt. Sie in Zeitungen zu drucken, sei undenkbar. Als Beispiel für japanische Zurückhaltung erzählt Neidhart folgende Episode: «Als ich meine in Japan aufgewachsene Tochter einmal zur Schule brachte und einen anderen Verkehrsteilnehmer fragte, ob er keine Augen im Kopf habe, war sie entsetzt. So dürfe man doch nicht mit fremden Leuten sprechen.» Das bedeute aber nicht, dass es im Japanischen keine Beleidigungen gebe. Sie würden einfach subtiler ausgedrückt, etwa durch die Wahl des Personalpronomens oder die Endung des Verbes. Als schwächer werden sie deswegen von Muttersprachlern nicht wahrgenommen.

Im Chinesischen seien überdies viele Wörter nur aus ihrem literarisch-historischen Kontext zu verstehen. Wenn ein Wort einst in einem jahrhundertealten Gedicht in einer anderen, allenfalls vulgären oder pejorativen Bedeutung vorgekommen sei, verstehen gebildete Chinesen die jeweiligen Anspielungen. «Ausländer hingegen nehmen lediglich einen völlig alltäglich klingenden Satz wahr, auch wenn sie relativ gut Chinesisch sprechen», sagt Neidhart.

«Wo Vögel keine Eier legen» sei keine aus Scham geborene Schöpfung der taiwanesischen Agentur, sondern die wörtliche Übertragung einer idiomatischen Wendung. Oder vielmehr die halbe Übertragung, denn eigentlich heisst es: «Ein Ort, wo Hühner nicht kacken und Vögel keine Eier legen.» Offensichtlich haben die taiwanesischen Journalisten den ersten Teil als zu obszön eingeschätzt, um ihn zu drucken. Das Ganze mag schief wirken und wurde deshalb von zahlreichen westlichen Medien mit Belustigung zitiert. Aber wenn man eine Wendung wie «aus einer Fliege einen Elefanten machen»» ins Englische, Französische oder in eine andere Sprache übersetzt, kommt es genauso schief heraus.

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